Die Arktis
Das Polargebiet auf der Nordhalbkugel, die Arktis, umfasst mit 26,4 Millionen Quadratkilometern etwa fünf Prozent der Erdoberfläche, nur etwa 7,6 Millionen davon sind Festland. Das Nordpolarmeer bedeckt 14,3 Millionen Quadratkilometer und setzt sich aus dem Arktischen Becken, der Barentssee, der Karasee, der Laptewsee, der Ostsibirischen See, der Tschuktschensee, der Beaufort- und der Baffinsee zusammen. Das Nordpolarmeer, mit dem geografischen Nordpol im Zentrum, wird von einer zirkumpolaren Landmasse umschlossen. Diese wird nur durch die schmale Beringstraße und die breite Öffnung des Nordpolarmeers zwischen Grönland und dem norwegischen Nordkap unterbrochen.
Während auf dem Südkontinent Antarktika eine bis zu 4700 Meter dicke Inlandeismasse liegt, sind vergletscherte Bereiche in der Arktis eher die Ausnahme. Lediglich Grönland, Spitzbergen, Franz-Josef-Land sowie einige Inseln in der kanadischen und sibirischen Arktis werden von einem Eispanzer bedeckt.
Die festländische Arktis wird in die Gletscherzone (Eiswüste) und in den Periglazialbereich unterteilt. Der Periglazialbereich setzt sich aus Kältewüsten und Tundren zusammen, beides eisfreie Gebiete mit Permafrostböden. Die Tundren erstrecken sich nördlich der Baumgrenze und lassen sich wiederum in Strauch- und Grastundren unterteilen. Die Gesamtfläche der Kältewüsten ist mit einer Million Quadratkilometern im Verhältnis zu den Tundren mit 4,5 Millionen Quadratkilometern eher klein. Wie eingangs betont, werden die überwiegenden Teile der Arktis aber nicht von Festland, sondern vom Nordpolarmeer eingenommen.
Einführung
Die Abgrenzung der Arktis
Die ökologischen Verhältnisse sprechen gegen den nördlichen Polarkreis als Grenzlinie, denn dann würden klimatisch wie vegetationsgeografisch als »arktisch« zu bezeichnende Gebiete wie Südgrönland oder die Hudson Bay ausgeschlossen, dagegen Nordskandinavien, mit seinen Kiefern- und Birkenwäldern, miteinbezogen werden. Weitere Abgrenzungskriterien könnten die Permafrostgrenze, die Treibeisgrenze oder die Null-Grad-Jahresisotherme sein. Am besten hat sich auf den Festländern die polare Baum- und Waldgrenze als Südgrenze der Arktis bewährt. Sie entspricht weitgehend der Zehn-Grad-Juli-Isotherme. Da die Land-Meer-Verteilung die Temperaturen in der Arktis stark beeinflusst, verwundert es nicht, dass die Baumgrenze und eine damit einhergehende Abgrenzung der Arktis keineswegs breitenparallel verläuft.
Die Vereisung
Der Arktische Ozean weist je nach Jahreszeit einen unterschiedlichen Grad der Vereisung auf, sodass in den nördlichsten Breiten die Meereisdecke auch im Sommer nicht komplett abschmilzt. Im Herbst setzt die Eisbildung an der amerikanischen und sibirischen Nordküste erneut ein. Etwas später beginnt das Eis dann an der noch vorhandenen Eisdecke zu gefrieren. So breitet sich die Eisdecke auf dem Arktischen Ozean im Herbst von zwei Seiten her aus. Die Meereisbedeckung nimmt in den Wintermonaten nach Süden hin weiter zu und erstreckt sich über weite Teile des Arktischen Ozeans. Das Packeis nimmt dann eine Fläche von bis zu 12,5 Millionen Quadratkilometern ein und geht im Sommer auf die Hälfte der Fläche oder weniger zurück. Das Meereis besteht aus ebenen Schollen, die sogar als Landebahn für Flugzeuge dienen können. Dazwischen finden sich bis zu 25 Meter hohe Presseiswälle und Kanäle mit offenem Wasser, die Leads genannt werden. Die Dicke des Meereises übersteigt nur selten drei Meter, weil Eis ein guter Isolator ist.
Auf offener See ist das Packeis selten stärker als zwei Meter, und Eisbrecher können diese ganzjährig durchbrechen. Das Tauen im Frühjahr dauert lange, da Eis eine hohe Albedo, also eine hohe Rückstrahlkraft, besitzt und damit kaum Sonnenstrahlung absorbiert. Außerdem wird oftmals neues Meereis aus anderen Teilen des Arktischen Ozeans herantransportiert. Das Eis des Nordpolarmeers bildet auch im Winter keine kompakte Eiskappe. Aufsteigendes Tiefenwasser, Meeresströmungen sowie Winde verursachen breite Risse und Polynjas, das sind Gebiete offenen Wassers, die für eine Vielzahl von pflanzlichen und tierischen Organismen überlebensnotwendig sind. Eine wichtige Ursache ihres Entstehens sind vertikale Konvektionsströmungen, die wärmeres Wasser an die Oberfläche bringen. Das Nordpolarmeer ist im Gegensatz zu den terrestrischen Ökosystemen der Arktis ein Gebiet mit hohem ökologischen Potenzial. Dort wo nährstoffreiches Tiefenwasser an die Oberfläche tritt, gibt es sogar eine höhere Produktivität der Ökosysteme als in subtropischen oder tropischen Meeren!
Wie schon erwähnt, ist der Grad der landgebundenen Vereisung nicht mit der in der Antarktis zu vergleichen. Den größten Teil des arktischen Festlandeises nimmt das grönländische Inlandeis mit 85 Prozent der Gesamtfläche ein, der Rest entfällt auf die Eiskappen diverser Inseln. Grönland ist zu 81 Prozent vom Inlandeis bedeckt, das norwegische Spitzbergen zu 60 Prozent, das russische Franz-Josef-Land zu 87 Prozent, und das ebenfalls russische Nowaja Semlja weist eine Vereisung von 30 Prozent auf. Eisschelfe, die typisch für die Antarktis sind, finden sich in der Arktis nur in Nordgrönland und auf Ellesmere Island. Verbreiteter sind die zahllosen arktischen Gletscher, die meist das offene Meer erreichen, dabei aufschwimmen und abkalben.
Eisberge entstehen durch Gletscherabbrüche an den polaren Küsten. Die Geburtsstätte der weitaus meisten arktischen Eisberge ist Nordwestgrönland. Die Driftwege lassen sich nachvollziehen und ergeben sich durch den Ort der Kalbung und die Meeresströmungen. Eisberge machen aber nur einen kleinen Teil des Drifteises aus, selbst in der an Eisbergen reichen Davisstraße, zwischen Kanada und Grönland, sind es nur zwei Prozent. In dieser 700 Kilometer langen und 300 Kilometer breiten Meerenge werden jährlich an die 7500 Eisberge gezählt, die mit dem Labradorstrom nach Süden ziehen; fünf Prozent von ihnen gelangen bis Neufundland.
Die Arktis besitzt ein Jahreszeitenklima mit ausgeprägten Unterschieden zwischen Polarsommer und -winter, die täglichen Temperaturschwankungen sind dagegen minimal. Der Grund hierfür sind die extremen Lichtverhältnisse. Je nach Breitengrad dauert der Polartag oder die Polarnacht Tage, Wochen oder gar Monate an. Am 90. Breitengrad, also am Nordpol, folgt auf einen halbjährigen Polartag eine halbjährige Polarnacht. Winter und Sommer sind in der Arktis sehr unterschiedlich ausgeprägt. Meteorologen sprechen in der Arktis von einem »kernlosen Winter«, weil sich in der Polarnacht die Strahlungsverhältnisse nicht ändern und die Temperatur konstant niedrig bleibt. Der Polarsommer dagegen gilt als »Spitzensommer«, weil es lange dauert, bis der Schnee geschmolzen ist und die Temperaturen wirklich steigen können – allerdings nur für sehr kurze Zeit.
Generell würden die Strahlungsverhältnisse in der Arktis eine zonale Struktur der Temperaturverteilung vermuten lassen: Das hieße, dass die Temperaturen im Winter wie im Sommer zum Nordpol hin kontinuierlich sinken würden. Die unterschiedliche Verteilung von Land und Wasser sorgt aber dafür, dass im Winter über Ostsibirien und über dem grönländischen Eisschild extreme Kälte herrscht, es in Nordkanada auf gleicher Breite aber deutlich milder ist. Der Kältepol der Nordhalbkugel liegt dann auch nicht am Nordpol, sondern in Jakutien, mitten im borealen Nadelwaldgürtel (die dort gemessene Tiefsttemperatur lag bei minus 67,8 Grad Celsius!). Mitverantwortlich für die ungleiche Temperaturverteilung ist auch der Golfstrom, der nicht nur in Skandinavien für vergleichsweise milde Verhältnisse sorgt, sondern mit seinen Ausläufern das Meer bis zum russischen Hafen Murmansk und bis an die Küsten Spitzbergens ganzjährig eisfrei hält. In der Beringstraße ist es hingegen der Pazifik, der für ein moderates Klima sorgt. Im arktischen Sommer weisen Nordostsibirien, Nordwestkanada und Teile Alaskas vergleichsweise hohe Sommertemperaturen auf, während das zentrale Polarbecken und das grönländische Inlandeis auch dann im negativen Temperaturbereich bleiben. Der sommerliche Kältepol der Arktis liegt dann auch am Nordpol.
Zyklone und Zwischenhochs der Westwindzone prägen das Wetter in der Arktis. Im Winterhalbjahr breitet sich ein Kältehoch über dem gefrorenen Nordpolarmeer und über Ostsibirien aus. In der Arktis ist, anders als in der Antarktis, keine zirkumpolare Tiefdruckrinne zu beobachten, sondern nur einzelne Tiefdruckzellen, wie das Islandtief. Grundsätzlich sorgt die Druckverteilung auf der Nordhalbkugel für ganzjährig östliche Winde in der Arktis. In Grönland sind aufgrund des mächtigen Eispanzers, ähnlich wie in der Antarktis, Fallwinde zu beobachten – sogenannte katabatische Winde.
Betrachtet man die jährliche Niederschlagsmenge, müsste die Arktis wie auch die Antarktis den Trockengebieten zugerechnet werden. Während in meeresnahen Gebieten noch 400 Millimeter Niederschlag pro Jahr, in Südgrönland auch 1000 Millimeter gemessen werden, fallen in küstenfernen Regionen und im Nordpolarbecken nur 100 Millimeter Niederschlag pro Jahr – ein Wert, der an die Sahara erinnert. Doch setzt man den geringen Niederschlag in Relation zu der noch geringeren Verdunstungsrate, ist die Bilanz dennoch ein schwach humides Klima.
Die Fauna und Flora der Arktis
Für die Evolution sind die heutigen klimatischen Bedingungen im Bereich der Polargebiete etwas gänzlich Neuartiges, denn ähnlich kühle Bedingungen wie heute herrschten auf der Erde zuletzt im Paläozoikum vor 250 bis 500 Millionen Jahren. An die neuen, kalten Bedingungen in beiden Polargebieten konnten sich vor allem jene Arten anpassen, deren Körperbau schon vorher dafür geeignet war, die also präadaptiert waren. So siedelten sich die Robben sehr erfolgreich in den Polargebieten an, weil sie auch schon bei höheren Temperaturen dicke Unterhautfettschichten ausgebildet hatten und damit ohne große Umstellung in Eis und Kälte überleben konnten.
Das geringe Alter und die geringe Produktivität der polaren Ökosysteme führen dazu, dass die biologische Vielfalt im Vergleich zu den gemäßigten Breiten oder den Tropen gering ist. Vergleicht man aber die Arktis mit der Antarktis, wird deutlich, dass die Tier- und Pflanzenwelt der terrestrischen Arktis wesentlich arten- und zahlreicher ist als die der Antarktis. Während die Antarktis im Festlandbereich nur zwei Arten höherer Pflanzen und keine Landsäugetiere vorweisen kann, ist die Arktis dank ihrer weniger isolierten Lage und des milderen Klimas von vergleichsweise vielen Gefäßpflanzen und Landsäugetieren besiedelt. In beiden Polargebieten ist die Anzahl von Individuen innerhalb der einzelnen Arten besonders bei den Meereslebewesen sehr hoch.
Wechselwarme Landwirbeltiere wie Amphibien und Reptilien sind in der Arktis kaum zu finden, da es ihnen nicht gelingt, bei niedrigen Temperaturen aktiv zu sein. Von den zahlreicher vertretenen Insektenarten sind allein für die Hocharktis bis zu 350 Arten verzeichnet. Meist wird der lange Winter, ohne jegliche Nahrungsaufnahme, in Kältestarre verbracht. Die erfolgreichsten Tiere der Arktis sind die warmblütigen Säugetiere und Vögel. Das Federkleid der Vögel sowie die dichte Behaarung und das Unterhautfett der Säuger ermöglichen ihnen, auch bei sehr tiefen Temperaturen ihre Körpertemperatur aufrechtzuerhalten – was für die Lebensfunktionen von entscheidender Bedeutung ist. Interessant ist, dass es keine besonderen »Erfindungen der Evolution« für ein Überleben der Warmblüter in der Hocharktis gibt. Die Arktis wurde vielmehr von »Einwanderern« aus südlicheren Breiten besiedelt; einzelne Eigenschaften, wie die Körpergröße oder ein höheres Herzgewicht, veränderten sich geringfügig.
Von den insgesamt 4000 Säugetierarten leben nur 50 in der Arktis, lediglich ein Dutzend von ihnen ist dort ganzjährig zu finden. Dazu gehören die Moschusochsen, die den langen, dunklen Winter der Hocharktis in Herden überstehen. Nur große Tiere mit einem kleinen Oberflächen-Volumen-Verhältnis können diese unwirtliche Jahreszeit im Freien überleben. Kleinere Säugetiere, wie Mäuse oder Lemminge, überleben die winterliche Kälte in Erdhöhlen unterhalb der isolierenden Schneedecke. Ihre Körpertemperatur wird abgesenkt, weil ansonsten der im Fett gespeicherte Energievorrat nicht reichen würde, um den Körper monatelang auf optimaler Körpertemperatur zu halten. Migrationsfähige Arten haben bei den extremen Wintertemperaturen und gleichzeitiger monatelanger Dunkelheit einen klaren Selektionsvorteil. Bekannt sind beispielsweise die weiten Wanderungen der Karibus in Alaska. Die meisten arktischen Landvögel sind nur während der sommerlichen Brutperiode Bewohner der Arktis. Zirkumpolar besuchen jedoch 120 Arten die Tundren, nur sehr wenige von ihnen, darunter das Schneehuhn und der Gerfalke, sind dort ganzjährig anzutreffen.
Die Fauna des Arktischen Ozeans ist gekennzeichnet durch große Populationen warmblütiger Wirbeltiere wie Wale, Robben und Seevögel. Sie sind dort deshalb so zahlreich zu finden, weil die unteren Glieder der Nahrungskette, also Fische, Krebse und Plankton-Organismen wie Krill, so reichlich vorhanden sind. Davon profitieren auch die Wale. Neben den Bartenwalen gibt es in der Arktis auch Zahnwale, wie die Narwale oder die Belugas. Die zahlreich vorkommenden Robben sind die Hauptnahrungsquelle der im Packeis jagenden Eisbären. Der Eisbär ist zirkumpolar verbreitet, unternimmt auf der Suche nach Beute lange Wanderungen auf dem Eis und ist ein guter Schwimmer. Die arktischen Seevögel stellen als Nutzer des Planktons und der Fische ein wichtiges Endglied in der arktischen Nahrungskette dar. Sie sind während der Brutperiode in großen Kolonien an den arktischen Küsten zu finden. Manche Arten wie Möwen, Meeresenten und Zwergalken sind Nutzer der obersten Wasserschichten, andere wie Teiste und Lummen dringen in Tiefen von über 100 Metern vor. Auch die Fischwelt der Arktis ist geprägt von Artenarmut, bei gleichzeitiger hoher Individuenzahl. Typische Fische in der Arktis sind Groppen, Polardorsche, Scheibenbäuche, Lachse und Heringe.
Ähnlich wie die Tiere befinden sich auch die Pflanzen in den Polargebieten in einem harten Überlebenskampf. Es ist ein Kampf gegen Kälte, Wind und magere Böden. Konkurrenz unter den Pflanzen spielt, anders als beispielsweise im Regenwald, kaum eine Rolle. Niedrige Temperaturen und lange Schneebedeckung sowie sommerliche Trockenheit führen in der Hocharktis zu einer Vegetationsperiode von nur 40 bis 50 Tagen. Wird nicht einmal diese Zeitspanne erreicht, gedeihen keine Pflanzen. So führen Geografen und Botaniker nicht Kälte, sondern Wärmemangel als Ursache für fehlenden oder langsamen Pflanzenwuchs an. Pflanzen in der Arktis zeigen bestimmte morphologische Anpassungen an die Kälte. Dazu gehört die Isolation wichtiger Pflanzenteile durch wollartige Substanzen oder polsterförmigen Wuchs. Auch Zwergwuchs stellt eine Anpassung an die Kälte dar, weil so die etwas wärmeren Temperaturen in Bodennähe genutzt werden können. Manche arktischen Pflanzen sind behaart, was die Luftzirkulation über der Pflanzenoberfläche reduziert und so die Verdunstung und Einstrahlung verringert.
Man unterscheidet in der Arktis drei Vegetationszonen: Die Vegetationszone der nördlichen Arktis liegt innerhalb der sogenannten Frostschuttzone, die Pflanzenbedeckung variiert zwischen fünf und 25 Prozent, manche Gebiete sind ganz ohne Vegetation. Liegt die Vegetationsbedeckung unter zehn Prozent, spricht man von einer Kältewüste. Der niedrige Pflanzenbewuchs besteht aus Polsterpflanzen, Gräsern und wenigen Zwergsträuchern. Eher verbreitet sind Moose und Flechten, die keine Bodenbildung benötigen. Die Vegetationszone der mittleren Arktis besitzt eine Vegetationsbedeckung von 25 bis 50 Prozent. Neben Moosen, Flechten, Gräsern und krautigen Pflanzen gibt es hier auch vermehrt Zwergsträucher. Die Vegetationszone der südlichen Arktis schließlich bildet keinen breiten Vegetationsgürtel, sondern den Übergang zu den bewaldeten Gebieten. Der Bewuchs ist von Büschen dominiert und hat einen Bedeckungsgrad zwischen 50 und 100 Prozent.
Strahlungs- und Temperaturhaushalt, Wasserversorgung, Nährstoffverfügbarkeit und der Wind sind für das Vorkommen oder Fehlen von Pflanzen entscheidend. Die Verhältnisse können sich auch kleinräumig verändern und haben dann einen unterschiedlichen Grad an Vegetationsbedeckung zur Folge.
Die Menschen der Arktis
Im Gegensatz zur Antarktis gibt es in der Arktis eine indigene Urbevölkerung, die sich trotz monatelanger Dunkelheit, extremer klimatischer Verhältnisse und niedriger Produktivität der Ökosysteme seit Jahrtausenden in diesem Lebensraum behauptet. Zur indigenen Bevölkerung der Arktis werden folgende Völker gerechnet, die sich ganzjährig oder zumindest jahreszeitlich in der Arktis aufhalten: So leben die Saami und die Komi auf der Kola-Halbinsel, die Nenzen beiderseits des Urals, die Nachfahren der Enzen, die Nganasanen, die Ewenken und die Dolganen sind auf der Taimyr-Halbinsel zu Hause, die Ewenen, die Jakuten und die Jukagiren leben zwischen Lena und Kolyma, die Familien der Tschuktschen hingegen sind im Gebiet von der Kolyma bis zur Beringstraße und die Inuit von der russischen Seite der Beringstraße bis Ostgrönland heimisch.
Die räumliche Verbreitung der frühen Einwanderer stand in direktem Zusammenhang mit der Klimaentwicklung in den letzten Jahrtausenden. Ob diese ersten Bewohner der Arktis in einer oder mehreren Einwanderungswellen eintrafen, ist umstritten. Lange Zeit hielt sich die Theorie der Clovis-Kultur. Die nachspäteiszeitliche Besiedlung erfolgte demnach durch steinzeitliche Jäger und Sammler, die vor mehr als 15.000 Jahren aus Nordostasien in das bereits eisfreie Ostsibirien vordrangen, während West- und Mittelsibirien sowie Nordeuropa noch von Eis bedeckt waren. Die Besiedlung des heutigen Alaska war möglich, als während des Höchststandes der Vereisung der Meeresspiegel um bis zu 100 Meter tiefer lag als heute und eine Landbrücke im Bereich der heutigen Beringstraße existierte. Neuere Forschungsergebnisse gehen jedoch davon aus, dass die ersten Bewohner Seefahrer waren, die mit Booten an der Pazifikküste entlang vordrangen. Die Vorfahren der Inuit konnten diese Landbrücke nicht mehr nutzen und sind um 3500 v. Chr. mit Booten oder über das winterliche Eis nach Nordamerika eingewandert. Sie lebten als Jäger und Sammler: Die Jagd auf Wale und andere Meeressäuger sowie der Fischfang bildeten, ebenso wie die Karibu- und Vogeljagd oder das Beerensammeln, die Ernährungsgrundlage. Diese traditionellen, auf Selbstversorgung ausgerichteten Nutzungsformen stellten keine Gefährdung für die arktischen Ökosysteme dar. Schon seit dem 17. Jahrhundert machten sich Walfänger aus den europäischen Häfen in die Arktis auf. Aber mit Einführung technischer Neuerungen im 19. Jahrhundert, wie Dampfschiffen statt Segelschiffen oder Harpunenkanonen statt Handharpunen, und dem Einsatz von Walfangflotten, die aus Fabrikschiffen bestanden, nahm die Jagd auf Wale ein Ausmaß an, das die verschiedenen Arten massiv gefährdete. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte durch vielfältige staatliche Maßnahmen ein tief greifender Wandel in der Arktis ein. In der Sowjetunion sollte die indigene Bevölkerung in der sozialistischen Gesellschaftsordnung aufgehen, auch in Nordamerika wurden die Inuit oftmals mit restriktiven Methoden in wenigen Ortschaften angesiedelt und so in den modernen Warenverkehr eingegliedert. In Kanada wurden in den 1970er-Jahren 21.000 Huskys erschossen, um so den Aktionsradius der Inuit einzuschränken und sie zum bleibenden Aufenthalt in die Dörfer zu zwingen.
Erst in neuerer Zeit versucht man, durch umfangreiche Sozialprogramme die durch den erzwungenen Wandel entstandenen katastrophalen Folgen und Lebensbedingungen etwas zu verbessern. In Grönland wurden mit dänischer Hilfe und EU-Geldern Entwicklungsprogramme realisiert, die auf den Ausbau der kommerziellen Fischerei zielen, aber auch das traditionelle Jagen und Fischen fördern sollen. Traditionelles Wirtschaften wird heute in der Arktis oft nur noch als Nebenerwerb betrieben. Man spricht von einer gemischten Wirtschaft, der die indigene Bevölkerung nachgeht.
Anders als die Antarktis, die durch völkerrechtlich bindende Verträge vor einer Ausbeutung geschützt ist, werden die mineralischen und biotischen Ressourcen der Arktis heute von weltweit operierenden Unternehmen genutzt. Damit setzen sich der Kulturwandel sowie der tief greifende soziale und demografische Strukturwandel der indigenen Bevölkerung in der Arktis ungebremst fort. Das Bild vom stolzen Inuit-Jäger, der mit dem Hundeschlitten auf die Jagd geht und in einem Iglu übernachtet, gehört längst der Vergangenheit an.
Die Förderung von Erdöl, Erdgas und Kohle und die Erschließung mineralischer Lagerstätten haben eine erhebliche Gefährdung der arktischen Ökosysteme und massiven Landschaftsverbrauch zur Folge. Zahlreiche Infrastrukturmaßnahmen, wie der Bau von Straßen, Pipelines und neuen Siedlungen, belasten die sensiblen arktischen Ökosysteme. Die neuen Schifffahrtsrouten, die erst aufgrund des Klimawandels möglich wurden, bergen ebenfalls massive Gefahren für die Ökosysteme der Arktis. Grund zur Hoffnung gibt einzig die Weite und Größe der Arktis selbst, die immer noch völlig unberührte Landstriche bietet. Wenigstens diese letzten Gebiete müssten, ähnlich wie in der Antarktis, wirksam vor dem Rohstoffhunger der Industrie und den Plänen der Reedereien geschützt werden.
Spitzbergen
Spitzbergen ist der Name der Hauptinsel einer Gruppe von 400 Inseln, die zwischen dem 74. und 81. Breitengrad weit nördlich des Polarkreises liegt. Während die Inselgruppe international »Svalbard« heißt, wird im Deutschen meist der ganze Archipel Spitzbergen genannt. Vier Nordmeere treffen dort an die Küsten: die Grönlandsee, das Europäische Nordmeer, die Barentssee und das Nordpolarmeer.
Während das Klima im Westen Spitzbergens von dem Westspitzbergenstrom, einem Ausläufer des Golfstroms, gemildert wird, sorgt im Osten der Inselgruppe der kalte Ostspitzbergenstrom für hocharktische Verhältnisse. Spitzbergen hat eine der Hocharktis entsprechende artenarme Flora und Fauna. Bekannt sind die Inseln für die mehr als 3500 Tiere zählende Population von Eisbären, die vor allem auf dem Packeis rund um die Inseln auf Robbenjagd gehen. Die Inselgruppe besitzt je nach Lage eine unterschiedliche Tundravegetation, in Höhenlagen gibt es auch vegetationslose Kältewüsten. Auf Spitzbergen leben etwa 2700 Menschen, fast alle von ihnen im Verwaltungszentrum Longyearbyen.
Mein Freund Jörg Reuther und ich waren Ende Februar 2010 nur zehn Tage nach Ende der viermonatigen Polarnacht nach Longyearbyen geflogen und erkundeten die Hauptinsel auf mehrtägigen Hunde- und Motorschlittentouren. Sie führten uns auf der Suche nach Eisbären auch an die Ostküste. Unsere Biwakschachtel war zwar morgens von Bärenspuren umgeben, doch wir bekamen keinen Eisbären vor unsere Teleobjektive. So blieben die ausgestopften Exemplare auf dem Flughafen von Longyearbyen und im Foyer des örtlichen Krankenhauses die beiden einzigen Bärensichtungen. Dorthin war Jörg eingeliefert worden, nachdem er sich bei einem Sturz vom Hundeschlitten verletzt hatte.
Im Winter 2014/15 reiste ich noch zweimal mit meiner Frau Elly in den hohen Norden. Die erste Reise führte uns bis an das Nordkap sowie in die Finnmark zwischen Alta und Kirkenes im Norden Norwegens. Drei Monate später und fünf Jahre nach meiner ersten Spitzbergenreise flogen meine Frau Elly und ich erneut dorthin, um am 20. März 2015 eine totale Sonnenfinsternis zu fotografieren. Wir waren mit Schneemobilen und einem bewaffneten Guide fast bis zur Ostküste gefahren und erlebten das Naturereignis bei wolkenlosem Himmel und minus 21 Grad Celsius in völliger Einsamkeit, auf einer Anhöhe über einem Tal, dem Sassendalen. Das Bild, das die strahlende Korona über der verfinsterten Arktis zeigt, war nach 250.000 Bildern das letzte, das ich für das Projekt Planet Wüste fotografiert habe.
Franz-Josef-Land
Franz-Josef-Land ist die nördlichste Inselgruppe der Erde und besteht aus 191 Inseln, die zwischen dem 80. und 82. Breitengrad liegen. Ihr nördlichster Punkt befindet sich nur 940 Kilometer vom Nordpol entfernt. Bis zu 400 Meter mächtige Eiskappen bedecken 87 Prozent der Gesamtfläche aller Inseln. An den Küsten kalben Gletscher in das Nordpolarmeer, sodass in den Gewässern des Archipels viele Eisberge schwimmen. Die eisfreien Gebiete von Franz-Josef-Land sind polare Kältewüsten, nur in besonderen Gunstlagen findet sich spärliche Vegetation.
Franz-Josef-Land war die letzte Entdeckung einer größeren Landmasse in der Erforschungsgeschichte der Erde. Der österreichisch-ungarische Marineoffizier Carl Weyprecht und der aus Böhmen stammende Offizier Julius von Payer wollten die Nordostpassage erkunden, als sie vor der Doppelinsel Nowaja Semlja ins Packeis gerieten und nach Norden abgetrieben wurden. Nach zehn Monaten, am 30. August 1873, riss die Wolkendecke auf, und sie erblickten Land, das sie nach dem österreichischen Kaiser benannten. Während ihr Schiff im Eis feststeckte, brach die lange Polarnacht herein. Die Hoffnung, das Schiff im Frühling wieder freizubekommen, zerschlug sich im Laufe des Sommers, eine weitere Überwinterung unter extremen Bedingungen wurde nötig. Kaum kehrte das Sonnenlicht wieder, erkundete Julius von Payer auf drei Schlittentouren den Archipel. Als er von der nördlichsten Insel zurückkehrte, hatte Weyprecht bereits Befehl gegeben, das im Eis eingeschlossene Schiff zu verlassen, um zu Fuß das offene Meer zu erreichen. Drei Monate zog die Mannschaft die mit Proviant und Ausrüstung vollgepackten Rettungsboote unter dramatischen Bedingungen über das Eis, erreichte die Eisgrenze und segelte von dort mit letzten Kräften nach Süden, um in die Nähe der Schifffahrtsroute zu gelangen. Sie hatten großes Glück und wurden von einem Walfangschiff gerettet.
Meine Reise dorthin war ungleich bequemer und ungefährlicher. Ich war im Juli 2011 an Bord des russischen Eisbrechers Kapitan Dranitsyn von Murmansk durch die Barentssee nach Norden gefahren und hatte bereits nach drei Tagen Franz-Josef-Land erreicht. Der Kapitän steuerte Insel um Insel an, die internationale Mannschaft brachte uns Passagiere in Zodiac-Booten an Land oder hielt mit uns nach Walen und Walrossen Ausschau. Wo Packeis eine Anlandung unmöglich machte, wurde der bordeigene Helikopter eingesetzt, den ich während einer der kurzen Sonnenscheinphasen eine Stunde chartern konnte. Der Flug über die Gletscher der Inseln Hall und McClintock sowie über die Eisberge im Negri-Kanal war für mich der Höhepunkt der Reise.
Tschukotka
Tschukotka ist eine Halbinsel und liegt im äußersten Nordosten Russlands. Im Norden grenzt es an das Nordpolarmeer, im Osten an die Beringstraße, im Süden an den Golf von Anadyr und im Westen an das Anadyr-Gebirge. Große Teile davon liegen nördlich der Baumgrenze, der Polarkreis durchschneidet Tschukotka im nördlichen Teil. In geografischer Hinsicht besitzt Tschukotka eine besondere Lage: Es liegt am 180. Längengrad, der internationalen Datumslinie, westlich davon zeigt der Kalender noch den gestrigen, östlich davon bereits den neuen Tag. Tschukotka ist doppelt so groß wie Deutschland und wird von etwa 50.000 Menschen bewohnt, 15.000 von ihnen gehören den indigenen Völkern wie den Tschuktschen, Inuit und den Nenzen an. Die Bevölkerungsmehrheit wird von Russen gestellt, die hauptsächlich in der Verwaltung, im Schulwesen oder im Bergbau tätig sind. Für Moskau war Tschukotka besonders zu Zeiten des Kalten Kriegs strategisch von größter Bedeutung, immerhin beträgt die Entfernung zu den USA, an der engsten Stelle der Beringstraße, nur 90 Kilometer. Aber auch die reichen Erz- und Goldvorkommen Tschukotkas machten die Halbinsel für die sowjetischen Machthaber interessant. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stürzte Tschukotka in eine tiefe Krise, entfielen doch die Transferzahlungen aus Moskau. Als »Retter« Tschukotkas gilt der wegen seiner Geschäftspraktiken umstrittene Milliardär Roman Abramowitsch, der als Gouverneur zwischen 2000 und 2008 viel für Tschukotka getan hat.
Gemeinsam mit unserem russischen Guide Vitali und zwei weiteren Begleitern wollten mein Freund Jörg Reuther und ich im Winter die Rentiernomaden und ihre Herden besuchen, um ihr Leben und Überleben im harten sibirischen Winter als eines der letzten Nomadenvölker der Arktis zu dokumentieren. Die meisten Tschuktschen leben als Rentierzüchter in der Region Iultin in Zentraltschukotka, einige auch vom Walfang an den Küsten. Die Rentierzüchter tragen im Winter auch heute noch aus Rentierfellen genähte Kleidung und leben in Yarangas, großen Zelten aus Rentierleder. In Tschukotka leben um die 200.000 Rentiere, davon 18.000 in der Region Iultin. Als einziges Verkehrsmittel für die gut 1000 Kilometer lange Strecke kamen Schneemobile infrage, mit denen wir uns fünf Tage lang durch Kälte, Eis und Schneestürme kämpften, bis wir eines Abends auf einem Hochplateau auf die Yarangas der Nomaden stießen.
Wir wurden von den Rentiernomaden sehr freundlich empfangen, bekamen einen Schlafplatz in einer Yaranga angeboten und hatten Gelegenheit, ihren Alltag einige Tage zu teilen.
Alaska
Alaska ist mit einer Fläche von 1,72 Millionen Quadratkilometern der größte Bundesstaat der USA und macht damit 20 Prozent der gesamten US-amerikanischen Staatsfläche aus. Dennoch leben dort mit 700.000 Einwohnern nur 0,22 Prozent der US-Amerikaner. Alaska wurde 1867 vom russischen Zarenreich für die Summe von 7,2 Millionen Dollar erworben und 1959 zum 49. Bundesstaat der USA. Drei Großlandschaften sind für Alaska typisch: Entlang der Pazifikküste dominieren die Rocky Mountains, die Yukon-Niederung ist durch ein bewaldetes Berg- und Hügelland geprägt, und nördlich der Brooks Range beginnt die Küstenebene North Slope, die von der Brooks Range zum Nordpolarmeer abfällt. Lediglich Letztere liegt nördlich der Baumgrenze und ist damit hier relevant.
Alaska ist nur durch wenige Straßen erschlossen, viele Orte sind ausschließlich mit dem Flugzeug erreichbar. Eine dieser Straßen, der Dalton Highway, hat eine besondere Geschichte. 1968 wurden ausgedehnte Ölfelder an der Prudhoe Bay entdeckt, die durch eine Pipeline erschlossen werden sollten. Parallel zur späteren Pipelinetrasse wurde der Dalton Highway 1975 in nur fünf Monaten erbaut, die Trans-Alaska-Pipeline war zwei Jahre später fertiggestellt. Sie überwindet drei Gebirgszüge und 500 Flüsse. Der Dalton Highway beginnt nördlich von Fairbanks und führt auf einer Länge von 666 Kilometern über die Brooks Range bis zum Arktischen Ozean. Langsam gehen die Ölvorräte in der Prudhoe Bay zur Neige, längst wird in Alaska trotz internationaler Proteste nach neuen Ölfeldern gesucht. Dabei sind die Folgen des Tankerunglücks der Exxon Valdez von 1989 bis heute nicht überwunden.
Ich wollte den Dalton Highway im Winter befahren und war mit meinen Freunden Jörg Reuther und Thilo Mössner nach Fairbanks geflogen. Dort mieteten wir einen wintertauglichen, großen Geländewagen und fuhren auf schneebedeckter, teilweise vereister Fahrbahn gen Norden. Die Strecke führte durch völlig unberührte Landschaft, doch Hunderte von Lastwagen, die dort täglich verkehren, ließen kein Gefühl von Einsamkeit aufkommen. Zurück in Fairbanks fuhren wir weiter ins kanadische Dawson City, um von dort aus den Dempster Highway zu befahren, der ebenfalls zum Arktischen Ozean führt. Meine Freunde lernten bei Temperaturen von bis zu minus 48 Grad Celsius die leistungsstarke Heizung des RAM-Geländewagens zu schätzen, ich war auf meinem Motorrad unterwegs, was die Maschine und mich trotz batteriebeheizter Kleidung an die Grenzen brachte.
Nunavut
Nunavut liegt im Nordosten Kanadas, umfasst den kanadisch-arktischen Archipel sowie Teile des kanadischen Festlands. Fast ganz Nunavut liegt nördlich der Baumgrenze und wird größtenteils von Tundra eingenommen, nur die nördlichsten Gebiete gehören zur Kältewüste. In Nunavut leben lediglich 32.000 Menschen, unter ihnen 25.000 Inuit, die das Land seit 1999 selbst verwalten. Die Bevölkerungsdichte gehört mit 0,01 Einwohnern pro Quadratkilometer zu den niedrigsten der Erde. Die 28 Siedlungen sind ausschließlich per Schiff oder Flugzeug erreichbar, Straßen gibt es nicht, und die Menschen leben relativ isoliert. Ähnlich wie in Grönland sind die sozialen Probleme unter den Inuit enorm. Alkohol- und Drogenmissbrauch, eine deutlich geringere Lebenserwartung und eine hohe Selbstmordrate sind hierfür eindeutige Indikatoren. Es zeigt sich, dass die Inuit unter einem Identitätsverlust leiden, der mit dem Verschwinden ihrer Kultur als Jäger-und-Sammler-Volk, der jahrzehntelangen Unterdrückung ihrer Traditionen und Werte und damit auch dem Aufbrechen ihrer sozialen Gemeinschaft einhergeht. Daran ändert auch das zweifellos hohe finanzielle Engagement der kanadischen Bundesregierung nichts, die vor allem in die Infrastruktur investiert.
Für Planet Wüste unternahm ich zwei Reisen nach Nunavut. Die eine führte mich im Juni 2011 nach Pond Inlet im Nordosten von Baffin Island, der größten Insel Nunavuts. Ich fuhr zusammen mit Inuit auf mehreren Schneemobilen zur Eiskante, jener Grenze, an der das küstennah noch gefrorene Meereis in die offene See übergeht. Im Frühsommer liegt die Flow Edge etwa 70 bis 80 Kilometer östlich von Pond Inlet zwischen den Inseln Baffin und Bylot. Dort sind die Jäger von Pond Inlet zu finden, die an der Eiskante auf die Jagd gehen.
Da sie aufgrund der Narwal-Jagd negative Presse fürchten, lassen sie sich dabei nicht fotografieren. Zwischen den Camps der Inuit schlugen wir unser Zeltlager auf. Mit von der Partie waren ein japanisches Filmteam, das erfolglos versuchte, Narwale zu filmen, und ein kanadischer Komponist, der mit einem Unterwassermikrofon Walgesänge für seine Kompositionen aufnahm. Unser Zeltlager wurde jeden Tag von Eisbären umkreist, die von den Inuit aber durch wilde Gesten, laute Rufe und das Anlassen der Schneemobil-Motoren auf Distanz gehalten werden konnten. Auf meiner zweiten Reise im August 2012 fuhr ich mit einem eistauglichen Schiff von Resolute Bay aus durch die Nordwestpassage nach Osten, um dann der Küste von Ellesmere Island bis hinauf zur kleinen Pim Island zu folgen. Die Reise endete an der Küste Westgrönlands.
Westgrönland
Grönland ist die größte Insel der Welt, seine Küstenlinie ist mit 44.000 Kilometern länger als der Erdumfang. Während die Nordspitze nur 740 Kilometer vom Nordpol entfernt ist, ragt es im Süden weit über den nördlichen Polarkreis hinaus. 81 Prozent Grönlands werden von Inlandeis bedeckt, das durchschnittlich um die 2000 Meter mächtig ist und nach dem antarktischen Eisschild die zweitgrößte Trinkwasserreserve der Erde darstellt. Die massive Vergletscherung Grönlands begann während der quartären Eiszeit, des Pleistozäns vor zwei bis drei Millionen Jahren. Würde das Inlandeis vollständig abschmelzen, würde der Meeresspiegel weltweit um sieben Meter steigen und sich die Insel zeitlich verzögert um mehrere Hundert Meter isostatisch heben. Auf der 2,175 Millionen Quadratkilometer großen Insel leben nur 57.000 Menschen, 88 Prozent von ihnen sind Inuit. Damit ist Grönland nach der Antarktis die am dünnsten besiedelte Region der Erde. Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass fast alle Siedlungen an der grönländischen Westküste liegen, die vom Grönlandstrom profitiert. Die Inuit Grönlands teilen sich in die westgrönländischen Kitaamiut, in die ostgrönländischen Tunumiut und die nordgrönländischen Inughuit auf.
Die grönländischen Inuit scheinen auf den ersten Blick den Kulturwandel besser verkraftet zu haben als andere indigene Völker. Dänemark und die EU unterstützen Grönland beim Ausbau der Infrastruktur und beim Aufbau eines funktionierenden Bildungs- und Gesundheitswesens sowie sozialer Einrichtungen. Sehr kontrovers wird die Ausbeutung von Rohstoffen vor den Küsten Grönlands diskutiert, für die das grönländische Parlament mit knapper Mehrheit den Weg geebnet hat. Völlig überraschend zogen sich die internationalen Konzerne im Januar 2015 wegen enormer Kosten und technischer Schwierigkeiten aus der Offshore-Suche nach Öl vor der Westküste Grönlands zurück.
Ich habe für das Projekt Planet Wüste vier Reisen nach Grönland unternommen, zwei führten mich an die Westküste. Im August 2011 flog ich mit meinen Kindern Gina und David nach Ilulissat, um dort die Eisberge des einzigartigen Eisfjords zu fotografieren. Wir waren nächtelang bei Mitternachtssonne auf Fischtrawlern zwischen den zahllosen Eisbergen unterwegs. Im Februar 2012 reiste ich mit Jörg Reuther nach Qaanaaq, um die Wiederkehr der Sonne nach der viermonatigen Polarnacht zu erleben. Wir verbrachten eine Woche in einer der nördlichsten Siedlungen der Erde. Unser Gastgeber war der Inuit Hans Jensen. Nachdem Jörg seine vier defekten Apple-Computer repariert hatte, spannte der Schwiegersohn von Hans aus Dankbarkeit die Hunde vor zwei Schlitten und ging mit uns bei klirrender Kälte drei Tage auf Jagd.
Ostgrönland
Ostgrönland unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von Westgrönland. Das Klima ist deutlich rauer, die Berge sind höher, und die Küstenlinien sind durch tief eingeschnittene Fjorde geprägt. Entsprechend gering ist die Besiedlungsdichte: Nur wenige Tausend der 57.000 Grönländer sind an der Ostküste ansässig, die meisten von ihnen leben in zwei Orten, in Tasiilaq oder Ittoqqortoormiit, die 800 Kilometer voneinander entfernt liegen. Der Kulturwandel ist in Ostgrönland nicht so weit fortgeschritten wie in Westgrönland, viele der Männer sind noch als Jäger tätig. Sie trifft das von der EU erlassene, weitreichende Handelsverbot mit Robbenfellen und anderen Produkten hart. Um die Jäger vor dem wirtschaftlichen Aus zu bewahren, lässt die grönländische Regierung Robbenfelle aufkaufen und in der Gerberei Great Greenland in Qaqortoq verarbeiten. Derzeit lagern in deren Hallen über 100.000 Robbenfelle, die kaum abzusetzen sind. Für die meisten grönländischen Familien sind die Jagd und der Fischfang bis heute nicht nur eine wichtige Einkommensquelle, sondern sie stärken auch die Identifikation mit den eigenen traditionellen Wurzeln.
Ich war im April 2011 allein von Island über Kulusuk nach Nerlerit Inaat geflogen, von dort brachte mich ein Helikopter nach Ittoqqortoormiit. Die meisten der etwa 500 Einwohner dieser isoliert liegenden Gemeinde sind bis heute Jäger, die mit der Jagd auf Robben, Eisbären, Moschusochsen und Schneehasen ihre Lebensgrundlage sichern. Die Bewohner von Ittoqqortoormiit dürfen pro Jahr 31 Eisbären schießen. Ich hatte mich mit dem jungen Jäger Silas angefreundet und begleitete ihn auf mehreren Jagdausflügen auf das im April noch gefrorene Meer, um Robben zu jagen. Die Wetterverhältnisse waren von Schneestürmen und Kälte geprägt und derart rau, dass ich bald eine schwere Bronchitis bekam, die ich in einem zum Gästehaus umfunktionierten, kaum beheizten Container auszukurieren versuchte. Dann hieß es auch noch warten. Der Rückflug verzögerte sich wegen der widrigen Wetterverhältnisse um zehn Tage, erst dann konnte der ersehnte Helikopter wieder landen.
Im Juli 2012 flog ich mit einem ARTE-Filmteam von Island über Kulusuk weiter ins nahe Tasiilaq. Von dort erkundeten wir auf zahlreichen Bootstouren das Fjordsystem. Wir erreichten die Gletscherkante des Knud-Rasmussen-Gletschers, fotografierten und filmten Wale und die im arktischen Sommer besonders eindrucksvollen Eisberge. Abschließend fuhren wir mit einem Schiff in die kleine Ortschaft Isortoq und gelangten von dort mit Schlittenhunden auf das grönländische Inlandeis.
Island
Island gehört in klimageografischer und vegetationsgeografischer Hinsicht nicht zur Arktis. Der Golfstrom sorgt hier für ein regenreiches, vergleichsweise mildes Klima. Doch es liegt nur knapp unterhalb des Polarkreises und verfügt über ausgedehnte Vulkan- und Eiswüsten.
Island ist Teil des Mittelatlantischen Rückens. An dieser Riftzone driften die nordamerikanische und die eurasische Platte im Durchschnitt zwei Zentimeter im Jahr auseinander. Ferner liegt unter Island ein aktiver Hotspot, das obere Ende eines vertikal aufsteigenden Stroms von Mantelmaterial. Dies führt in der Region um Island zu einer Anhebung des Ozeanbodens und damit zu einer Hebung der Insel über den Meeresspiegel. Die beschriebenen geologischen Vorgänge finden in zahlreichen aktiven Vulkanen und in den etwa 600 heißen Quellen ihren Ausdruck. Die vulkanische Aktivität führt im östlichen Hochland zu ausgedehnten edaphischen Wüsten, die aufgrund des porösen, wasserdurchlässigen Gesteins kein Pflanzenwachstum zulassen. Elf Prozent Islands sind aber auch von Eiswüsten bedeckt; der bekannteste und größte Gletscher ist der Vatnajökull.
Im Sommer 2009 bereiste ich das isländische Hochland gemeinsam mit Thilo Mössner auf dem Motorrad. Ich machte die Erfahrung, dass es in einer Wüste einen ganzen Sommer regnen kann, ohne dass ein Grashalm wächst. 30 zum Teil sehr tiefe Furten sorgten dafür, dass wir nicht nur von oben nass wurden. Zum Ende der Reise hin wandten wir uns dem Vatnajökull zu, den wir mit Steigeisen und Pickel begingen und mit einer zweimotorigen Cessna überflogen. Nach dieser Motorradtour wollten Jörg Reuther und ich das Hochland auch im Winter durchqueren. Wir waren im März 2013 gemeinsam mit einem ARTE-Filmteam mit zwei leistungsstarken Allradfahrzeugen mit Ballonreifen unterwegs, die sich durch den tiefen Schnee kämpfen konnten. Bei der Überquerung zugefrorener Flüsse drohten die schweren Fahrzeuge mehrfach ins Eis einzubrechen. Eine Orkanböe riss mir auf einer Eisfläche die Beine weg, und ich brach mir mehrere Dornfortsätze der Rückenwirbel. Trotz heftiger Schmerzen setzten wir die Winterexpedition fort. In einem tagelang andauernden Schneesturm konnten wir von Südwesten her den tief verschneiten Vulkan Askja erreichen, der nach einer eisigen Nacht in einer Schutzhütte am nächsten Morgen von der Wintersonne beschienen wurde. Gegen Ende der Reise fuhren wir über verschneite Sanderflächen zum Vatnajökull und überquerten Europas größten Gletscher mit den Geländefahrzeugen auf seiner ganzen Länge.
Nordpol
Der geografische Nordpol wird als der nördliche Schnittpunkt der Erdoberfläche mit der Drehachse der Erde definiert. Er hat eine geografische Breite von 90 Grad Nord und keine eindeutige geografische Länge. Von hier aus richtet sich der Blick ausschließlich nach Süden. Der geografische Nordpol liegt nicht auf dem Festland, sondern im Nordpolarmeer, das an dieser Stelle 4087 Meter tief ist und an der Oberfläche eine zwei bis drei Meter dicke Eisdecke aufweist. Die Sonne geht am Nordpol am 21. März auf und bis zum 22. beziehungsweise 23. September nicht unter. Nach einer mehrwöchigen Phase der Dämmerung folgt dann die Polarnacht, bis diese wiederum durch eine mehrwöchige Dämmerung und den Sonnenaufgang am Frühlingsanfang beendet wird. Während der eisigen Polarnacht ist der Polarstern fast senkrecht über dem Nordpol zu sehen.
Nachdem ich meine Reiseziele in der Arktis zirkumpolar ausgewählt hatte, wollte ich auch am Nordpol stehen. Es gab die Möglichkeit, mit einem russischen Atomeisbrecher im arktischen Sommer zum Nordpol zu fahren oder zum Barneo-Camp aufzubrechen, das von einem russischen Team um den berühmten Arktisforscher und Abenteurer Viktor Bojarski betrieben wurde. Ich entschied mich für das Barneo-Camp. Es wird alljährlich im Frühling errichtet, existiert dann nur wenige Wochen auf dem gefrorenen Meereis und muss anschließend wegen einsetzender Schmelze wieder abgebaut werden. Während dieser Zeit driftet das Camp auf einer Eisscholle um den Nordpol. Versorgt wird es mit Antonow-Flugzeugen von Spitzbergen aus. Das Camp dient Wissenschaftlern und Abenteurern aus aller Welt als wichtige Basis. Ich flog zunächst nach Longyearbyen auf Spitzbergen und wartete, bis die Wetter- und Eisbedingungen einen Weiterflug zum 89. Breitengrad zuließen. Im Barneo-Camp angekommen beobachtete ich die Arbeit der Wissenschaftler, führte Interviews und fotografierte bei wolkenlosem Himmel fast 24 Stunden am Tag. Je nach Eisbewegung driftete das Camp am Tag bis zu 20 Kilometer. Ein Helikopter brachte mich zusammen mit einem russischen Guide und vier anderen Skigehern 70 Kilometer weiter nach Norden. In den folgenden drei Tagen gingen wir bei teilweise schwierigen Eisverhältnissen mit Skiern und Pulkas bis zum Nordpol. Dort konnte ich anhand eines GPS-Geräts erleben, dass ich aufgrund der Eisdrift dauernd meine Position wechseln musste, um tatsächlich am Nordpol zu verbleiben. Gemeinsam mit meinen Reisebegleitern verbrachte ich dort draußen eine weitere, minus 30 Grad Celsius kalte Nacht im Zelt, bis uns am nächsten Morgen der russische Helikopter wieder ins Camp zurückflog.