Luftaufnahme der Drygaslki Berge in der Ostantarktis
Abendlicher Blick auf das Polarplateau in der zentralen Antarktis
Im Rossmeer treibender Eisberg

Die Antarktis

Das Polargebiet der südlichen Erdhalbkugel wird als Antarktis bezeichnet. Bereits der Name deutet darauf hin, dass es der Arktis gegenüberliegt (altgriechisch ant-arktos, »gegenüber der Arktis«). Zwischen den beiden Polargebieten gibt es zunächst ein zentrales Unterscheidungsmerkmal. Am Nordpol liegt eine dünne Meereisschicht über einem tiefen Ozeanbecken, welches von Kontinenten umgeben ist. Der Südpol hingegen befindet sich inmitten einer großen Landmasse, die fast doppelt so groß ist wie Australien und von mächtigen Gebirgen durchzogen wird. Wichtig ist zu wissen, dass die Geografen mit dem Begriff Antarktika den Kontinent alleine meinen, mit dem der Antarktis hingegen neben dem Kontinent auch die angrenzenden Meeresgebiete und zahlreichen Inseln mit einschließen. Die Lage des Südkontinents ist ausgesprochen isoliert: Bis zur Südspitze Afrikas sind 4000 Kilometer zurückzulegen; Australien liegt 3300 Kilometer entfernt, und bis Feuerland, an der Südspitze Südamerikas, muss man 1300 Kilometer überwinden.

Das Südpolarmeer umgibt die Antarktis; seine Grenze wird meist entlang der Antarktischen Konvergenz gezogen, die zwischen dem 45. und 60. südlichen Breitengrad schwankt. Damit nimmt das Südpolarmeer eine Fläche zwischen 35 und 38 Millionen Quadratkilometern ein; das macht einen Flächenanteil von elf Prozent an den Weltmeeren aus. Als Antarktischer Ringstrom oder Zirkumpolarstrom kreisen Wassermassen mit der Westwinddrift um Antarktika. Nur in Küstennähe sorgen katabatische Winde für eine entgegengesetzte Strömung. Ähnlich wie der Arktische Ozean bildet auch das Südpolarmeer im Winter eine Eisdecke, die mit 0,5 – 1,5 Metern Dicke aber wesentlich dünner ist als in der Arktis. Sie umfasst im Winter eine Fläche von bis zu 20 Millionen Quadratkilometern, im Sommer geht das Meereis bis auf eine Fläche von vier Millionen Quadratkilometern zurück. Trotz der extrem niedrigen Wintertemperaturen existieren auch innerhalb der winterlichen Meereisdecke Antarktikas weitgehend eisfreie Flächen, die Polynjas. Während für die Entstehung von Küstenpolynjas katabatische Winde verantwortlich sind, sind es im Falle der Hochseepolynjas Konvektionsströmungen aus der Tiefe des Meeres. Typisch für die Antarktis sind große Schelfeisgebiete, die ein Drittel des antarktischen Festlandes säumen. Diese zusammen etwa 1 ,5 Millionen Quadratkilometer großen und bis zu 1000 Meter mächtigen Eismassen werden vom antarktischen Inlandeis gespeist und sind mit diesem verbunden, schwimmen aber auf dem Meer auf. Die Flachmeerbereiche zwischen Ost- und Westantarktis weisen besonders große Schelfeisgebiete auf. Zu nennen sind das Filchner-Ronne- und das Larsen-Schelfeis im Weddellmeer und das Ross-Schelfeis im Rossmeer.

Einführung

Die Abgrenzung der Antarktis

Die genaue geografische Abgrenzung der Antarktis lässt sich weitaus schwerer bestimmen als die der Arktis und wird unterschiedlich begründet. Die in der Arktis häufig verwendete Baumgrenze fällt in der Antarktis als Abgrenzungskriterium mangels entsprechender Vegetation weg. Die rein astronomische Abgrenzung durch den südlichen Polarkreis bleibt unbefriedigend, denn die Kontinentmasse reicht teilweise über den Polarkreis hinaus. Ferner herrschen auf den die Antarktis umgebenden Meeren polare Verhältnisse mit tiefen Temperaturen noch weit nördlich des Polarkreises. Daher wird die Grenze der Antarktis meist durch die Lage der Antarktischen Konvergenz definiert. An diesem Grenzsaum fließen die kalten antarktischen und das wärmere Oberflächenwasser der südlichen Ozeane aufeinander zu. Die Antarktische Konvergenz zieht sich um den gesamten Kontinent und variiert zwischen 45 und 60 Grad südlicher Breite. Erhebt man die Antarktische Konvergenz zum Abgrenzungskriterium, umfasst die Fläche der Antarktis 51,9 Millionen Quadratkilometer, das entspricht zehn Prozent der Erdoberfläche. Die Fläche Antarktikas dagegen beträgt 14 Millionen Quadratkilometer, die Küstenlinie ist über 32.000 Kilometer lang, 13.700 Kilometer davon sind von Schelfeisgebieten geprägt. Geologisch ist Antarktika zweigeteilt: Die kleinere Westantarktis gleicht unter dem Eispanzer einem Archipel und stellt eine Ansammlung kollidierter Mikroplatten (Terranes) dar. Die kompakte Landmasse der Ostantarktis, die sich schon im Präkambrium konsolidierte und anschließend als stabiler Kraton im Zentrum des Großkontinents Gondwana und später im Zentrum des Superkontinents Pangäa unverändert blieb. Er setzt sich aus einzelnen Kratonen zusammen und wird regional von jüngeren Vulkaniten und Sedimenten überlagert. Die natürliche Grenze zwischen der West- und der Ostantarktis bildet das Transantarktische Gebirge.

Der unterschiedliche geologische Aufbau der beiden Kontinentteile bleibt aufgrund der Vereisung Antarktikas im Verborgenen. Vielmehr erscheint es auf Karten und Satellitenbildern als der Eiskontinent schlechthin – und das zu Recht. 98 Prozent der Fläche Antarktikas sind von Eis bedeckt. Die Eismengen der Antarktis umfassen etwa 91 Prozent des gesamten Eisvorrats der Erde. In der großen Eiskuppel über dem antarktischen Kontinent sind 25 Millionen Kubikkilometer Eis gebunden, das sind 75 Prozent des Weltsüßwasservorrats. Mit einer Fläche von 12,5 Millionen Quadratkilometern bildet das antarktische Inlandeis den mit Abstand größten Eisschild der Erde; hinzu kommen die für Antarktika typischen Schelfeisgebiete, die nochmals 1,5 Millionen Quadratkilometer bedecken.

Die durchschnittliche Eisdicke beträgt 2160 Meter; auf dem zentralen Polarplateau wurde ihr Maximum bei 4776 Metern gemessen. Dieser Eispanzer drückt mit einer durchschnittlichen Last von 2000 Tonnen pro Quadratmeter auf das anstehende Gestein. Würde die Vereisung Antarktikas komplett abschmelzen, so haben Experten errechnet, käme es zu einer isostatischen Anhebung des Kontinents von 500 bis 1000 Metern; zuvor würde weltweit der Meeresspiegel um fast 70 Meter steigen. Der heutige Zuwachs an Eis ist aufgrund der Trockenheit mit 2,5 Zentimetern pro Jahr gering. Das Eis im Inneren Antarktikas ist 200.000 Jahre alt und stammt damit aus der vorletzten Eiszeit.

Das heutige Klima der Antarktis

Nach der Klimaklassifikation von Köppen besitzt die Antarktis ein »E-Klima«, nach der von Troll und Paffen ein »hochpolares Eisklima«. Anders ausgedrückt: Die Antarktis ist der windigste, kälteste und trockenste Kontinent der Erde. Das extreme Klima der Antarktis ist geprägt von der Lage rund um den Südpol. An den Polkappen ist die kurzwellige Sonnenstrahlung sehr ungleich über das Jahr verteilt, an den Polen selbst scheint die Sonne lediglich während eines halben Jahres. Die Sonne steigt am Südpol niemals höher als 23,5 Grad. Da die Sonnenstrahlen an den Polen flach auf die Erde auftreffen, ist die Strahlungsintensität relativ gering, denn die Sonnenenergie verteilt sich auf eine größere Fläche. Außerdem muss das Sonnenlicht einen langen Weg durch die Licht streuende und absorbierende Atmosphäre zurücklegen. Eine andere wichtige Ursache für die niedrigen Temperaturen in der Antarktis liegt in der hohen Rückstrahlkraft der Eisflächen begründet. In der Antarktis beträgt die Albedo 85 Prozent, mit Vegetation bedeckte Flächen haben im Vergleich dazu eine Albedo von 20 Prozent und heizen sich daher schneller auf. Die Temperaturen in der Antarktis sind deutlich niedriger als die in der Arktis, was mit ihrer enormen Landmasse zu tun hat. Immerhin ist Antarktika sechsmal größer als Grönland, und anders als dort liegt sein Zentrum in Polnähe. Zu der bereits erwähnten Mächtigkeit des Eispanzers und zur polnahen Lage kommt noch die Höhenlage hinzu. Es wundert deshalb nicht, dass der Kältepol der Erde ebenfalls in der Antarktis zu finden ist. Die tiefste jemals aufgezeichnete Temperatur wurde 1983 in der sowjetischen Antarktisstation Wostok gemessen: minus 89,2 Grad Celsius.

Die starken Winde der Antarktis sind vor allem auf zwei Ursachen zurückzuführen. Der hohe Luftdruckgradient zwischen den Subtropenhochs und der subpolaren Tiefdruckrinne, die ringförmig um die Antarktis liegt, führt zu den niedrigsten Luftdrücken der Erde. In stetiger Abfolge ziehen Tiefdruckgebiete rund um die Antarktis. Jeder Seemann kennt die Roaring Forties oder die Screaming Sixties, Namen, die diese Windstärken in den hohen südlichen Breiten treffend umschreiben. Besonders betroffen von diesen Stürmen ist die Antarktische Halbinsel, die wie ein Keil in die Westwinde hineinragt. Das zweite Windsystem der Antarktis ist auf die Höhenlage und das Profil Antarktikas zurückzuführen. Schwere, extrem kalte Luftmassen über dem zentralen Polarplateau fließen als katabatische Winde zu den Küsten hinab. So ergibt sich in Küstenrichtung ein radiales Windfeld. Bei ihrem Weg vom Polarplateau zur Küste werden die katabatischen Winde oft auf Orkanstärke beschleunigt. So werden an den Küsten der Antarktis die weltweit heftigsten Winde gemessen.

Die Niederschläge in der Antarktis sind gering. Während küstennahe Bereiche Antarktikas zwischen 200 und 600 Millimetern Niederschlag verzeichnen, liegen die Niederschlagswerte in den zentralen Teilen der Antarktis bei 50 Millimetern und darunter. Generell fällt die Messung des in Form von Schnee fallenden Niederschlags schwer, da sich dieser oftmals mit verwehtem Schnee vermischt.

50 Millimeter Niederschlag pro Jahr sind jedenfalls ein Wert, der an die Sahara und andere Trockenwüsten erinnert, wenngleich dort die Verdunstung um ein Vielfaches größer ist. Die Bewölkung des Himmels in Küstennähe ist ebenfalls ein charakteristisches Klimaelement, wohingegen der Himmel über den zentralen Teilen des Polarplateaus an vielen Tagen des Jahres wolkenlos bleibt.

Generell lässt sich die Antarktis in drei klimatische Bereiche gliedern. Während in den Küstenbereichen die Temperaturen vergleichsweise moderat sind und die Niederschläge die kontinentweit höchsten sind, treten im sogenannten Randbereich, also im Bereich der Inlandeisabdachung, positive Temperaturen kaum mehr auf; gleichzeitig wehen starke katabatische Winde. Auf dem ausgedehnten zentralen Inlandeisplateau ist es dann »trockener als in der Sahara und kälter als in Sibirien«, so lautet eine treffende Redewendung.

Die Fauna und Flora der Antarktis

Die terrestrische Fauna ist in der Antarktis extrem reduziert. Es gibt keine höheren Tiere wie Amphibien, Reptilien, Vögel oder Säugetiere, die auf dem Festland heimisch wären. Dort existiert lediglich eine Wirbellosenfauna, die auf den Lebensraum »Boden« beschränkt ist. Die zwei Millimeter große, ungeflügelte Antarktische Zuckmücke ist das größte Landtier der Antarktis! So lebensfeindlich sich das Innere des Südkontinents darstellt, so reich ist das tierische Leben an den Küsten. Die marine Fauna wird von warmblütigen Wirbeltieren wie Walen, Robben und Seevögeln dominiert. Der Reichtum an Meeressäugetieren und Seevögeln ist auf die hohe Primärproduktion (Plankton) im Südpolarmeer zurückzuführen. So finden sich in antarktischen Gewässern 15 Walarten, die sich überwiegend von Plankton ernähren. Davon machen die Bartenwale zahlenmäßig die Hälfte aus. Die antarktischen Robben unterscheiden sich durch ihren kleinen Kopf und eine kleinere Schnauze deutlich von ihren arktischen Verwandten. Viele der Seevögel brüten an Land, verbringen aber den Rest ihres Lebens auf offener See – südlich der Polarfront brüten nur 38 Vogelarten. Pinguine und Sturmvogelverwandte sind die dominierenden Arten im Südpolarmeer. Die antarktische Fischwelt ist hochendemisch, 90 Prozent von ihnen gehören in die Ordnung der Antarktisfische. Das antarktische Plankton ist zwar ganzjährig im Oberflächenwasser des Südpolarmeers vorhanden, vermehrt sich aber in den Sommermonaten rasant um ein Vielfaches. Dann dominieren die fünf Zentimeter langen Krillkrebse die Oberflächengewässer; ihre Schwärme erreichen Ausdehnungen von mehreren Quadratkilometern.

Auch für Pflanzen ist die Antarktis ein lebensfeindlicher Ort. Neben der Kälte, der Trockenheit und dem Wind muss die Vegetation mit einem Mangel an Nährstoffen und Bodenkrume zurechtkommen und hat im antarktischen Sommer zudem mit dem Wechsel zwischen Tauen und Gefrieren umzugehen. Im antarktischen Winter kämpft sie zusätzlich mit der Dunkelheit. Es sind fast nur die niedrigen blütenlosen Pflanzen, die sich an die extremen Lebensbedingungen angepasst haben. Neben Algen und Pilzen bilden in der Antarktis vor allem Flechten und Moose ein einfaches Ökosystem. Diese Pflanzen finden sich lediglich auf den nicht von Eis und Schnee bedeckten Böden, also auf gerade einmal zwei Prozent der Fläche. In der Antarktis gibt es nur zwei Blütenpflanzen, die Antarktische Schmiele und ein kleines Nelkengewächs. Beide sind nur an der Westküste der Antarktischen Halbinsel zu finden und breiten sich aufgrund des Klimawandels, der sich vor allem in den steigenden Temperaturen zeigt, rasant aus.

Der Mensch in der Antarktis

Anders als in der Arktis gibt es in der Antarktis keine Urbevölkerung und keine permanenten Siedlungen. Dort wo Fauna und Flora vor den extremen Lebensbedingungen auf dem Festland kapitulieren, ist ein Überleben für den Menschen nur schwer möglich. Auch wenn man auf Karten der frühen Neuzeit bereits den Südkontinent Terra Australis findet, dauerte es bis zum Jahr 1820, dass Antarktika durch den russischen Kapitän Bellingshausen zum ersten Mal gesichtet wurde. Ein Jahr später folgten die ersten Robbenjäger, und bald kamen die Walfänger. Spätestens 1895 begann die systematische Eroberung der Antarktis durch Forscher und Entdecker. Bis heute sind Wissenschaftler, neben den zahlenmäßig von Jahr zu Jahr ansteigenden Kreuzfahrttouristen, die einzigen Menschen, die zeitweise in der Antarktis leben.

Auch wenn die Antarktis keine permanenten Einwohner hat, ist sie geopolitisch von großer Bedeutung. Im Antarktisvertrag von 1959 hielten die Regierungen von zwölf Staaten ihre gemeinsamen Interessen fest. Der Vertrag trat 1961 in Kraft, seine Gültigkeit reicht vom Südpol bis zum 60. südlichen Breitengrad. Momentan haben 52 Staaten unterzeichnet. Allerdings haben nur jene Staaten, die durch erhebliche wissenschaftliche Forschungstätigkeiten ihr Interesse an der Antarktis bekunden – die sogenannten Kosultativstaaten – im Rahmen der Antarktisvertragskonferenz ein Stimmrecht. In der Antarktis werden Lagerstätten mit enormen Vorkommen an Mineralien und Erzen vermutet, vor den Küsten sollen große Erdöl- und Erdgasvorkommen liegen. Abgesehen von technischen Schwierigkeiten und den exorbitanten Förderkosten, gibt es bisher keine konkreten Pläne für eine Erschließung dieser Rohstoffe. Seit Inkrafttreten des Umweltschutzprotokolls 1998 ist der kommerzielle Abbau von Rohstoffen in der Antarktis verboten.

Antarktische Halbinsel und Bellingshausensee

>Die Antarktische Halbinsel ist von der Spitze Südamerikas nur durch die 480 Seemeilen breite Drakestraße getrennt. Sie besitzt in geologischer, klimatischer und vegetationsgeografischer Hinsicht auf dem Antarktischen Kontinent eine gewisse Eigenständigkeit. Während in der Ostantarktis ein kontinental-kaltes Klima vorherrscht, handelt es sich auf der Antarktischen Halbinsel um ein polar-ozeanisches Klima mit feucht-kalten Sommern und vergleichsweise milden Wintern. Die Landschaft der Antarktischen Halbinsel ist von steilen Küstengebirgen und von ins Meer kalbenden Gletschern geprägt. Ihrer buchtenreichen Küstenlinie sind zahllose kleine Inseln vorgelagert. Hier leben die unterschiedlichsten Arten von Robben und Walen, Vögeln und Fischen. Anders als in der Ostantarktis sind die Auswirkungen des weltweiten Klimawandels mit einem Anstieg der Jahresmitteltemperatur um drei Grad Celsius besonders groß. Manch geschützter Küstenstreifen wird inzwischen von sattem Grün überzogen, wo einst vegetationslose polare Kältewüste war. Der Reichtum an Tieren, die landschaftliche Vielfalt und ihre relativ einfache Erreichbarkeit machen die Antarktische Halbinsel zu einem beliebten Schiffsreiseziel.

Ich bin im Dezember 2011 zusammen mit 60 Passagieren aus 16 Ländern auf einem russischen Forschungsschiff zur Antarktischen Halbinsel gereist. Innerhalb von acht Tagen lief die MS Akademik Ioffe, je nach Wetter und Eissituation, die landschaftlich spektakulärsten und tierreichsten Gebiete der Antarktischen Halbinsel an. Einerseits schätzte ich die bequeme und bezahlbare Reiseart, andererseits vermisste ich es sehr, selbstbestimmt Entscheidungen zur Reiseroute treffen zu können.

Ein zweites Mal besuchte ich im März 2015 die Antarktische Halbinsel, die ich dieses Mal von Neuseeland aus erreichte. Mit der Ortelius hatten meine Frau Elly und ich zuvor das Rossmeer erkundet und waren durch die Amundsensee in die Bellingshausensee gelangt. Nach einer Woche auf See erreichten wir die einsame Peter-I.Insel. Diese Insel ist ein Schildvulkan, der sich vor 10.000 Jahren über 4000 Meter vom Meeresboden erhob. Das 158 Quadratkilometer große Eiland ist zu 95 Prozent vergletschert, der höchste Gipfel ist 1640 Meter hoch und bislang unbestiegen. Die Insel wurde im Jahre 1821 zum ersten Mal von Fabian Gottlieb von Bellingshausen gesichtet, der sie nach dem russischen Zaren Peter dem Großen benannte. Mit viel Wetterglück konnten wir mit einem bordeigenen Helikopter auf ein Plateau unterhalb des Gipfels fliegen und die einzigartige Gletscherwelt fotografieren und filmen.

Queen Maud Land

Queen Maud Land liegt im von Norwegen beanspruchten Sektor Antarktikas. Das fast vollständig eisbedeckte Gebiet in der Ostantarktis hat eine Fläche von 2,7 Millionen Quadratkilometern und steigt von der Küste an zunächst auf 1000 Meter. Es folgt eine Region mit aus dem Eis ragenden Bergketten, die zur Inlandeisabdachung gehört, die dann in das zentrale Polarplateau übergeht. Eine Teilregion von Queen Maud Land heißt offiziell Neuschwabenland. Der Name rührt von der deutschen Antarktisexpedition 1938/39 her, im Zuge derer das Gebiet überflogen und kartiert wurde. In Neuschwabenland liegt mit der Orvinfjella eine der spektakulärsten Gebirgsregionen Antarktikas. Sie setzt sich aus mehreren vorwiegend meridional ausgerichteten Gebirgsketten wie den Dallmann-Bergen oder den Drygalski-Bergen zusammen. Das Klima im Bereich der Inlandeisabdachung ist arid und hochpolar, am Fuße der Dallmann-Berge wird auf 1700 Metern Meereshöhe eine Jahresdurchschnittstemperatur von minus 28,5 Grad Celsius gemessen. Auch im Südsommer steigen die Temperaturen nicht ausreichend, um Schnee und Eis zu schmelzen; kleinere Anteile verdunsten. Der Vergleich von Luftbildern aus den 1930er-Jahren mit heutigen Fotografien macht deutlich, dass es in den letzten Jahrzehnten zu keiner Gletscherschmelze in diesem Teil Antarktikas gekommen ist.

Ich plante gemeinsam mit dem österreichischen Geografen und Polarführer Dr. Christoph Höbenreich eine Expedition zu den Drygalski-Bergen. Uns schlossen sich der Bergsteiger Mario Timeri und der Kameramann Ralf Leistl an. Wir flogen gemeinsam mit einer Iljuschin-IL-76-Frachtmaschine von Kapstadt auf die von Russland betriebene Novo Airbase. Ein Schneesturm hielt uns tagelang in der nahen Schirmacher-Oase fest, bis wir mit einer umgebauten Douglas DC-3 in unser 200 Kilometer entferntes Expeditionsgebiet fliegen konnten. Wir wurden auf einem Gletscher zwischen den Filchner- und Drygalski-Bergen abgesetzt und waren fortan auf uns alleine gestellt. Wir hatten eine umfangreiche Polar- und Kameraausrüstung sowie Vorräte und Brennstoff für drei Wochen dabei. Unser Ziel war die Spitze der Drygalski-Berge. Da Schlittenhunde in der Antarktis verboten sind, um das Einschleppen von Keimen zu verhindern, zogen wir die 100 Kilogramm schweren Pulka-Schlitten selbst, was bei Steigungen und schlechtem Wetter sehr anstrengend war. Tunnelzelte und dicke Daunenschlafsäcke schützten uns vor Kälte und Sturm.

Eine zusätzliche Herausforderung stellte unter diesen Extrembedingungen für den Kameramann und mich das Fotografieren und Filmen für eine GEO-Reportage und für einen ARTE-Film dar.

Viktorialand und Ross-Eisschelf

Das Viktorialand bildet die östliche Grenze des Rossmeers, das als südlichstes Meeresgebiet der Erde teilweise unter dem mächtigen Ross-Eisschelf verborgen ist. Jener entlegene Teil der Antarktis ist in geologischer, glaziologischer, klimatischer und auch entdeckungsgeschichtlicher Hinsicht einzigartig. Die Region um das Rossmeer ist Teil des West Antarctic Rift System, ein dem ostafrikanischen Rift Valley ähnliches Grabensystem, dessen morphologische Strukturen unter dem Rossmeer und dem Eispanzer Antarktikas zu finden sind. Der dortige, sogenannte Intraplattenvulkanismus führt zu einer Kette von Vulkanen, die sich vom Kap Adare entlang des Transantarktischen Gebirges bis zum Mount Erebus auf Ross Island zieht. Sie wurde über einem Hotspot gebildet und findet ihre Fortsetzung im Marie-Byrd-Land.

Auch aus Sicht der Glaziologen hat die Region zwei Besonderheiten zu bieten: Das bis zu 1000 Meter mächtige Ross-Eisschelf ist mit 520.000 Quadratkilometern so groß wie Frankreich und schwimmt auf dem südlichen Teil des Rossmeers auf. Weiter nördlich schiebt sich der David Glacier aus dem Viktorialand als Drygalski-Eiszunge 50 Kilometer weit in das Rossmeer hinein. Im südlichen Viktorialand befindet sich mit den sogenannten Dry Valleys das trockenste Gebiet der Erde. Seit zwei Millionen Jahren gab es dort keinen nennenswerten Niederschlag. Die Jahrmillionen andauernde Trockenheit und das Relief des Transantarktischen Gebirges sorgen dafür, dass die Dry Valleys das größte eisfreie Gebiet Antarktikas darstellen.

Die Region um das Rossmeer gilt in der Entdeckungsgeschichte Antarktikas als das Tor zum Südpol. Scott brach von Ross Island zum südlichsten Punkt der Erde auf, seine Hütte steht heute noch gut erhalten am Kap Evans. Amundsen verschaffte sich beim Rennen um den Südpol den entscheidenden Vorteil dadurch, dass er auf dem Ross-Eisschelf startete und so 110 Kilometer weniger Strecke zum Südpol zu bewältigen hatte.

Meine Frau Elly und ich gelangten an Bord der eistauglichen Ortelius von Neuseeland aus in diese entlegene Region. Ein Sturm mit Spitzengeschwindigkeiten von 170 Kilometern pro Stunde und bis zu zwölf Meter hohen Wellen machten die fünftägige Querung des Südlichen Ozeans zu keinem Vergnügen. Dank der bordeigenen Helikopter gelang es, Kap Adare, die Dry Valleys und Ross Island in der Rossmeer-Region zu besuchen, bevor es entlang des Ross-Eisschelfs und des Marie-Byrd-Lands zur Antarktischen Halbinsel weiterging. Nach der Halbumrundung Antarktikas erreichte die Ortelius im März 2015 Argentinien.

Ellsworth-Gebirge und Südpol

Der Südpol ist der Antipode des Nordpols und liegt am südlichen Ende der Erdachse. Anders als der Nordpol liegt der Südpol nicht inmitten eines Ozeans, sondern im Zentrum des antarktischen Kontinents. Dort steht eine verspiegelte Metallkugel, die von den zwölf Nationalflaggen der Vertragsstaaten umringt ist, die den Antarktisvertrag als Erste unterzeichneten. Da der Eispanzer Antarktikas nicht ortsfest ist, bewegt sich der Südpol jährlich um zehn Meter und wird daher jedes Jahr neu eingemessen. Derzeit befindet er sich etwa 180 Meter neben der Metallkugel und wird durch einen Metallstab markiert. Aufgrund der hohen Breite und seiner Lage auf einer Meereshöhe von 2800 Metern inmitten des Kontinents ist das Klima am Südpol wesentlich kälter als am Nordpol. Im antarktischen Sommer liegen die Höchsttemperaturen bei minus 25 Grad Celsius, im Winter bei bis minus 83 Grad Celsius. Auch der Sonnengang ist extrem. Nie steigt die Sonne höher als 23,5 Grad, sie scheint von Frühlingsanfang bis Herbstanfang 24 Stunden am Tag, die Polarnacht dauert dann ein halbes Jahr. Da alle Längengrade am Südpol zusammenlaufen, lassen sich hier keine Zeitzonen festlegen.

Nachdem ich für das Projekt Planet Wüste die Erde viermal entlang der Polar- und Wendekreise umrundet und bereits am Nordpol gewesen war, wollte ich auch zum Südpol. Ich wandte mich an das amerikanische Unternehmen Antarctic Logistic & Expeditions, das mit russischen Iljuschin-IL-76, vom chilenischen Punta Arenas aus, ein Camp auf dem Union Glacier im Ellsworth-Gebirge anfliegt. Von dort unternahm ich Exkursionen auf die umliegenden Blaueisfelder. Diese Eisfelder entstehen, wo aufgrund einer Geländekante unterhalb der Eisdecke durch den fließenden Gletscher tiefe Eisschichten an die Oberfläche gedrückt werden. Nach einem kurzen Flug zum höchsten Berg der Antarktis, dem Mount Vinson, flog ich zusammen mit fünf Amerikanern in einer Basler-BT-67 über elf Breitengrade hinweg zum Südpol. Während des Fluges über das zentrale Polarplateau wurde mir die Leistung der Männer um Scott und Amundsen bewusst, die sich um die Jahreswende 1911/12 unter größten Strapazen und mit mangelhafter Ausrüstung zum Südpol durchkämpften. Dort steht heute die amerikanische Amundsen-Scott-Südpolstation, in der eine gut sortierte Bibliothek, eine Bar, ein Waschsalon und ein Gewächshaus für das Wohlbefinden der Wissenschaftler sorgen. Anders als sie verbrachte ich die taghelle »Nacht« bei minus 38 Grad Celsius in einem kleinen Zelt und versuchte die Magie dieses Ortes mit meiner Kamera einzufangen.