Das Anthropozän
Das jüngste Erdzeitalter, das Holozän, bot seit seinem Beginn vor rund 11.700 Jahren aufgrund höherer Temperaturen und stabiler Klimaverhältnisse ausgesprochen günstige Bedingungen für die Ausbreitung und die weitere Entwicklung des Homo sapiens. Der Mensch griff zwar bereits als Jäger und Sammler in seine Umwelt ein, doch spätestens mit der Industrialisierung begann er derart massiven Einfluss zu nehmen, dass er zum dominanten geophysikalischen Faktor wurde, dessen Spuren noch in ferner Zukunft in Gesteinsschichten oder anhand von Fossilien nachweisbar sein werden. Im Jahr 2002 schlug daher der Chemie-Nobelpreisträger Paul J. Crutzen im Wissenschaftsjournal Nature den Begriff Anthropozän vor, um dieses neue Zeitalter vom Holozän abzugrenzen.
Eine Entscheidung, ob das Anthropozän formell als ein neuer geologischer Zeitabschnitt der Erdgeschichte eingeführt werden soll, steht noch aus. Zuständig dafür ist die Internationale Kommission für Stratigrafie in London. Sie fordert vor der Festlegung einer neuen Zeiteinteilung einen eindeutig belegbaren Beweis für bleibende Veränderungen in der Geologie. Ein weiteres Problem scheint die Frage, welches historische Ereignis beziehungsweise welche geologisch registrierten Einflüsse den Beginn des Anthropozäns markieren sollen. Am häufigsten diskutiert werden die Kolonisierung des nordamerikanischen Kontinents im 15. und 16. Jahrhundert, der Beginn des Industriezeitalters mit der Erfindung der Dampfmaschine, die eine massive Nutzung fossiler Brennstoffe in Gang setzte (18. Jahrhundert), und die frühen Atombombentests (ab 1945), bei denen Unmengen radioaktiver Stoffe freigesetzt und in geologischen Schichten gespeichert wurden. Viele Befürworter eines neuen Zeitabschnitts namens Anthropozän sehen Letzteres als Startpunkt, auch weil nach dem Zweiten Weltkrieg ein massiver globaler Wirtschaftsaufschwung – die sogenannte Große Beschleunigung – mit einer zunehmenden Belastung des Systems Erde einsetzte. So stiegen seither Umweltverschmutzung, Verstädterung sowie der Verbrauch von Ressourcen und Energie, um nur drei eindeutig auf den Menschen zurückzuführende Aspekte zu nennen, in bis dahin unbekanntem Ausmaß an.
Kritiker monieren, dass das Anthropozän-Konzept gegen ziemlich alle wissenschaftlichen Standards der Stratigrafie verstoße. Eine geologische Zeitenwende, so ihr Einwand, müsse sich weltweit im Gestein abzeichnen, und die Ablagerungen müssten zeitlich eindeutig zuzuordnen sein. Als die ersten Kernwaffentests durchgeführt wurden, hatten jedoch fast alle anderen Umweltveränderungen, die als Belege für das Anthropozän gelten, längst begonnen. Im Eis der Polarregionen etwa setzte die Ablagerung von Treibhausgasen im Gefolge der Industrialisierung bereits mindestens 150 Jahre zuvor ein. Man könne aber auch die Industrialisierung nicht als Startzeit des Anthropozäns nehmen, denn der Ausstoß von Treibhausgasen sei nicht global gewesen, sondern habe zunächst nur in Europa stattgefunden. Außerdem komme es gemäß den Regeln der Stratigrafie nicht nur auf die Grenzschicht an, sondern ebenso auf die geologischen Ablagerungen darüber. Das bedeutet: Was sich weltweit ab Beginn des Anthropozäns – so man es denn formell einführen würde – ablagert, müsste noch in ferner Zukunft global eindeutig dem Menschen zuzuordnen sein.
Selbst wenn die Internationale Kommission für Stratigrafie das Anthropozän nicht als erdgeschichtliche Epoche einstufen sollte, ist und bleibt das Konzept eine ethische Herausforderung: Wir Menschen müssen zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit der Erde finden und zu der Einsicht kommen, dass sie nicht zu unserem Nutzen besteht, sondern wir vielmehr ein Teil ihres komplexen dynamischen Systems sind. Und so wurde das ursprünglich geologische Konzept eines vom Menschen dominierten Zeitalters bald von anderen Wissenschaftsbereichen aufgegriffen, von Umwelt-, Politik- und Kulturwissenschaften über Sozialökonomie bis hin zu Philosophie und Theologie. Ungeachtet der daraus resultierenden interdisziplinären Diskurse bleibt die Tatsache, dass der Mensch seine Umwelt tiefgreifend verändert hat, das System Erde und der Mensch mithin nicht mehr getrennt voneinander gesehen werden können.
Das Ausmaß der vom Menschen verursachten Umwelteinflüsse zeigt sich in vielen Bereichen, unter anderem am extrem hohen Anteil an Treibhausgasen in der Atmosphäre, an den mit Plastik verschmutzten Ozeanen sowie am besorgniserregenden Abschmelzen der Eiskappen und der polaren Meeresgebiete. Während in erschreckendem Tempo Wildnis schwindet, nimmt die Verstädterung rasant zu, mit all ihren negativen Folgen wie etwa der Anfälligkeit für Naturkatastrophen oder Verslumung.
Der Mensch übernutzt die Biokapazität unserer Erde derzeit um einen Faktor von 1,7. Das bedeutet, dass er bereits jetzt 1,7-mal mehr Ressourcen verbraucht, als die Erde zur Verfügung stellen kann – und das bei weiter steigendem Bevölkerungswachstum. Fast die Hälfte der Landmasse der Erde beansprucht der Mensch zur Produktion von Lebensmitteln, die von ihm domestizierten Tiere machen 90 Prozent der lebenden Säugetiere aus. Derweil steigt die Aussterberate von Tier- und Pflanzenarten drastisch an. All dies sind nur einige der Faktoren, die die Erde aus ihrem natürlichen Gleichgewicht bringen. Die wichtigsten Entwicklungen werden nachfolgend vertieft.
Es bleibt die Frage, wie die Zukunft der Menschheit bis zum Ende des 21. Jahrhunderts aussehen wird. Der technologische Fortschritt, besonders in der Informationstechnologie, der Biomedizin und -physik sowie der industriellen Eroberung des Weltraums, wird unsere Gesellschaft in unvorstellbarer Weise verändern. Die Informationstechnologie, vor wenigen Jahrzehnten noch Zukunftsmusik, hat auf breiter Ebene Einzug in unseren Alltag gehalten. Ihre Nutzungsmöglichkeiten sind längst nicht ausgeschöpft, noch nicht einmal absehbar. Die Entschlüsselung des humanen Genoms vor gerade einmal 20 Jahren war der Grundstein, die Funktion von Genen zu erforschen. Dadurch ist es heute bereits möglich, Krankheiten präziser zu diagnostizieren, bestimmte Erbkrankheiten zu therapieren oder dürreresistente Pflanzen zu züchten. Dank weiterer Forschung wird man schon bald Organe künstlich erzeugen oder Krebserkrankungen heilen können. Womöglich wird man durch sogenanntes Gene Editing, das »Aus- und Anknipsen« von Genen, sogar den Alterungsprozess aufhalten oder durch Veränderungen im Bauplan des Gehirns die Menschen auf ein geistig höheres Niveau heben können. Gerade die letzten Beispiele zeigen aber auch, dass dem sogenannten Bioengineering ethische Grenzen gesetzt werden müssen. Die industrielle Eroberung unserer Galaxis schließlich wird uns den Zugriff auf Bodenschätze von Planeten und Monden ermöglichen und uns zumindest bei einigen Ressourcen unabhängig von den begrenzten Vorkommen der Erde machen.
Die Voraussetzung für die weitere Entwicklung der Menschheit im gerade erst begonnenen 21. Jahrhundert bildet allerdings die Bewahrung des Weltfriedens, ist doch die Menschheit in der Lage, sich selbst durch einen Atomkrieg auszulöschen. Dieser wichtige Aspekt war nach dem Ende des Kalten Kriegs aus dem Bewusstsein geraten, hat aber durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine plötzlich wieder an Aktualität gewonnen.
Klimawandel
Im Lauf der Erdgeschichte kam es immer wieder zu teils erheblichen Klimaschwankungen. Ausgelöst wurden sie durch unterschiedlich hohe Kohlendioxidkonzentrationen in der Atmosphäre, die ihrerseits häufig eine Folge von starkem Vulkanismus oder von Gebirgsbildung waren oder auf den sogenannten Milanković-Zyklen basierten. Während des Höhepunkts der letzten Eiszeit zum Beispiel, vor rund 20.000 Jahren, waren große Teile Nordeuropas von einem teils mehrere Kilometer dicken Eisschild bedeckt. Seit knapp 12.000 Jahren erlebt die Erde eine Warmzeit, das Holozän, in der das Klima bis vor etwa 150 Jahren vergleichsweise stabil war und dadurch beste Voraussetzungen für die Entwicklung der Menschheit schuf.
Mit Beginn der zweiten industriellen Revolution um etwa 1870 setzte jedoch eine ungewöhnlich starke weltweite Erwärmung ein. Allein in den gut 100 Jahren von 1900 bis 2010 stieg die globale oberflächennahe Mitteltemperatur von 13,6 auf 14,5 °C, wobei der stärkste Anstieg in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu verzeichnen war. Die Frage, welche Faktoren dieser Erderwärmung auf anthropogene Einflüsse zurückzuführen und welche natürlichen Ursprungs sind, ist nicht eindeutig zu klären, vermutlich aber zeichnet der Mensch für gut die Hälfte davon verantwortlich. Das legen unter anderem aus Jahresringen von Bäumen und aus Korallenstöcken gewonnene Daten nahe. Demnach gab es in den vergangenen 2000 Jahren immer nur regionale Erwärmungen, während das derzeitige Global Warming eben global ist: Es betrifft 98 Prozent der Erde.
Um abschätzen zu können, welche Konsequenzen Klimaänderungen für die menschliche Zivilisation haben können, muss man nur auf diese 2000 Jahre zurückblicken. Zur Zeitenwende waren die Sommer in Mitteleuropa zumeist feucht, warm und vergleichsweise stabil. Ab 250 n. Chr. wurden sie spürbar kühler und unbeständiger. Etwa 300 Jahre blieb das Sommerklima wechselhaft, was womöglich zum Zerfall des Weströmischen Reiches beitrug und einer der Auslöser für die Völkerwanderungen war. Ab dem 7. Jahrhundert leiteten steigende Temperaturen und vermehrte Niederschläge die mittelalterliche Klimaanomalie ein, die mit einem kulturellen Aufstieg einherging. Vermutlich waren die milden Temperaturen einer der Gründe, warum die Wikinger damals Grönland besiedelten. Sie gaben der Insel den Namen Grænland, altnordisch für »Grünland«. Allerdings war selbst damals nicht ganz Grönland »grün«, allenfalls die Küsten, denn der Eisschild, der den größten Teil der Insel bedeckt, ist zwischen 400.000 und 800.000 Jahre alt. Auch die Kleine Eiszeit von Anfang des 15. bis Ende des 18. Jahrhunderts hatte Auswirkungen auf die Zivilisation. Lange, kalte Winter, späte Kälteeinbrüche, nasskalte Sommer, frühe Herbstfröste, Stürme und Starkregen führten zu Versorgungskrisen, Preissteigerungen, Hungersnöten und Seuchen. Im 17. Jahrhundert, dem Kernzeitraum mit seiner ungewöhnlichen Kälteperiode und noch häufigeren Missernten, steigerte sich die existenzielle Bedrohung noch, was zu vermehrten sozialen Spannungen führte, die sich unter anderem in Hexenprozessen entluden. Auch in anderen Weltregionen lassen sich vergleichbare Zusammenhänge zwischen Klimaänderungen und historischen Ereignissen rekonstruieren.
Obwohl die unterschiedlichen Klimaperioden der vergangenen 2000 Jahre zeitlich wie regional beschränkt waren, hatten sie weitreichende Auswirkungen auf die Natur und lösten teils tiefgreifende gesellschaftliche Umbrüche aus. Die derzeitige Erwärmung hingegen ist nicht nur weltumspannend, sondern geht zudem mit einem schnelleren und stärkeren Anstieg der Temperaturen einher. Ohne verschärfte Klimaschutzmaßnahmen könnte die weltweite Durchschnittstemperatur bis zum Ende dieses Jahrhunderts um weitere 3 °C, wenn nicht gar 5 °C steigen. Die Menschheit sähe mithin gewaltigen Veränderungen ihrer Umwelt entgegen und steht vor monumentalen Herausforderungen.
Folgen des Klimawandels
Eine der folgenschwersten Entwicklungen ist der Rückgang der sommerlichen Eisbedeckung des Arktischen Ozeans. Während sich das Eis zwischen 1979 und 2000 über eine Fläche von durchschnittlich 7,5 Millionen Quadratkilometern erstreckte, lagen die Werte in den letzten Jahren nur noch bei gut der Hälfte. Ebenso verringerte sich seine Mächtigkeit: von durchschnittlich 3,1 auf 1,8 Meter. Das liegt auch daran, dass sich die Eisschmelze selbst verstärkt, da mit schwindendem Eis zunehmend weniger Sonnenenergie zurückgestrahlt, sondern stattdessen vom Meer absorbiert wird. Dies heizt den Treibhauseffekt weiter an. Manche Klimamodelle prognostizieren bereits bis Mitte des Jahrhunderts ein im Sommer eisfreies Nordpolarmeer. Auf dem Eis heimische Tiere wie Eisbären oder Walrosse verlieren dadurch ihren Lebensraum, und Menschen wie diejenigen unter den Inuit, die noch über viele Monate von der Jagd auf dem Eis leben, büßen ihre Existenzgrundlage und wichtige Elemente ihrer Tradition ein. Das Abschmelzen des sommerlichen Meereises ist eines der bedeutsamsten Kippelemente: eine überregionale Komponente des Klimasystems, die selbst auf geringe Störungen äußerst empfindlich reagiert. Wird ein bestimmter Schwellenwert erreicht, kippt die Komponente in einen neuen Zustand, was sprunghafte und oft unumkehrbare Veränderungen im Systemverhalten nach sich zieht. Die Eisschmelze ist zudem eine der Ursachen für Veränderungen in den globalen Windsystemen und Ozeanströmungen.
Spürbar ist dies unter anderem am vermehrten Auftreten von Wetterextremen wie Wirbelstürmen, Starkregen und Fluten einerseits sowie Trockenheit oder anhaltenden Dürren andererseits. In unterschiedlichsten Regionen der Welt, vom Osten Deutschlands bis in die Sahelzone, wechseln sich zunehmend Dürren und Starkregen ab, zerstören die Böden und führen so in vielen Gebieten zu Desertifikation. Höhere Temperaturen und trockene sowie weniger fruchtbare Böden setzen die Pflanzen unter Stress. Sie werden anfälliger für Schadinsekten, die ihrerseits infolge milder Winter höhere Überlebenschancen haben, ihren Entwicklungszyklus beschleunigen und ihre Verbreitungsgebiete erweitern.
Trockenheit und Starkregen, der dem verkrusteten Boden kaum zugutekommt, zwingen die Landwirte immer öfter dazu, ihre Felder zu bewässern, was den Wasserverbrauch steigert – zusätzlich zum vermehrten Bedarf der wachsenden Weltbevölkerung und der Industrie. Dabei lebt schon heute ein Drittel der Weltbevölkerung in Regionen mit sogenanntem Wasserstress, was bedeutet, dass die Entnahme von Wasser die vorhandenen Ressourcen deutlich übersteigt. Und bereits 2015 war ein Drittel der weltweiten Grundwasserreserven übernutzt. Durch das Abschmelzen kontinentaler Eisschilde und der meisten Gletscher – Letztere sind in manchen Weltregionen die einzigen Wasserspeicher, allein in Asien für Millionen Menschen – stieg der Meeresspiegel seit Beginn der Industrialisierung im weltweiten Durchschnitt zunächst um zwei, in den letzten beiden Jahrzehnten um drei Millimeter pro Jahr. Bis Ende des Jahrhunderts könnte er im weltweiten Mittel um 30 Zentimeter, nach Prognosen des Weltklimarats sogar um einen Meter steigen. Das hätte katastrophale Folgen für Länder wie Bangladesch, das nur etwa einen Meter über dem Meeresspiegel liegt und schon jetzt regelmäßig in weiten Bereichen überflutet wird, oder die Niederlande, wo ohne Deiche bereits heute große Gebiete dauerhaft überschwemmt wären.
Die Ozeane sind die größten Wärme- und Kohlendioxidsenken der Erde – in den Meeren ist 20-mal mehr Kohlendioxid gespeichert als in der terrestrischen Biosphäre und sogar 50-mal mehr als in der Atmosphäre. Daher bremsen Ozeane den Klimawandel, wenngleich mit dramatischen Folgen für ihr eigenes System. Denn während Kohlendioxid in der Atmosphäre chemisch inaktiv ist, verbindet es sich im Meerwasser gelöst mit anderen Gasen und führt zu einer Versauerung. Dadurch sinkt die Konzentration von Karbonat, aus dem unter anderem Korallen, Muscheln, Schnecken, Stachelhäuter und Kalkalgen ihre Skelette und Schalen bauen. Die Kalzifizierungsrate der Korallenriffe – nicht nur Lebensraum der vielgestaltigen Nesseltiere, sondern unzähliger weiterer Meeresbewohner – liegt bereits jetzt um mehr als 40 Prozent unter derjenigen der 1970er-Jahre. Das Great Barrier Reef vor der Ostküste Australiens ist mittlerweile zur Hälfte abgestorben, und bis Mitte dieses Jahrhunderts könnte der Punkt erreicht sein, an dem eine Riffbildung unmöglich wird. Auch viele Kleinstorganismen des Planktons bauen ein Gehäuse aus Kalk, und Phytoplankton wandelt überdies mittels Fotosynthese anorganische Verbindungen in Sauerstoff um. Eine Verringerung oder gar das Verschwinden von Plankton hätte massive Auswirkungen auf das marine Nahrungsnetz und damit letztlich auf alle Erdenbewohner. Eine weitere große Gefahr liegt im Tauen von Permafrost, das als eines der bedeutsamsten Kippelemente der globalen Erwärmung gilt. Permafrostböden bedecken auf der Nordhalbkugel gut ein Viertel der Festlandfläche, insgesamt etwa 21 Millionen Quadratkilometer. Auf der Südhalbkugel beträgt ihr Anteil weniger als ein Prozent, da ein Großteil der Antarktis von Eis bedeckt ist. Die Mächtigkeit der Permafrostböden beträgt bis zu 1500 Meter. In den Permafrostböden der Arktis und der Antarktis – sowie einiger Hochgebirgsregionen – sind 1200 bis 1600 Gigatonnen Kohlenstoff gespeichert, doppelt so viel wie in der Erdatmosphäre. Tauen diese Böden, beginnt die Zersetzung der darin eingelagerten organischen Substanzen, was die Treibhausgase Kohlendioxid, Methan und Distickstoffmonoxid (Lachgas) freisetzt. Während Kohlendioxid von Beginn an in jeder Klimadebatte thematisiert wurde, drangen Methan und Distickstoffmonoxid erst vor Kurzem in den Fokus, obwohl beide Gase ein deutlich höheres Treibhauspotenzial besitzen.
Eine andere erst spät erkannte Gefahr droht durch Quecksilber: Mindestens 330.000, womöglich sogar 800 000 Tonnen des toxischen Metalls sind in den Permafrostböden gebunden. Schmilzt deren Eis, gelangt das Gift über das Grundwasser in Flüsse und Meere und schließlich in die Nahrungskette von Tier und Mensch. Eine weitere und unmittelbar spürbare Folge tauender Permafrostböden ist, dass Häuser, Fabriken und Straßen ihren bislang festen Untergrund einbüßen. In manchen Regionen Kanadas sind die Böden bereits jetzt in einem Maß aufgetaut, wie es erst für 2090 prognostiziert war.
Ausblick und Lösungsansätze
Um das Risiko von Kippeffekten möglichst gering zu halten, darf nach Ansicht der Wissenschaft die durchschnittliche Temperatur bis Ende dieses Jahrhunderts um maximal 2 °C steigen beziehungsweise die Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre 450 ppm (parts per million) nicht überschreiten. (2021 lag das Jahresmittel bei 419 ppm.) Dazu müsste sich der Kohlendioxidausstoß bis Ende des Jahrhunderts um mindestens 90 Prozent im Vergleich zu heute verringern, begleitet von einer Senkung der anderen Treibhausgase. Gelingt dies nicht, könnten die CO2-Werte am Ende des Jahrhunderts bei ungefähr 1000 ppm und die weltweite Durchschnittstemperatur bei 18 °C liegen. Man muss 50 Millionen Jahre, also bis ins Eozän zurückblicken, um abschätzen zu können, welche Folgen eine dauerhafte Erwärmung auf 18 °C hätte. Damals gab es kein Eis auf der Erde, und der Meeresspiegel lag 70 Meter höher als heute.
Um dem Klimawandel entgegenzuwirken, werden mitunter sogenannte Ingenieurslösungen wie das Einlagern von Kohlendioxid, die Eisendüngung der Weltmeere oder der Eintrag von Schwefel in die Atmosphäre propagiert, um die Sonneneinstrahlung zu reduzieren. Diese Maßnahmen sind jedoch wenig erfolgversprechend oder belasten die Umwelt zusätzlich. Auch die Kernkraft kann das Klimaproblem nicht lösen, trägt sie doch nur zwei Prozent zur weltweiten Energiegewinnung bei und birgt zudem eigene Gefahren.
Vielmehr muss die Weltwirtschaft durch Dekarbonisierung kohlendioxidneutral umgebaut werden. Dies gelingt nur mit dem Ausstieg aus Kohlekraftwerken und einem Durchbruch regenerativer Energien wie Sonne, Wind, Wasser und Erdwärme. Beides geht nicht von heute auf morgen. Als Sofortmaßnahmen bieten sich – neben Offensichtlichem wie etwa der Beschränkung des Straßenverkehrs – ein Stopp der Entwaldung, wie sie vor allem in Brasilien und Indonesien in großem Maßstab betrieben wird, und eine Aufforstung freier Flächen an. Bäume nehmen Kohlendioxid aus der Luft auf und bauen es in ihre Biomasse ein – sie machen somit während ihrer Lebensdauer eines der wichtigsten Treibhausgase unschädlich. Weltweit könnten laut der Vermessung einer Gruppe von internationalen Forschern 900 Millionen Hektar aufgeforstet werden, ohne dass dadurch Wohngebiete oder Wirtschaftsflächen beeinträchtigt würden.
Einen sehr hohen Beitrag zum Klimaschutz würde eine Einschränkung des Fleischkonsums leisten. Die Viehwirtschaft ist nicht nur einer der Gründe, dass Wälder gerodet werden, um mehr Weidegebiete oder Flächen zum Anbau von Futtermitteln zu gewinnen. Dafür werden schon jetzt etwa 70 Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche verwendet. Die Viehwirtschaft trägt laut Welternährungsorganisation (FAO) zudem mit 14,5 Prozent zu den weltweiten Treibhausgasemissionen bei – durch die Produktion und die Verarbeitung von Futtermitteln, die Herstellung von Düngemitteln und Pestiziden sowie durch die Verdauung der Wiederkäuer wie Rinder, Schafe und Ziegen, bei der Methan entsteht. Der schlimmste Klimakiller ist das Rind. Ein Hausrind stößt täglich 200 bis 300 Liter Methan aus, das als Treibhausgas in der Atmosphäre 25-mal wirksamer ist als Kohlendioxid. Vielleicht ist es an der Zeit, neue Wege zu beschreiten. Eine alternative Proteinquelle könnten etwa Insekten sein. In vielen Regionen der Welt sind sie bis heute Bestandteil der traditionellen Küche, und bis vor wenigen Jahrzehnten waren sie das sogar in Europa. So aß man zum Beispiel in Deutschland Maikäfersuppe. Insekten haben eine weit höhere Reproduktionsrate, stoßen erheblich weniger Kohlendioxid, Methan und andere Treibhausgase aus als Rinder, Schweine oder Geflügel und verbrauchen weniger Fläche: 15 Quadratmeter sind es für ein Kilogramm Grille, 200 Quadratmeter für ein Kilogramm Rind. Das Problem der globalen Erwärmung und der potenziellen Auswirkungen hat man aus wissenschaftlicher Sicht weitgehend erfasst und verstanden. Es besteht kein Zweifel, dass sofort und konsequent gehandelt werden muss. Die Wissenschaft hat ihre Bringschuld geleistet, jetzt ist die Politik, aber auch jeder Einzelne gefragt. Wird weiter derart zögerlich agiert, werden die Menschen am Ende des Jahrhunderts auf einer anderen Erde leben.
Artenvielfalt und Artensterben
Die Zahl der heute existierenden Arten zu beziffern ist kaum möglich. Ungefähr zwei Millionen Spezies von Tieren, Pflanzen und Pilzen sind derzeit katalogisiert, allerdings hat man viele Organismengruppen noch gar nicht zur Gänze erfasst. Beispielsweise wurde bislang etwa eine Million Insektenarten beschrieben, doch man schätzt, dass es fünfmal so viele gibt, da man vor allem in den tropischen Regenwäldern unzählige unentdeckte Arten vermutet. Insgesamt wird die Gesamtzahl der Mikroorganismen, Pilze, Pflanzen und Tiere auf der Erde auf zehn bis 20 Millionen Arten veranschlagt.
Die Artenvielfalt ist so hoch wie nie zuvor in der Erdgeschichte. Gleichzeitig erreicht auch das Artensterben neue Höchstwerte. Es ist daher häufig von einem Massenaussterben die Rede, aber das ist nicht korrekt. Zum einen bezeichnet dieser Begriff ein Verschwinden ungewöhnlich vieler Arten – zwischen 50 und 95 Prozent – in geologisch gesehen relativ kurzer Zeit als Folge eines verheerenden Ereignisses ohne anthropogenen Einfluss. Für das Artensterben der Gegenwart ist hingegen hauptsächlich der Mensch verantwortlich, wenngleich nicht ausschließlich, denn seit es Leben auf der Erde gibt, sterben Arten aus und würden es auch ohne Einwirken des Menschen weiterhin tun. Die Forschung geht davon aus, dass einzelne Arten ungefähr ein bis zehn Millionen Jahre existieren, bevor sie aussterben oder neue Arten aus ihnen hervorgehen – sei es durch Aufspaltung in Unterspezies oder durch die Bildung von Hybridformen. Zum anderen kam in der Vergangenheit nach jedem Massenaussterben das Leben umso vielfältiger zurück. Das wird dieses Mal nicht geschehen, weil der Mensch nicht damit aufhört, Wildtieren und -pflanzen die Lebensgrundlage zu entziehen.
Im Allgemeinen steigt die Artenvielfalt mit zunehmender Fläche. In verschiedenen Organismengruppen steigt sie zudem von den gemäßigten Breiten zu den Tropen hin an. Unabhängig davon gibt es Gebiete mit einer sehr hohen Biodiversität. Der Begriff Biodiversität umfasst die Vielfalt der verschiedenen Lebensformen (Tiere, Pflanzen, Pilze etc.) sowie die Vielfalt innerhalb der Arten (Unterarten, Sorten) und der Ökosysteme (Landschaften, Lebensraumtypen), wird aber häufig auch als Synonym für Artenvielfalt verwendet. Die Hotspots der Biodiversität nehmen zusammen zwar nur 2,3 Prozent der Erdoberfläche ein, sind aber die Heimat von gut der Hälfte aller weltweit bekannten Pflanzenarten und von über 40 Prozent der Amphibien-, Reptilien-, Vogel- und Säugetierarten. Auch manche Ökosysteme weisen eine außergewöhnlich hohe Vielfalt von Arten auf, darunter zahlreiche endemische. Dazu zählen unter anderem Korallenriffe, tropische Wälder und Gebirge. Das Wissen um die räumliche Verteilung der Biodiversität, um Biodiversitäts-Hotspots sowie um die Bedrohungen, denen sie durch den Menschen ausgesetzt sind, macht es erst möglich, sinnvolle Schutzmaßnahmen einzuleiten.
Die Eingriffe des Menschen in die Biodiversität reichen weit zurück. Bereits die frühen Jäger und Sammler waren für einen Rückgang der Großsäugerarten verantwortlich. Als der Mensch schließlich sesshaft wurde und Ackerbau betrieb, nahm er Einfluss auf die Vegetation, indem er zunächst dafür geeignete Flächen für den Anbau von Getreide und Gemüse nutzte, dann aber auch Wälder rodete und Sümpfe trockenlegte. Problematisch wurden die Eingriffe in die Natur jedoch erst mit zunehmender Bevölkerungsdichte. Während vor 4000 Jahren die weltweite Bevölkerung nur etwa 72 Millionen Menschen betrug – weniger, als derzeit allein in Deutschland leben –, besiedeln heute rund acht Milliarden Menschen die Erde. Mit steigender Bevölkerungszahl wurde der Druck auf die Ökosysteme größer, denn es wurden immer mehr natürliche Ressourcen ge- und verbraucht, um allein die Grundbedürfnisse – Nahrung, Wasser, Wohnraum – zu decken. Da außerdem die Ansprüche der Menschen stiegen, besonders in den letzten Jahrzehnten, stieg der Ressourcenverbrauch weit stärker an, als allein aufgrund des Bevölkerungszuwachses zu erwarten gewesen wäre. Bereits jetzt haben sich dadurch 75 Prozent der Landfläche sowie 66 Prozent der Ozeane entscheidend verändert, und 85 Prozent aller Feuchtgebiete sind verschwunden.
Zu den zahlreichen Folgen des übermäßigen Ressourcenverbrauchs zählen Überjagung und vor allem Überfischung. Jahr für Jahr holt der Mensch mehr als 80 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte aus den Ozeanen, laut der Welternährungsorganisation FAO sind über 30 Prozent der weltweiten Fischbestände überfischt, und weitere 60 Prozent gelten als gefährdet.
Eine nachhaltige Nutzung der erneuerbaren natürlichen Ressourcen, sodass nicht mehr verbraucht wird, als nachwachsen kann, erfordert fundierte Kenntnisse sowohl über die Populationsdynamik betroffener Arten als auch über die für diese Arten jeweils maßgeblichen Umweltbedingungen (zum Beispiel Futterangebot und Temperaturen). Beide Parameter unterliegen naturgegebenen Schwankungen, was ein nachhaltiges Management erschwert.
Folgen des Lebensraumschwunds
Hauptursache für das gegenwärtige Artensterben sind allerdings die Zerstörung und die Veränderung natürlicher Lebensräume, vor allem durch die Rodung von Wäldern zur Gewinnung von Holz oder, weit häufiger, von Flächen für die Landwirtschaft sowie den Bau von Wohnsiedlungen, Industriegebieten und Straßen. In den meisten Fällen zieht eine Umnutzung natürlicher Lebensräume »nur« ein lokal begrenztes Artensterben nach sich, in manchen Fällen jedoch, wie bei der Zerstörung des tropischen Regenwalds mit seiner einzigartigen Biodiversität, womöglich das globale Aussterben betroffener Arten. Jahr für Jahr verschwinden weltweit bis zu 140.000 Quadratkilometer tropischen Regenwalds. In Madagaskar, Sri Lanka und Haiti etwa ist die Primärvegetation bereits fast zur Gänze abgeholzt.
Das stetige Vordringen in immer entlegenere Regionen sowie deren Ausbeutung – und nicht zuletzt der unkontrollierte Handel mit Wildtieren – bergen außerdem die Gefahr, mit Erregern in Kontakt zu kommen, gegen die der Mensch nicht gewappnet ist. Welch dramatische Folgen das haben kann, zeigte zuletzt das Coronavirus. In Gebieten, in denen Wald lediglich zur Holzgewinnung gerodet und die Fläche dann sich selbst überlassen wird, sodass Sekundärwald nachwächst, kann sich zwar, sofern in unmittelbarer Nähe ursprünglicher Wald erhalten bleibt, wieder eine relativ hohe Artenvielfalt einstellen, sie wird jedoch nie das ursprüngliche Ausmaß erreichen.
Die intensive Landwirtschaft vernichtet großflächig Lebensräume und gefährdet außerdem durch Monokulturen, Massentierhaltung und den dafür nötigen Futtermittelanbau sowohl die Artenvielfalt als auch generell die Biodiversität. Und dies nicht nur an der Oberfläche, sondern vor allem im Boden. In einer Handvoll gesunden Ackerbodens leben mehr Organismen, als es Menschen auf der Erde gibt. Sie schaffen – unter anderem durch das Zersetzen sowie den Abbau von Stoffen und die Regulierung des Wasserhaushalts – überhaupt erst die Voraussetzung, dass ein Boden fruchtbar ist. Monokulturen laugen diese natürliche Grundlage aus und sind anfällig für Schädlinge – das eine wird mit mineralischen Düngemitteln, das andere mit Pestiziden bekämpft. All diese Substanzen reichern sich im Boden an und schädigen die Organismen, die in ihm leben und wirken. Die schweren Landwirtschaftsmaschinen tun ein Übriges, indem sie den Boden verdichten und dadurch sein Gefüge auf eine Weise verändern, dass er sich für viele in ihm lebende Arten nicht mehr als Lebensraum eignet. Als Folge sinken die Ernteerträge, weshalb noch größere Düngermengen ausgebracht werden – ein Teufelskreis, der ökologischen wie ökonomischen Schaden anrichtet. Die intensive Landwirtschaft ist darüber hinaus zusammen mit der Ausdehnung von Siedlungs- und Industriegebieten und dem Bau von Verkehrswegen dafür verantwortlich, dass Wildtierkorridore durchkreuzt und die dem Wild noch verbleibenden Lebensräume voneinander getrennt werden. Landwirtschaftliche Betriebe mit weit über einer Million Hektar Land, wie zum Beispiel die Rinderfarm Anna Creek Station in Australien oder die Milchviehfarm Mudanjiang City Mega Farm in China, mehrspurige Autobahnen oder großflächig eingezäunte Industrieanlagen erschweren oder verhindern, dass Wildtiere zwischen verschiedenen Weide- oder Jagdgründen wechseln oder in neue Gebiete ausweichen können, wenn die Populationsdichte zu hoch wird. Außerdem verhindern sie das Ab- oder Zuwandern einzelner Individuen im Sinne einer genetischen Auffrischung. Solche Barrieren stellen sich nicht nur der Wanderung von Tieren in den Weg, sondern auch der Ausbreitung mancher Pflanzenarten. Artenvielfalt und Biodiversität sind zudem durch die Infrastruktur für Tourismus und Freizeitaktivitäten bedroht: Hotels, Ferienhäuser, Skipisten, Berg- und Rodelbahnen, Wanderwege, Golfplätze und dergleichen werden häufig an naturnahen Standorten gebaut, was die lokale Tier- und Pflanzenwelt massiv stört oder zerstört.
Die Umweltverschmutzung lässt die Artenvielfalt ebenfalls schwinden. Neben Pestiziden aus der Landwirtschaft gelangen zahlreiche weitere Schadstoffe in den Kreislauf der Natur, etwa durch Industrieabwässer, die Verklappung von Erdöl oder in Form von Plastik. Nach Schätzungen landen jährlich mindestens fünf, womöglich über zwölf Millionen Tonnen Plastikmüll in den Meeren.
Als »Schadstoffe« könnte man auch Neophyten und Neozoen bezeichnen. Manche dieser aus fremden Ländern eingewanderten oder eingeschleppten Pflanzen- beziehungsweise Tierarten breiten sich mangels natürlicher Feinde in ihrer neuen Heimat ungehemmt aus und gefährden dadurch die heimischen Arten.
Bedrohung durch den Klimawandel
Ein weiteres Gefahrenpotenzial bildet die Klimaerwärmung mitsamt den Folgeerscheinungen wie Verschiebung von Klimazonen, Schmelzen von Eisschilden oder Anstieg des Meeresspiegels. In der Erdgeschichte kam es immer wieder zu Veränderungen der klimatischen Verhältnisse, die die Lebensräume von Pflanzen- und Tierarten einengten oder verschoben und auch zum Aussterben einzelner Arten führten. Diese früheren Klimaänderungen waren jedoch derart langsame, sich über viele Hunderte oder gar Tausende von Jahren hinziehende Prozesse, sodass vielen Arten ausreichend Zeit blieb, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Im Vergleich dazu verläuft die derzeitige globale Erwärmung rasend schnell. Allein in den vergangenen gut 100 Jahren stieg die weltweite Mitteltemperatur um 1 °C. Stiege sie bis zum Ende des 21. Jahrhunderts um weitere 3 °C, den Mittelwert aus verschiedenen Szenarien, würden sich die Klima- und die Vegetationszonen horizontal um ungefähr 600 Kilometer – auf der Nordhalbkugel weiter nach Norden, auf der Südhalbkugel in Richtung Süden – und vertikal um etwa 600 Meter in die Höhe verschieben. Viele Arten können mit diesem Tempo nicht mithalten, am wenigsten Pflanzen, denn Bäume und Sträucher zum Beispiel brauchen meist 100 Jahre, um 100 Kilometer zu »wandern«. Auch für Wasserbewohner macht sich die Klimaerwärmung bemerkbar. Aquatische Pflanzen- und Tierarten sind ebenso an arttypische Temperaturbereiche angepasst wie terrestrische. Die Erwärmung von Gewässern lässt die Lebensräume von Kaltwasserarten schwinden und führt außerdem zu Sauerstoffmangel. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES zieht in seinem Globalen Bericht zur Biodiversität (2019) ein erschreckendes Fazit: Das Artensterben verläuft zehn- bis hundertmal schneller als in den vergangenen zehn Millionen Jahren. Rund eine Million Arten sind derzeit vom Aussterben bedroht, darunter 40 Prozent der Amphibien und über 30 Prozent der riffbildenden Korallen sowie aller marinen Säugetiere.
Ein besonders anschauliches Beispiel für den Artenschwund und seine mitunter drastischen Auswirkungen geben die Insekten ab. Es war schon länger aufgefallen, dass die Insekten weniger wurden, doch erst die Krefelder Studie von 2017 rückte das Insektensterben in den Fokus der Öffentlichkeit. Für die Langzeituntersuchung hatten Insektenkundler wissenschaftliche Daten ausgewertet, die zwischen 1989 und 2015 in über 60 Schutzgebieten gesammelt worden waren. Sie kamen zu einem alarmierenden Befund: In einigen Gebieten Deutschlands lebte nur noch ein Viertel der Fluginsekten. Alarmierend deshalb, weil Insekten eine zentrale Rolle für die Natur und uns Menschen spielen. 90 Prozent aller Blütenpflanzen und 70 Prozent der weltweit am meisten angebauten Pflanzenarten sind auf Bestäubung angewiesen, und 98 Prozent der Bestäuber sind Insekten. In einer Welt ohne Insekten gäbe es fast kein Obst und Gemüse und keine Nüsse. Insekten bauen »biologischen Abfall« ab, indem sie umgestürzte Bäume, Tierkadaver oder Dung entweder selbst verwerten oder in organische Stoffe von so kleiner Größe zerlegen, dass sie Pilzen und Bakterien als Nahrung dienen. Sie sorgen außerdem dafür, dass Nährstoffe in den Boden gelangen und so Humus bilden. Dies sind nur ein paar Beispiele aus der langen Liste der wertvollen Arbeit von Insekten. Die verschiedenartigen Bedrohungen der Artenvielfalt weisen zugleich die Wege zu Lösungen, zum Beispiel im Erhalt von Lebensräumen. Kleinteiligere Flächen in der Landwirtschaft, die durch Hecken und Feldgehölze begrenzt sind, bieten Tieren wie Pflanzen Schutz und Nahrung. Dazu müssen weltweit die kleinbäuerlichen Strukturen gestärkt werden. Ein Verzicht auf schädliche Pestizide sowie künstliche Düngemittel, eine erweiterte Fruchtfolge und Kulturpflanzenvielfalt erhalten und fördern die Biodiversität über und unter der Erde. Um bislang naturbelassene Lebensräume mit ihren vielfältigen Tier- und Pflanzenarten zu bewahren, bietet sich die Einführung eines Zertifikats an – ähnlich wie beim CO2-Ausstoß –, das es lohnender macht, Fauna und Flora zu schützen, als weitere Palmölplantagen, Weiden und Äcker anzulegen. Um die wachsende Menschheit dennoch ernähren zu können, müssen alternative Lebensmittel wie etwa In-vitro-Fleisch, also Fleisch aus dem Labor, in den Fokus rücken. Dies käme zugleich dem Klima zugute. Der Bau weiterer Wildbrücken und die Anlage von Landschaftskorridoren würden es Tieren – und in gewissem Rahmen auch Pflanzen – ermöglichen, sich neue Siedlungsgebiete zu erschließen, sich mit anderen Populationen zu mischen und so die genetische Vielfalt zu erhalten.
Der IPBES-Report weist auf die Dringlichkeit hin, mit der ein weiterer Verlust an Biodiversität verhindert und das Problem auf allen gesellschaftlichen Ebenen angegangen werden muss. Der Artenschwund ist, so die Experten, ein noch drängenderes Problem als der Klimawandel, weil er irreversibel ist.
Hunger und Armut
Laut dem UN-Report Die Situation der Nahrungssicherheit und Ernährung in der Welt von 2021 litten im Jahr 2020 weltweit rund 811 Millionen Menschen an Hunger, mithin jeder zehnte. Die weltweit meisten Hungernden verzeichnete Asien mit 418 Millionen, gefolgt von Afrika mit 282 Millionen. Auf dem afrikanischen Kontinent wächst ihre Zahl schneller als irgendwo sonst auf der Welt. Kinder sind besonders betroffen. Weltweit sind etwa 150 Millionen Kinder unter fünf Jahren als Folge von Mangelernährung unterentwickelt, 45 Millionen von ihnen leiden unter Auszehrung. Nach Schätzungen von UNICEF sterben pro Jahr über drei Millionen Kinder unter fünf Jahren an den Folgen von Hunger – alle zehn Sekunden eines.
Schätzungen zufolge leben außerdem drei Milliarden Menschen in Ernährungsunsicherheit, was bedeutet, dass sie nicht täglich auf ausreichende, sichere und nahrhafte Nahrung zugreifen können. Die erforderliche Mindestmenge pro Tag variiert zwischen Ländern, Altersgruppen und Geschlechtern. Im Durchschnitt liegt sie laut der UN-Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei 2100 Kilokalorien.
Hunger wäre vermeidbar
Theoretisch gäbe es genug Nahrung, um alle Menschen auf der Welt zu ernähren. Wäre die produzierte Nahrung gleichmäßig verteilt, stünden pro Kopf über 2500 Kilokalorien zur Verfügung – genug, um sogar eine weiter wachsende Weltbevölkerung zu versorgen.
Die FAO schätzt, dass jährlich 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel, das ist ein Drittel der gesamten Nahrungsmittelproduktion, nicht verzehrt werden, weil sie, wie häufig in Entwicklungsländern, wegen mangelnder Infrastruktur verderben oder weil, wie oft in Industrieländern, (zu) hohe Anforderungen gestellt werden und ein sorgloser Umgang mit Lebensmitteln herrscht. Allein in Deutschland werden jährlich entlang der Lebensmittelversorgungskette – von der Landwirtschaft über die verarbeitende Industrie und den Handel bis hin zum Endverbraucher – zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel als Abfall entsorgt. Unter anderem werden schon auf dem Acker krumme Karotten oder zu kleine Kartoffeln aussortiert, weil sie den Handelsnormen oder den Ansprüchen der Abnehmer nicht genügen. Und in den Supermärkten werden Produkte bereits vor Erreichen des Mindesthaltbarkeitsdatums aus dem Regal genommen. In Privathaushalten wird mangels Einkaufsplanung zu viel eingekauft und werden Reste weggeworfen statt verwertet.
Um die 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel zu produzieren, die jährlich als Abfall enden, werden ungeheure Mengen an natürlichen Ressourcen verbraucht, allen voran fruchtbare Erde und Wasser, und 3,3 Milliarden Tonnen Treibhausgase ausgestoßen – mit katastrophalen Folgen für das Klima und so letztlich für die Nahrungsmittelproduktion gerade in den armen Ländern. Mit Blick auf immer knapper werdende natürliche Ressourcen und die Ernährungssicherheit der Weltbevölkerung sind daher ein Umdenken und ein Umsteuern weltweit unbedingt erforderlich.
Wie Hunger definiert wird
Hunger ist nicht gleich Hunger. Um Hunger besser bekämpfen zu können, unterscheiden die Vereinten Nationen verschiedene Formen. Bei den folgenden nüchternen Begriffen muss man sich immer vor Augen halten, dass es letztlich um menschliche Schicksale und den etwaigen Verlust von Menschenleben geht. Eine Hungersnot – von Fachleuten akuter Hunger genannt – bezeichnet eine (schwere) Unterernährung über einen abgrenzbaren Zeitraum, ausgelöst durch eine Katastrophe wie Dürre oder Krieg.
Akuter Hunger ist die extremste Form von Hunger und trifft häufig Menschen, die bereits unter chronischem Hunger leiden. Der Unabhängigkeitskrieg der Region Biafra im Südosten Nigerias Ende der 1960er-Jahre, in dem Hunger als Waffe eingesetzt wurde, kostete zwischen ein und zwei Millionen Menschen das Leben. Die Bilder der bis auf die Knochen abgemagerten Kinder mit dem charakteristischen Hungerbauch schockten damals die ganze Welt, und der Begriff Biafra-Kind wurde zum Synonym schlechthin für Unterernährung. Die Hungersnot in Äthiopien Mitte der 1980er-Jahre betraf nach Schätzungen acht Millionen Menschen und ist schuld am Tod von bis zu einer Million Äthiopier. Verantwortlich dafür war zum einen Äthiopiens Staatsoberhaupt Mengistu Haile Mariam, der die Erlöse aus dem Export von Kaffee, der Haupteinnahmequelle des Staates, in Waffenkäufe statt in die Entwicklung des Landes investierte. Dazu kamen mehrere Dürreperioden. Diejenige von 1984 führte gar zum fast vollständigen Ausfall der Ernte. Gleich im Jahr darauf folgte die nächste Dürre und dazu eine Heuschreckenplage. Eine bestürzende TV-Reportage der BBC und das Wohltätigkeitskonzert »Live Aid«, das bis dahin größte Rockkonzert aller Zeiten, machten auf das Elend auf dem afrikanischen Kontinent aufmerksam.
Derzeit sind weltweit über 155 Millionen Menschen von akutem Hunger betroffen. »Gravierend« ist die Lage laut dem Welthunger-Index in Afghanistan und Somalia, »sehr ernst« unter anderem in Mali, Tschad, der Demokratischen Republik Kongo und Jemen.
Als chronischer Hunger wird der Zustand dauerhafter extremer Unterernährung bezeichnet. Er ist global am weitesten verbreitet: 92 Prozent der Hungernden leiden daran – mit gravierenden Folgen.
Er schränkt die körperlichen und geistigen Aktivitäten ein, raubt den Menschen ihre Konzentrationsfähigkeit, schwächt das Immunsystem und führt zu schweren Krankheiten sowie einer erhöhten Kindersterblichkeit. Bei Kindern verursacht er irreversible Schäden an Körper und Geist. Sie werden aufgrund dessen als Erwachsene ein niedrigeres Einkommen haben, sodass auch ihre Kinder wieder Hunger leiden werden. Chronischer Hunger schadet also nicht nur den Betroffenen, sondern ihrem ganzen Land, da er die sozioökonomische Entwicklung hemmt und somit den Armutskreislauf verfestigt.
Eine Form des chronischen Hungers mit nicht minder dramatischen Folgen ist der verborgene Hunger. Infolge nicht ausreichender und einseitiger Ernährung fehlt es den Betroffenen – weltweit über zwei Milliarden Menschen – an Vitaminen und Mineralstoffen. Verborgener Hunger lässt sich am schwersten identifizieren, da er nicht unmittelbar erkennbar ist.
Ursachen von Hunger
Die Ursachen für Hunger sind vielfältig. Die offensichtlichste ist Armut: Ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt beinahe die Hälfte des Weltvermögens, während die »untere Milliarde« kaum eine Chance hat, sich aus ihrem Elend zu befreien. Allen voran in Entwicklungsländern mangelt es häufig an finanziellen Mitteln, um beispielsweise Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen, Saatgut und Dünger zu kaufen oder defekte Werkzeuge zu ersetzen. So bleiben Menschen über Generationen hinweg in der Armutsfalle gefangen. Darüber hinaus verhindern religiöse Vorbehalte, Traditionen wie das indische Kastensystem oder die Erbteilung in vielen Ländern der Welt jegliche Anstrengungen, sich aus der Armutsfalle zu befreien.
Naturkatastrophen wie Überschwemmungen oder Dürren wirken sich in Entwicklungsländern weit dramatischer aus als in Industriestaaten, da sie ohnehin schon arme und hungernde Menschen treffen, die weder auf finanzielle Reserven zurückgreifen noch Unterstützung vom Staat erwarten können. Der Klimawandel verstärkt die Wetterextreme und verschlimmert die bereits ungünstigen Verhältnisse in vielen Regionen. So zwingen wiederkehrende Dürren die Menschen dazu, ihr Saatgut zu essen und ihr Vieh zu schlachten. Gleichzeitig geht durch Versalzung sowie Wüstenbildung immer mehr Ackerland verloren. Bewaffnete Konflikte und Kriege hindern Bauern daran, ihre Felder zu bestellen oder die Ernte einzubringen, Versorgungs- und Handelswege werden zerstört. In der Folge werden die Nahrungsmittel rar und teuer. Tausende, manchmal Millionen Menschen sehen sich aus Angst um ihr Leben zur Flucht gezwungen und damit der Möglichkeit beraubt, sich selbst zu ernähren. Gewaltsame Auseinandersetzungen sind jedoch nicht nur eine Ursache, sondern ebenso oft eine Folge von Hunger, denn knappe Ressourcen können zu Spannungen beispielsweise zwischen Ethnien oder verschiedenen Glaubensrichtungen führen oder unterschwellige Konflikte aufbrechen lassen.
In vielen Entwicklungsländern ist die landwirtschaftliche Infrastruktur nur unzureichend entwickelt. Fehlende Straßen treiben die Transportkosten hoch, mangels Lagerhäuser verdirbt ein Teil der Ernte, und ohne Bewässerungssysteme sind die Erträge magerer, als sie sein könnten. Womöglich fällt die Ernte sogar ganz aus. Die Bauern, oft Pächter, verfügen in der Regel nur über kleine Flächen und sind häufig Selbstversorger. Das führt zu der irrwitzigen Situation, dass vor allem die ländliche Bevölkerung unter chronischem Hunger leidet. Zwar produziert sie die Nahrungsmittel, doch ihr Einkommen ist zu gering, um sich und ihre großen Familien ausreichend und gesund zu ernähren.
Bekämpfung von Hunger
Dringend nötig ist, dass der heutige Welthandel einem fairen Handel weicht. Entwicklungsländer müssen freien Zugang zu den Märkten der Industrieländer und faire Preise für ihre Produkte erhalten. Unternehmen und Konzerne aus Industrieländern dürfen nicht länger Marktzugänge durch Handelsabkommen nach Kolonialherrenart erhalten. In Nigeria zum Beispiel, einem der ölreichsten Länder der Welt, gibt es nicht genug Benzin für die Bevölkerung, weil das schwarze Gold in die Pipelines der Mineralölunternehmen fließt.
Außerdem müssen Subventionen für Exporte in Entwicklungsländer entweder ganz abgeschafft oder zumindest streng reglementiert werden. Exportsubventionen für Agrarüberschüsse etwa machen es möglich, dass Weizen, Mais, Hühner etc. in den Entwicklungsländern zu künstlich verbilligten Preisen angeboten werden können. Die einheimischen Bauern verlieren dadurch ihre Absatzmärkte, müssen ihre Produktion auf den eigenen Bedarf einschränken oder ganz aufgeben. Das führt letztlich dazu, dass die Entwicklungsländer von Agrarimporten abhängig werden. Mexiko zum Beispiel, einst das Hauptanbaugebiet von Mais in Lateinamerika, muss heute fast die Hälfte seines Maisbedarfs aus den USA importieren. Entwicklungsländer exportieren vor allem Rohstoffe, ob Metalle oder unverarbeitete Nahrungsmittel, also Produkte am Anfang der Wertschöpfungskette, die Gewinne jedoch gehen an die Industriestaaten. Endverbraucher in den reichen Ländern können einen Beitrag zum Kampf gegen den Hunger leisten, indem sie beispielsweise durch den Kauf von Fair-Trade-Produkten Klein- und Kleinstbauern in Entwicklungsländern unterstützen oder durch den Verzicht auf »Biosprit« und Produkte mit Palmöl sowie die Einschränkung ihres Fleischkonsums die Konkurrenz um Anbauflächen mindern.
Etwa 40 Prozent des Getreides sowie 60 Prozent des Rapses und der Sojabohnen, die weltweit geerntet werden, dienen als Futter in der Viehwirtschaft. In Brasilien zum Beispiel werden mittlerweile auf einem Fünftel aller landwirtschaftlichen Nutzflächen Futter- statt Lebensmittel angebaut, was die Preise für Letztere weltweit in die Höhe treibt. Gleichzeitig wird hektarweise Regenwald für weitere Anbauflächen gerodet, was den Klimawandel anheizt.
Die Versorgung mit Nahrungsmitteln muss aber gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern gesteigert, nicht reduziert werden, um Hunger und Armut zu bekämpfen. Dazu müssen die landwirtschaftlichen Produktionsmethoden verbessert werden. Untersuchungen der FAO zeigen, dass Investitionen und Maßnahmen in der Landwirtschaft fünfmal effizienter Armut und Hunger verringern als solche in jedem anderen Sektor.
Die Grüne Revolution in ihrer ursprünglichen Definition – Einführung neuer Anbaumethoden und Technologien in der Landwirtschaft – hat in einigen Teilen der Welt zu einer deutlichen Produktionssteigerung geführt, wobei Fehlentwicklungen wie der übermäßige Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden nicht ausblieben. Heutzutage wird unter der Grünen Revolution oft ausschließlich die Entwicklung von Hochleistungssorten verstanden. Hierbei muss darauf geachtet werden, dass die Bauern nicht in Abhängigkeit von Saatgutmonopolisten geraten.
Neuere Ansätze richten ihren Fokus auf ein besseres Nährstoffmanagement, einen effizienteren Umgang mit Wasser, etwa durch Tröpfchenbewässerung, sowie eine Verhinderung oder Eindämmung der Desertifikation. Bei der Pflanzenzüchtung liegt der Schwerpunkt statt auf Hochleistung nunmehr auf höherer Resistenz gegen Wetterrisiken wie Trockenheit und Sturzfluten oder gegen Schädlinge.
Es gibt noch weitere Ansatzpunkte zur Bekämpfung von Hunger, so beispielsweise die Förderung demokratischer Reformen und die Bekämpfung von Korruption. Schulspeisungsprogramme steigern die Zahl der Kinder, die in die Schule statt zum Arbeiten geschickt werden. Die bessere Ernährung stärkt ihre Konzentrationsfähigkeit, wodurch der Kreislauf aus Hunger und mangelnder Bildung unterbrochen werden kann. Überdies führen Impfungen und weitere Vorsorgemaßnahmen dazu, eine zusätzliche Auszehrung der Kinder durch Krankheiten zu vermeiden.
Entwicklungshilfe in Form von Geldern fließt in vielen Empfängerländern in die Taschen korrupter Politiker, den Bau von Prestigeprojekten oder die Aufrüstung des Militärs, subventioniert somit schlechte Politik. Damit hält sie die Länder in Abhängigkeit und erstickt die Eigeninitiative sowohl des Staates als auch des Einzelnen. Nachhaltiger und erfolgversprechender ist es, die Bevölkerung zur Selbsthilfe zu befähigen. Das kann unter anderem durch die Beratung von Bauern oder die Schulung von medizinischem Fachpersonal erfolgen, durch bilaterale Zusammenarbeit, bei der technische, wirtschaftliche und organisatorische Kenntnisse und Fähigkeiten vermittelt werden, oder durch die Vergabe von Mikrokrediten.
Es sind also zahlreiche Maßnahmen bekannt, um Hunger und Armut zu bekämpfen, trotzdem wird die Kluft zwischen Überfluss und Verschwendung auf der einen und bitterer Not und dem Kampf ums Überleben auf der anderen Seite immer breiter. Zwar blieben in den letzten Jahrzehnten aufgrund von fundierten Risikoanalysen, entsprechenden Präventionsmaßnahmen und Soforthilfen solch dramatische Hungerkatastrophen wie in den 1960er- und 1980er-Jahren aus, dennoch stirbt alle zehn Sekunden ein Kind an Hunger – obwohl bei gleicher Verteilung genug Nahrung für alle vorhanden wäre.
Indigene Völker
Indigen (»eingeboren«, »inländisch«) im Sinne der UN sind Bevölkerungsgruppen, die ein Gebiet bereits bewohnt haben, bevor Menschen mit einer anderen Kultur oder aus anderen Teilen der Welt dort ankamen. Sie haben eine ausgeprägte ethnisch-kulturelle Identität als Gemeinschaft, eine Kultur (Sprache, Traditionen, soziopolitische Organisationsformen usw.), die sich vom Rest der Bevölkerung stark unterscheidet, sowie eine enge emotionale, wirtschaftliche und/oder spirituelle Bindung an ihren Lebensraum. Gleichzeitig nehmen sie eine Randstellung innerhalb des Staates ein, in dem sie leben, und werden nicht selten der Mehrheitsgesellschaft untergeordnet. Sie verstehen sich selbst als Indigene und werden von der Gemeinschaft der indigenen Völker als solche anerkannt. Eine völkerrechtlich verbindliche Definition existiert allerdings bis heute nicht.
Es lässt sich nicht genau ermitteln, wie viele indigene Völker es gibt. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind es rund 5000, verteilt auf etwa 90 Staaten. Die mit Abstand höchste Anzahl an Indigenen – mehr als 100 Millionen der insgesamt ungefähr 370 Millionen – lebt in Indien. Über 4000 der 7000 gesprochenen Sprachen weltweit werden von indigenen Völkern gesprochen, obwohl diese nur knapp fünf Prozent der Weltbevölkerung ausmachen.
Früher wurden Indigene als Eingeborene, Ureinwohner oder Naturvölker bezeichnet, alles Begriffe mit entweder negativer Konnotation, da sie mit einer primitiven Lebensweise assoziiert werden, oder mit einer romantisch verklärenden Nebenbedeutung im Sinne des »edlen Wilden«. Die mittlerweile gängige Bezeichnung »indigene Völker« ist allerdings kein geeigneter Ersatz für »Naturvölker«, da sie zum einen politisch instrumentalisiert wird und zum anderen keinen Hinweis auf den derzeitigen Lebensstil gibt: Viele Indigene sind Grenzgänger zwischen Tradition und Moderne oder pflegen einen westlichen Lebensstil – in mehr oder weniger starker Ausprägung. Um den problematischen Begriff Naturvolk zu vermeiden, ist im Folgenden von traditionell lebenden Völkern die Rede und damit von Menschen, die auf tradierte Weise in abgelegenen Gebieten leben. Ein sozialer Wandel infolge technischen Fortschritts, wirtschaftlicher Globalisierung, Anpassungen an Umweltveränderungen, Tourismus oder generell Begegnungen mit anderen Kulturen bleibt auch bei vielen indigenen Völkern nicht aus. Manche versuchen bewusst, nutzbringende fremde Einflüsse und Kulturelemente als »etwas Eigenes« harmonisch und innovativ in ihre Kultur einzufügen und dabei ihre kulturelle Identität zu bewahren. Ein Beispiel aus der Geschichte sind die sogenannten Prärieindianer, die das Pferd, das erst die Konquistadoren nach Amerika brachten, in ihre Kultur integrierten. Beispiele aus der Gegenwart sind die Asháninka im östlichen Peru und westlichen Brasilien, die zerstörte Regenwaldflächen wiederaufforsten, und die »Toyota-Nomaden« der Sahelzone, die ihre Kamele auf der Ladefläche ihres Pick-ups transportieren und sich und ihren Tieren so tagelange, mühevolle Märsche ersparen.
Der Kontakt indigener und nicht indigener Kulturen kann auch zur Indigenisierung der »Gegenseite« führen. So übernahmen die nordamerikanischen Trapper häufig den Kleidungsstil der Bewohner, in deren Gebiet sie lebten, und die Integration der Musikrichtung Rap in westliche Gesellschaften ist ebenfalls eine Indigenisierung. Andererseits sind in vielen Teilen der Welt Tendenzen zur Reindigenisierung zu beobachten – zu einer Wiederbelebung der eigenen Kultur und Traditionen sowie einer Rückbesinnung auf ihre Wertesysteme. Die Wurzeln liegen zumeist in der Hoffnung, damit Ausgrenzung, Armut, Alkoholismus, Drogenabhängigkeit oder Kriminalität bekämpfen zu können, die für viele Indigene Alltag sind.
Trotz ihrer vielfältigen Unterschiede in Kultur, Glauben, Siedlungsgebiet oder Sprache teilen die indigenen Völker noch weitere Probleme. Viele von ihnen leben nicht nur politisch, wirtschaftlich und sozial, sondern auch geografisch am Rand der Gesellschaft: in der Wüste, wie die Tuareg in der Sahara und dem Sahel oder die Pintupi Nine in Australien; im Gebirge, wie die Akha oder Khmu in Thailand; im Regenwald, wie die Yanomami im venezolanisch-brasilianischen Grenzgebiet oder die U’wa im Nordosten Kolumbiens; in den Polarregionen, wie die Inuit in Kanada, Grönland und anderen Staaten oder die Nenzen in Sibirien. Dennoch sind sie ein Spielball politischer oder, weit häufiger, wirtschaftlicher Interessen, da ihre Siedlungsgebiete zumeist reich an Rohstoffen sind. Im Rohstoffhunger dieser Welt liegt auch ihre größte Bedrohung.
Ob Nomaden, Sammler und Jäger oder Ackerbauern: Ihr Lebensraum ist oft die wichtigste oder sogar einzige Existenzgrundlage und Mittelpunkt des Lebens, Schule, Arbeitsplatz, Supermarkt, Apotheke und Baumarkt zugleich.
Folgen der Globalisierung
Die Mursi stehen exemplarisch nicht nur für die agropastoralen Gemeinschaften im Südwesten Äthiopiens, sondern für zahlreiche traditionell lebende Völker. Sie sind eines der vielen einzigartigen Völker am Unterlauf des Omo in einer der abgelegensten und kulturell vielfältigsten Regionen Afrikas. Berühmt wurden die halbnomadisch lebenden Hackbauern und Viehzüchter durch die Tellerlippen ihrer Frauen, die sie zum begehrten Kameramotiv machten. Dieser Fototourismus ist höchst umstritten, da er nicht ohne Auswirkungen auf die Stammesgesellschaften der Mursi bleibt. Weit größere Bedrohungen sind jedoch die Ausdehnung des Mago-Nationalparks in ihr Siedlungsgebiet und der Staudamm Gibe III. Die Talsperre hat den Überflutungszyklus des Omo beendet und gefährdet so die Lebensgrundlage der Mursi. Mehr noch: Die einstigen Überschwemmungsgebiete, in denen die Mursi im Rhythmus der Überflutungen Sorghum, Mais, Kichererbsen und Bohnen anbauten oder ihr Vieh weiden ließen, werden mittlerweile in großem Stil an staatseigene Betriebe oder ausländische Investoren verpachtet, die auf diesen Flächen Exportfrüchte – hier Zuckerrohr, Ölpalmen und Baumwolle – anbauen. In völliger Unkenntnis der Kultur der Mursi haben die Behörden zudem die Zahl der Rinder auf fünf pro Familie beschränkt.
Hier wird Globalisierung auf Kosten eines traditionell lebenden Volks betrieben, das seit Menschengedenken in dem Gebiet lebt und nun völlig marginalisiert wird. Human Rights Watch berichtet seit Jahren von Zwangsumsiedlungen und Räumungen, von Einfällen äthiopischer Militäreinheiten in die Dörfer, bei denen Vieh gestohlen oder getötet wird. Die Mursi befinden sich auf dem Rückzug in die letzten Gebiete, in denen sie noch ihr traditionelles Wirtschaftsmodell betreiben können, ein Modell, das über Jahrhunderte Bestand hatte und ihnen ein auskömmliches Leben bescherte – und weiterhin bescheren würde, wenn man sie denn ließe.
Gegen jegliche Einflüsse und Druck vonseiten des Staates halten sie an ihren Traditionen fest, vom Schmuck – neben Tellerlippen etwa Schmucknarben und andere Körperverzierungen – über die Art zu wirtschaften und ihre Hütten zu bauen bis hin zur Kleidung. Nicht nur, weil sie nichts anderes kennen, sondern auch, weil sie es so wollen. Das liegt zum Großteil an ihrer Selbstidentifikation. Die Alternative, ihren Lebensunterhalt auf andere Weise zu verdienen, würde eine andere Art zu arbeiten und zu wirtschaften nach sich ziehen, überdies eine ganz andere Art zu wohnen und zu kochen – somit einen völlig anderen Lebensstil und den Verlust von allem Gewohnten. Die Konsequenzen wären eine radikale Entwurzelung und ein Verlust der Identität.
Indigene Völker gehen ganz unterschiedlich mit Bedrohungen und Druck von außen um, zum Beispiel die Tuareg. Das grundsätzliche Problem des zu den Berbern zählenden Volks liegt darin, dass sie in verschiedenen Staaten leben. Durch die koloniale Grenzziehung, die ihr Siedlungsgebiet mehrfach zerschnitt, wurden sie in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Zugleich kam es innerhalb der neu geschaffenen Staaten, vor allem in Mali und Niger, zu einer Art gesellschaftlicher Grenzziehung zwischen den halbnomadischen arabisch-berberischen Tuareg und den vorherrschenden sesshaften subsaharischen Bauernvölkern. Die völlig unterschiedlichen Lebenskonzeptionen und die Tatsache, dass die Tuareg politisch, wirtschaftlich und kulturell an den Rand der Gesellschaft gedrängt und ihre Interessen missachtet wurden, lösten mehrere Rebellionen aus. Diese wiederum stärkten die Vorbehalte der Regierungen in Mali, Niger und anderen Staaten, dass die Tuareg renitent seien und sich nicht in ein Staatsgebilde einbinden ließen.
Wie alle traditionell lebenden Völker sind die Tuareg zudem vom wirtschaftlichen Wandel und der Globalisierung bedroht. In der Sahelzone, wo die meisten Tuareg leben, gibt es viele Rohstoffvorkommen, vor allem Erdöl und Uran. Der französische Atomenergiekonzern Areva etwa beutet seit Jahrzehnten die nigrischen Uranvorkommen aus, ohne den einheimischen Arbeitern soziale Absicherungen zu gewähren, ohne Steuern oder Zölle zu entrichten und ohne Umweltauflagen einzuhalten. Die Existenzgrundlage der Tuareg und anderer (Halb-)Nomaden, die auf ihren Herden basiert, ist dadurch zunehmend bedroht. Die Weidegebiete werden durch immer neue Minen und Gruben geschmälert und von Straßen zerschnitten, auf denen Lkw und schwere Baumaschinen dahindonnern, und die traditionellen Wanderrouten durch Stacheldraht und Sicherheitszonen versperrt, die rund um die Minen errichtet werden. Dazu kommen die Begleiterscheinungen großer Explorationswerke wie Alkoholmissbrauch und Prostitution. Entschädigungen oder gar eine Beteiligung an den Gewinnen der Fördergesellschaften erhalten die Tuareg nicht. Viele Tuareg haben sich aus Not oder wegen der Attraktivität der Angebote den modernen wirtschaftlichen Strukturen angepasst. Nicht wenige arbeiteten als Guide, Fahrer oder Souvenirverkäufer in der Tourismusbranche, bis diese Einkommensquelle weitgehend versiegte, als al-Qaida, Boko Haram und andere islamistische Gruppierungen in der Sahelzone Fuß fassten. Nun bieten die Tuareg ihre Dienste und ihre fundierten Kenntnisse der Sahara Flüchtlingen und Drogenschmugglern an oder arbeiten in einer Mine oder im Straßenbau. Noch gibt es auch Tuareg, die rein traditionell leben, aber ihre Anzahl ist verschwindend gering. Als Volk kennen die Tuareg alle Stadien des Wandels, vom Nomaden, der bis auf eine Armbanduhr nichts von der Moderne übernommen hat, bis hin zu jenen, die sich mit den modernen Zeiten arrangieren.
Entscheidend ist, dass der Wandel fast ausschließlich im wirtschaftlichen Bereich stattfindet, während andere traditionelle Strukturen und das Weltbild erhalten bleiben. Ein Targi (Singular von Tuareg), der als Lkw-Fahrer tätig ist, wird bei der Arbeit vielleicht auf das traditionelle, bis zu den Knöcheln reichende Übergewand verzichten, da es beim Ein- und Aussteigen hinderlich ist, aber er wird immer einen Tagelmust tragen und den Kopf- und Gesichtsschutz so wickeln, wie es schon sein Großvater tat. Er wird vielleicht in einem Container der Baufirma leben oder in einem von der UNHCR gespendeten Zelt aus Kunststoff statt in einem aus Naturmatten, aber er wird den Tee so zubereiten, wie es die Tuareg seit Jahrhunderten tun. Die Selbstidentifikation ist stabil. Ein Targi sieht sich immer in erster Linie als Targi, nicht als Algerier, Malier oder Nigrer. Das gilt im Übrigen für sehr viele Indigene. Auch ein Mursi sieht sich als Mursi, nicht als Äthiopier.
Der schwierige Weg in die Moderne
Die Lebensformen der traditionell lebenden Völker sind dabei vom Klimawandel besonders bedroht. Diese Menschen tragen nicht zur globalen Erwärmung bei, denn ihre Wirtschaftsweise war immer im Einklang mit der Natur, und ihr ökologischer Fußabdruck ist extrem klein. Dennoch leiden sie am meisten darunter, so wie etwa die Turkana, Nomaden im Nordwesten Kenias. Viele Angehörige dieser Volksgruppe haben in den Dürren der letzten Jahre unzählige Tiere oder ganze Herden verloren und könnten ohne Getreidespenden nicht überleben. Die Knappheit an Wasser und Weidegründen befeuert zudem die interkulturellen Konflikte mit den Samburu und anderen benachbarten Stämmen. Während die Fehden früher mit Speeren und in Form von Viehdiebstählen ausgefochten wurden, kommen inzwischen Gewehre zum Einsatz – mit oft Hunderten Opfern –, denn nunmehr kämpfen diese Völker nicht nur um zunehmend schwindende Ressourcen, sondern ums schiere Überleben.
Bei den Inuit liegt der Fall etwas anders. Auch sie sind vom Klimawandel betroffen. Das Meereis nimmt an Fläche ab, es wird außerdem dünner, sodass die Routen der Jäger und Fallensteller nicht mehr sicher sind. Der Permafrost taut und lässt die Böden sumpfig und unpassierbar werden. Doch während es in Mali, Niger oder Äthiopien nur punktuell eine wirtschaftliche Entwicklung gibt – durch eine Mine, eine Ölbohrung oder ein großes Bauprojekt wie einen Staudamm –, leben die Inuit in wohlhabenden, wirtschaftlich potenten Ländern: Alaska, Kanada, Russland und Grönland. Diese Staaten haben den kulturellen Wandel ihrer indigenen Bevölkerungsgruppen aktiv angestoßen und teils massiv vorangetrieben, nicht zuletzt deshalb, weil sie großes Interesse an den Rohstoffen in den jeweiligen Gebieten hatten. Sie haben jedoch auch die finanziellen Mittel, in den Siedlungen der Betroffenen als eine Art Entschädigung Schulen, Krankenstationen und Flugplätze zu errichten. Alaska kann es sich sogar leisten, 25 Prozent der staatlichen Rohstoffeinnahmen als Dividende an die Bevölkerung auszuschütten. Der Dividend Cheque verschärft jedoch eher die Probleme der Inuit.
Zum einen verloren sie durch den sozialen Wandel und die »Segnungen« der Moderne ihr bisheriges Leben. Früher waren die Tage gefüllt mit der Jagd, mit Fischfang, dem Trocknen oder Räuchern der Ausbeute, dem Sammeln von Beeren und Kräutern, dem Anlegen eines Vorrats an Feuerholz und vielem mehr. Alle Wege mussten zu Fuß zurückgelegt und sämtliche Arbeiten mit einfachem Werkzeug erledigt werden. Heute stehen dafür Motorschlitten, -boot und -säge zur Verfügung, und Feuerholz ist nicht mehr nötig, da die Häuser eine Heizung haben. Arbeiten, die früher mehrere Tage beansprucht haben, sind nun in wenigen Stunden erledigt. Die Erdölraffinerien bieten keine Alternative, denn da arbeiten Spezialisten aus den USA. Die Inuit werden allenfalls für Hilfsjobs angeheuert, weshalb die meisten von der Sozialhilfe leben. Es gibt in den entlegenen Regionen auch kaum andere Beschäftigungsmöglichkeiten, und so greifen viele Inuit aus Langeweile und Frust zu Alkohol und Drogen. Das dafür nötige Geld liefern die Sozialhilfe und der Dividend Cheque.
Die Folgen von alledem sind ein Übermaß an (häuslicher) Gewalt und Vergewaltigungen sowie eine extrem hohe Selbstmordrate, besonders unter Jugendlichen. Gerade die junge Generation leidet unter dem Kulturschock infolge des schnellen Übergangs von Tradition zu Moderne und erlebt, gefangen zwischen den tradierten Werten und Idealen der älteren Generationen einerseits und Facebook und Co. andererseits, eine tiefe Identitätskrise.
Um das Elend, das sie selbst verursacht haben, zu mildern, fördern manche der Heimatstaaten der Inuit deren Kultur. In Kanada hat sich so Inuit-Kunst – Skulpturen, Schnitzereien, Wandbehänge, Grafiken – zu einem beachtlichen Wertschöpfungsfaktor entwickelt. Grönland kauft den Inuit in großem Stil Robbenfelle ab, damit sie ihre Identität als Robbenjäger behalten können. Da aber der Import in die EU untersagt ist, lagert Grönland die Felle ein. Auch werden, nicht nur in Grönland, den Inuit Fangquoten und Jagdlizenzen für bedrohte Tierarten wie Eisbär und Grönlandwal zugestanden, um ihre Fähigkeiten bei der Jagd und der Verwertung dieser Tiere zu erhalten. Diese Maßnahmen sind jedoch sehr fragwürdig, da beispielsweise in Kanada manche Inuit ihre Jagdlizenz an Jagdveranstalter verkaufen, die ihre Kunden aus dem Kreis der Trophäenjäger beziehen.
Ein traditionell lebendes Volk, das einen guten Mittelweg zwischen Tradition und Moderne gefunden hat, sind die Nenzen, ein Nomadenvolk auf der Jamal-Halbinsel im Nordwesten Sibiriens. Sie ziehen mit ihren Rentierherden im Sommer Tausende Kilometer weit, die Winter verbringen sie in ihren Winterlagern südlich des Ob. Die Nenzen sind, wie viele Nomaden, starke Traditionalisten und selbstbewusst. Sie haben (noch) ein funktionierendes Wirtschaftssystem und einen guten Markt für ihre Rentiere. Deren Fleisch gilt als Delikatesse, und die pulverisierten Hörner werden als Potenzmittel nach China verkauft.
Die Nenzen pflegen also einerseits ihre traditionelle Wirtschaftsweise, nutzen aber auch die Globalisierung für neue Geschäftsmodelle. Ihr Leben ändert sich jedoch gerade dramatisch. Immer mehr Pipelines durchziehen die Weidegründe und versperren die angestammten Wanderrouten. Zusammen mit den Erdöl- und Erdgasförderstätten hinterlassen diese Bauten gewaltige Schäden in den Permafrostböden und zerstören so den Lebensraum der Nenzen und ihrer Herden. Allgemein kann man sagen, dass der kulturelle Wandel der Indigenen umso weiter vorangeschritten ist, je stärker die Wirtschaft im jeweiligen Land ist. Für die Betroffenen hat Letzteres zwar durchaus auch Vorteile, etwa eine bessere medizinische Versorgung, geringere Kindersterblichkeit usw., doch in der Summe ist das Angebot, das die moderne Welt diesen Völkern bisher unterbreitet, nicht gut. Abgesehen vom Verlust der Identität geht unglaublich viel Wissen verloren, das sich über Jahrtausende an die jeweiligen Naturbedingungen angepasst, entwickelt und bewährt hat und daher von unschätzbarem Wert ist – auch für die Menschheit als Ganzes. Die Rede ist nicht von alten Schnitztechniken oder Jagdmethoden, sondern vom tiefen Verständnis der Natur, den Zusammenhängen von Ursache und Wirkung, kurz dem ökologischen Wissen, das im Kampf gegen den Klimawandel und den Verlust von Biodiversität so wertvoll wäre.
Der Wandel ist nicht aufzuhalten, letztlich entscheidend wäre, dass die bedrohten Völker dieser Welt selbst den Grad und die Geschwindigkeit bestimmen und entscheiden können, welche Elemente der Moderne sie übernehmen und welche nicht. Stattdessen hat der Wandel in den letzten Jahrzehnten an Fahrt aufgenommen – nicht selten kommt die Moderne wie ein Tsunami über die Betroffenen. Das 21. Jahrhundert wird zeigen, ob die traditionell lebenden Völker dieser Welt noch eine Überlebenschance haben.