Einsamer Baum in einem Wüstengebiet im Norden der Republik Niger
Salzkarawane in der Tenere Wüste im Niger
Sogenannter Thorny Devil auf rotem Sand im Zentrum Australiens

Leben und Überleben in der Wüste

Die Pflanzen der Wüsten

Bei Pflanzen ist in Wüsten ähnlich wie bei Tieren die Artenzahl deutlich herabgesetzt. So kennt man in der Sahara nur 1400 Pflanzenarten, ein Wert, der im tropischen Regenwald bereits auf wenigen Quadratkilometern erreicht wird. Vegetationsarmut oder gar Vegetationslosigkeit kennzeichnet Wüsten. Das Vorkommen oder Verschwinden bestimmter Pflanzen ist neben klimatischen Grenzwerten ein zuverlässiger Indikator für die Abgrenzung von Wüsten. So lässt sich die Nordgrenze der Sahara durch das Vorkommen der Halfa-Graspolster und die Südgrenze durch das Auftauchen des Cram-Cram-Grases bestimmen.

Hauptfeinde des Lebens in der Wüste sind Wasserarmut und extreme Temperaturen. Sie schränken das Leben in der Wüste im Allgemeinen und das der Pflanzen im Besonderen ein. Da Pflanzen, anders als Tiere, nicht die Möglichkeit haben, eine Wasserstelle anzufliegen, in regenreichere Gebiete abzuwandern oder einen Schattenplatz aufzusuchen, sind sie stärker als Tiere gezwungen, sich den extremen Umweltbedingungen anzupassen und Strategien zum Überleben zu entwickeln. Die wichtigsten sind im Folgenden beschrieben, ferner drei typische Wüstenpflanzen.

Zuallererst gefährdet Wassermangel die Pflanzen. Er stört die Assimilation und Fotosynthese und schädigt das Protoplasma, indem er Deformationen der Zellwände hervorruft. Wenn die Pflanze nicht rechtzeitig wieder Wasser bekommt, ist der Schaden irreversibel. Pflanzen trocknen in Wüsten aber auch aus, weil sie der für Wüsten typischen hohen Verdunstung unterliegen.

Neben Wassermangel bedrohen hohe Luft- und Bodentemperaturen ihr Überleben. Wenn auch Pflanzen in dieser Hinsicht etwas resistenter als Tiere sind, stellen Temperaturen von über 50 °C doch eine Bedrohung dar, denn es kommt zu einer Koagulation des Protoplasmas. Auch der hohe Salzgehalt vieler Wüstenböden schränkt das Pflanzenwachstum ein, wenngleich manche Pflanzen – die Halophyten – sich darauf eingestellt haben.

Gibt es in den Wüsten der Erde abiotische Gebiete, in denen also weder Tiere noch Pflanzen leben? In der Tat sind in der Sahara (Libysche Wüste, Tanezrouft) und in der iranischen Lut Hunderttausende von Quadratkilometern ohne sichtbaren Pflanzenwuchs. Dennoch existieren dort anders als auf dem Mond Spuren von Leben. In der Nähe des südalgerischen Grenzortes In Guezzam wurden Bodenproben untersucht, und es zeigte sich, dass ein Gramm Boden neben 10.000 Bakterien 3300 Pilzsporen enthielt. In manchen Wüsten wurden bis zu 10 Millionen Mikroorganismen pro Gramm Boden nachgewiesen.

Obwohl es auf den ersten Blick scheint, dass die Flora der verschiedenen Wüsten der Erde große Unterschiede aufweist, sind doch Gemeinsamkeiten zu erkennen. Dies deutet entweder auf eine gemeinsame Herkunft hin, vielleicht aus einer Zeit, als die Kontinente noch zusammen waren, kann aber auch darauf zurückzuführen sein, dass unter dem selektiven Druck gleicher Faktoren überall ähnliche Formen und Strategien entstanden sind. Wie bei der Fauna spricht man dann von Konvergenz. Die afrikanische Drachee mit einem Büschel Blätter am oberen Ende des Stammes erinnert beispielsweise an die amerikanischen Yuccas.

Würde in der Sahara ausreichend Regen fallen, dauerte es nicht lange, und sie ähnelte den Savannen Ostafrikas. Wasser steht den Pflanzen in der Wüste aber nur sehr beschränkt zur Verfügung – entweder in Form von Niederschlag oder von Grundwasser. Weil der Regen oft nur wenige Zentimeter in den Boden einsickert, nehmen die Pflanzen das Niederschlagswasser durch ein oberflächennahes, weit verzweigtes Wurzelsystem auf. Wie viel Regenwasser die Pflanzen erhalten, ist von der Art des Untergrunds abhängig. Sand ist nur scheinbar trocken, in Wirklichkeit aber ein guter Wasserspeicher, da niedergehender Regen nicht sturzbachartig abläuft, sondern vom Sand wie von einem Schwamm aufgesogen wird. Zwar trocknet eine dünne Sandschicht an der Oberfläche ab, in der Tiefe wird das aufgenommene Wasser aber gespeichert, denn die großen Poren des Sandgefüges verhindern ein kapillares Aufsteigen und damit auch das Verdunsten an der Oberfläche. Dünen sind also gute Wasserspeicher. Bereits 50 Millimeter Niederschlag pro Jahr reichen aus für ein bescheidenes Pflanzenwachstum, während auf dichten Tonböden mindestens 400 Millimeter fallen müssen. Wenn das Pflanzenleben in Dünen trotzdem spärlich ist, liegt das an den instabilen Geländeverhältnissen. Hier behaupten sich vor allem Gräser, und zwar dank der Ausbildung extrem langer Wurzeln.

Die Bäume der Wüste sind weniger vom Regenwasser als vom Grundwasser abhängig, das sie mit ihren Wurzeln erreichen müssen. Ein junger Baum kann nur wachsen, wenn mehrere klimatisch günstige Jahre aufeinander folgten und die Sämlinge mit Wasser versorgt werden konnten. Sollte er nicht zwischenzeitlich dem Viehfraß zum Opfer gefallen sein, kann er endgültig Fuß fassen, sofern er es schafft, dass seine Wurzeln den Grundwasserspiegel erreichen. Wenn dieser nach regenarmen Jahren oder infolge menschlicher Eingriffe sinkt, stirbt der Baum. Beim Graben des Brunnens am berühmten Arbre du Ténéré, einer Akazie, fand man noch in 35 Meter Tiefe Wurzeln. Der Blick vom Flugzeug auf die Wüste zeigt, dass Bäume nicht willkürlich in der Wüste stehen. Sie wachsen entlang der Grundwasserströme, die oftmals Trockenflusstälern folgen. Der Wassermangel bedingt langsames Baumwachstum. Die meisten dickstämmigen Bäume sind über 100 Jahre alt.

Ephemeren

Der berühmte Film Die Wüste lebt von Walt Disney verleitet zu der Annahme, dass ein einziger Regenschauer die Wüste in ein Blumenmeer verwandeln könne. Doch haben viele Pflanzen beim Auskeimen Strategien entwickelt, um genau dies zu verhindern. Keimungshemmende Stoffe in der Samenschale stellen sicher, dass die Samen erst dann zum Leben erwachen, wenn ausreichender Regen diese Stoffe herausgewaschen und gleichzeitig den Boden so gründlich durchfeuchtet hat, dass die Pflanzen ihren Lebenszyklus nicht nur beginnen, sondern mit der Samenbildung auch wieder beenden können. Dazu sind 15 bis 20 Millimeter Niederschlag pro Jahr erforderlich. Erst bei lang anhaltenden Regenfällen kommt es zum Phänomen der blühenden Wüste. Viele Quadratkilometer weit erstreckt sich dann ein Meer von Jungpflanzen, und es wird offenbar, wie viele Samen eigentlich im Boden ruhen.

Pflanzen, welche die Fähigkeit besitzen, unter günstigen Bedingungen rasch zu keimen und ihren Vegetationszyklus in kurzer Zeit abzuschließen, werden Ephemeren genannt. Ihre Produktivität dient also hauptsächlich der Bildung neuer Samen, die bis zur nächsten Feuchtigkeitsperiode im Sand verharren. Manche Ephemeren erzeugen eine große Anzahl Samen, die sich ineinander verfangen und eine Art Kugeln bilden, die der Wind in der Wüste verteilt. Andere Pflanzen erzeugen Samen mit Haaren oder Widerhaken, die sich im Beinfell weidender Tiere verfangen und so verbreitet werden.

Geophyten

Eine andere Überlebensstrategie verfolgen die als Geophyten bezeichneten Zwiebelpflanzen. Mit ihrer Zwiebel, die in 20 bis 30 cm Tiefe vor Temperaturschwankungen weitgehend geschützt im Boden steckt, besitzen sie ein Speicherorgan für Wasser und Nährstoffe. Sobald Feuchtigkeit in diese Tiefe dringt, treibt die Zwiebel aus und bildet Blätter und Blüten an der Erdoberfläche. Auch hier bleibt der Wachstumsperiode nur eine kurze Zeitspanne: Die Zwiebel muss mit den für das Austreiben verbrauchten Nährstoffen gefüllt werden, die Samen müssen ausgebildet werden, und wenn die Trockenheit einsetzt, werden noch Nährstoffe aus den verwelkten Blättern zurück in die Zwiebel geschafft.

Morphologische Anpassungen

Die extremen Klimabedingungen in Wüsten haben bei vielen Pflanzen auch zahlreiche Anpassungen in der Bauweise hervorgebracht. So schränken sie z. B. die Blattoberfläche ein oder sie halten die Blätter klein – manchmal so klein, dass sie gar nicht als solche zu erkennen sind –, um Wasser zu sparen. Oder der Spross und einzelne Stängelabschnitte enthalten schon das für die Assimilation und die Umwandlung von Kohlendioxid zu Zucker notwendige Chlorophyl und übernehmen damit die Rolle der Blätter. Sind kleine Blättchen vorhanden, so weisen diese oft einen derben, wasserdichten Überzug auf, der den Wasserverlust des Blattes weiter einschränkt. Oft werden zum Schutz gegen Verdunstung die Blattränder eingerollt, so dass sich die Blattoberfläche verringert. Manchmal wird die Blattspitze zu einem Stachel umgebildet.

Dornen und Gift

Eine Anpassung an das Klima garantiert nicht das Überleben, denn die Gefahr, gefressen zu werden, ist gerade in Regionen mit spärlicher Vegetation erheblich. Viele Wüstenpflanzen besitzen daher Dornen und Stacheln, die aber nur begrenzten Schutz bieten, denn Kamele und Ziegen fressen die Pflanze trotzdem. Auch schlechter Geschmack schreckt nicht immer ab, so dass die Pflanze erst dann geschützt ist, wenn sie sich als giftig erweist. Wenn inmitten abgefressener Graspolster üppig grüne Sträucher stehen, sind diese sicher giftig. Auf diese Weise können sich Giftpflanzen ausbreiten – die Konkurrenten verschwinden durch Viehfraß.

Schmarotzerpflanzen

Zu den schönsten Wüstenpflanzen gehören die Schmarotzerpflanzen. Sie besitzen mächtige, bis zu einem Meter hohe, gelbe oder prächtig violette Blütenstände, die direkt aus der Erde hervorbrechen. Sie zapfen die Versorgungsleitungen in den Wurzeln anderer Pflanzen an und entnehmen ihnen das, was sie benötigen. Ihre Fortpflanzung ist problematisch. Da eine Schmarotzerpflanze selbst kein Chlorophyll ausbildet, kann sich auch der Keimling nicht selbst ernähren, so dass er zum Auskeimen mit einer passenden Wirtswurzel in Verbindung kommen muss.

Sukkulenten

Pflanzen, die Wasser über lange Zeit hinweg in besonders großzelligem Grundgewebe speichern können, nennt man Sukkulenten. Je nach Lage des Wasser speichernden Gewebes unterscheidet man zwischen Blatt-, Stamm- und Wurzelsukkulenz. Aloen und Agaven mit ihren fleischig verdickten Blättern gehören zu den Blattsukkulenten, Kakteen besitzen dagegen eine ausgeprägte Stammsukkulenz. Sukkulente Pflanzenarten sind auf regelmäßige Niederschläge angewiesen, so dass sie in hyperariden Wüsten wie der Sahara weitgehend fehlen.

Ein Trick der Sukkulenten besteht darin, dass sie während der heißen Tageszeit die Spaltöffnungen der Blätter dicht halten, um kein Wasser zu verlieren. Während dieser Zeit können die Pflanzen nicht das für das Wachstum lebensnotwenige Kohlendioxid aus der Luft aufnehmen. Sie tun dies in der Nacht, wenn es in der Wüste kalt wird und keine Gefahr der Austrocknung besteht. Weil das Kohlendioxid nachts wegen des fehlenden Sonnenlichts aber nicht weiterverarbeitet werden kann, wird es in Form einer organischen Säure im Gewebe gespeichert. Wenn am Morgen die Temperaturen steigen, schließt die Pflanze die Spaltöffnungen wieder. Durch den Rückgriff auf den nachts angelegten Kohlendioxidspeicher kann sie aber trotzdem Fotosynthese betreiben.

Saguaro-Kaktus

Kaum eine Pflanze ist typischer für eine Wüste als der Saguaro für die nordamerikanische Sonora. Er kann mehrere hundert Jahre alt werden; die ersten Arme zweigen sich nach 75 Jahren ab, im Alter von 150 bis 200 Jahren ist er dann 15 Meter hoch, wiegt über zehn Tonnen und produziert bis zu 50 Arme.

Der Stamm enthält bis zu mehrere tausend Liter Wasser und wird durch kreisförmig angeordnete, vertikale Rippen zusammengehalten. Bei heftigem Regen dehnen sie sich wie ein Akkordeon aus und speichern so viel Wasser wie möglich. Die großen weißen Blüten öffnen sich in einer einzigen Nacht im Mai oder Juni, um Fledermäuse, die Bestäuber, anzulocken. Ein Saguaro produziert im Lauf seines Lebens bis zu 40 Millionen Samen, von denen aber vielleicht nur ein einziger das Erwachsenenalter erreicht. Die meisten werden von Vögeln gefressen. Keimlinge des Saguaro werden häufig von Ammenpflanzen umgeben, ohne die ein Keimling den extremen Bodentemperaturen von bis zu 70 °C schutzlos ausgeliefert wäre. Die Ammenpflanzen konkurrieren zwar um das Wasser, ihre abgefallenen Blätter spenden aber Nährstoffe. Je größer ein Kaktus wird, desto mehr nimmt sein wasserspeicherndes Volumen im Vergleich zur Oberfläche zu, so dass er immer längere Dürrezeiten ertragen kann. Gleichzeitig wird die wachsige, wasserdichte Schicht immer dichter, was den Wasserverlust immer weiter reduziert. Der Saguaro ist daher weniger von Wassermangel als vielmehr von Frost und Blitzschlag, Viehhaltung, Luftverschmutzung und der Zerstörung des Lebensraums bedroht.

Dattelpalme

Neben dem Kaktus stellt die Dattelpalme (Phoenix dactylifera) die bekannteste Pflanze der Wüste dar. Sie benötigt eine mittlere Jahrestemperatur von 21 °C, ist relativ salztolerant und auf ausreichende Bewässerung bzw. Grundwasser angewiesen. Diese Eigenschaften machen sie zur typischen Nutzpflanze in den Oasen des Altweltlichen Trockengürtels. Ihre Früchte sind in ihrer Bedeutung als Grundnahrungsmittel für die einheimische Bevölkerung mit der Kartoffel in Mitteleuropa zu vergleichen. Die Qualitäten reichen von der nach Europa als Konfekt exportieren Sorte Deglet Nour bis hin zu Früchten, die sich nur als Nahrung für Kamele und Esel eignen.

Bei der Dattelpalme gibt es männliche und weibliche Bäume. Auf Letzteren reifen die Früchte. In Palmenhainen pflanzt man unter 50 weibliche Palmen nur eine männliche, die völlig ausreicht, um mit ihrem Blütenstaub die Blüten der weiblichen Palmen zu befruchten. Drei bis sieben Jahre nach dem Keimen trägt die Palme Früchte. Eine Palme kann bis zu 200 Jahre alt werden, ihr Ertragsoptimum liegt zwischen dem 40. und 80. Lebensjahr. Bis zu 150 kg Datteln können zwischen August und Dezember geerntet werden.

Welwitschia Mirabilis

Eine botanische Besonderheit ist die Welwitschia mirabilis. Sie kommt ausschließlich in der Nebelzone der Namib-Wüste vor, ist also endemisch. Der Nebel führt der Pflanze Feuchtigkeit zu, indem er sich an den langen Blättern niederschlägt und von dort in den Sand tropft. Das feine Wurzelwerk nimmt dann die Feuchtigkeit aus dem Boden auf. Die Welwitschia gilt als typische Wüstenpflanze, vegetationsgeografisch gesehen stammt sie aber aus der humideren Savanne. Um auszukeimen und ein Wurzelwerk zu entwickeln, das die geringe Feuchte der Wüste auszunutzen versteht, braucht die Welwitschia mindestens acht bis zehn Jahre lang ausreichend Wasser. Wenn Welwitschiae auch keine Jahresringe bilden, ist doch erwiesen, dass einige Exemplare 500 Jahre alt sind. Die Welwitschia überlebt nicht zuletzt auch deshalb so lange in der Wüste, weil ihre Blätter kaum genießbar sind. Selbst anspruchslose Wüstentiere wie die Wüstenzebras oder Gemsböcke knabbern nur im Notfall daran.

Die Tiere der Wüsten

Wüsten stellen Tiere vor extreme Herausforderungen. Ihr Leben ist oftmals ein immerwährender Überlebenskampf in einer lebensfeindlichen Umgebung: Wüstentiere müssen sich vor Überhitzung schützen und extreme Temperaturschwankungen aushalten, sie müssen mit geringem Nahrungsangebot auskommen, hohe Dosen an UV-Licht vertragen, gegen Wind ankämpfen, der die Austrocknung fördert und kleinere Tiere in eine noch lebensfeindlichere Umgebung verfrachten kann. Beutetiere finden nur wenig Schutz und Raubtiere kaum Deckung. Hinzu kommt die permanente Wasserknappheit und die Verdunstung, die Tiere dauernd Wasser verlieren lässt. Ihr Körper besteht aber zu mindestens zwei Dritteln aus Wasser und ist nicht mehr funktionsfähig, wenn dieser Wert unterschritten wird.

Aufgrund all dieser Einschränkungen ist die Artenvielfalt in den Wüsten im Vergleich zu anderen Lebensräumen gering. So gibt es in der Sahara nur 50 Säugetierarten, zum größten Teil Nagetiere. Im Gegensatz dazu haben sich die Schwarzkäfer mit 340 Arten differenziert angepasst.

Sämtliche Tierarten in den Wüsten der Erde darzustellen, würde den Rahmen sprengen. Ich beschreibe die Wüstenfauna daher nur im Überblick und gehe anschließend auf Strategien ein, die das Überleben in der Wüste sichern. Dem Kamel als Wüstentier par excellence ist dann allerdings ein eigenes Kapitel gewidmet.

Wirbellose Tiere

Die Trockenheit trifft bei den wirbellosen Tieren eine strenge Auswahl, denn bei einer Vielzahl von ihnen, z. B. Schnecken und Asseln, ist der Wasserbedarf unverträglich mit dem Wüstenklima. Dagegen haben sich Spinnentiere häufig den Wüstenbedingungen perfekt angepasst. Die bekanntesten und wegen ihres Gifts gefürchteten sind die Skorpione, urtümliche Tiere, deren Bauweise und Form sich seit 400 Millionen Jahren kaum verändert hat. Mit den Walzenspinnen, Webspinnen, Pseudoskorpionen und Milben sind zahlreiche weitere Spinnentierarten in den Wüsten anzutreffen. Auch Zecken sind überall verbreitet. An manchen Brunnen wimmelt es geradezu von Kamelzecken. Einige Arten können bis zu zehn Jahre ohne Nahrung auskommen.

Insekten sind in Wüsten weit verbreitet. Sie sind sogar in unbelebten Gebieten zu finden, wohin sie meist vom Wind getragen wurden. Bekannt wegen ihrer Bauten sind die Termiten, zusammen mit Ameisen und Käfern die Insekten, die in der Wüste am meisten vorkommen. In der Sahara bilden Termiten und Ameisen 80 Prozent der Biomasse. Auch Hautflügler wie Wespen und Bienen ebenso wie Schmetterlinge sind überall dort anzutreffen, wo lebende Vegetation existiert. Manche Schmetterlingsarten leben in Büschen, wo sie ungestört umherfliegen, während außerhalb des Busches Sonne und Wind ein Überleben unmöglich machen. Die Artenvielfalt der Käfer ist in der Wüste enorm. Am bekanntesten ist der Pillendreher, der in zwölf Stunden so viel fressen und verdauen kann, wie er selbst wiegt. Am häufigsten anzutreffen sind die Schwarzkäfer. In Halbwüsten ernähren sie sich von Pflanzenwurzeln, in Wüsten sind sie auf angewehte Pflanzenteile angewiesen.

Wirbeltiere

Im Vergleich zu den wirbellosen Tieren sinkt die Artenvielfalt bei den Wirbeltieren der Wüsten beträchtlich. So gibt es in der Sahara nur 13 Schlangen-, 30 Echsen- und 18 Vogelarten.

Reptilien sind gut an die Trockenheit angepasst, ihre Hornschuppenhaut schützt wirksam gegen Austrocknung. Ihren Wasserbedarf können sie meist allein durch Nahrung decken. Unter den Reptilien sind Echsen am weitesten verbreitet und können am längsten in trockener werdenden Gebieten ausharren. Eidechsen, Warane, Agamen und Geckos sind mit gut an die wüstenhaften Bedingungen angepassten Arten vertreten. Die bekanntesten Wüstenreptilien sind die Schlangen, von denen die meisten zu den Nattern, aber auch viele zu den Vipern gehören. Insbesondere die Hornviper ist gefürchtet. Sie lebt in Sandwüsten, ist aber auch in anderen Wüsten zu finden, wenn genügend Sand vorhanden ist. Durch kreisende Bewegungen ihrer Rippen gräbt sie sich schnell in den Sand ein. So schützt sie sich vor den sengenden Sonnenstrahlen, nur die Augen und die beiden Hörnchen ragen aus dem Sand. In der Tarnung lauert sie stundenlang auf Beute – Reptilien, Vögel und Mäuse, die sie durch einen schnellen Biss und ihr hochwirksames Gift tötet.

Im Vergleich zu anderen Wüstentieren sind Vögel kaum an ein Leben in der Wüste angepasst. Dass sie rasch große Strecken zurücklegen können, erleichtert ihnen aber die Suche nach Wasser. Die meisten Vögel sind Insektenfresser, doch gibt es auch Körnerfresser und Fleischfresser. So hat sich der Schlangenadler auf Reptilien spezialisiert. Während Körnerfresser auf die Aufnahme von Wasser angewiesen sind, können die übrigen Vögel ihren Wasserbedarf teilweise mit der Nahrung decken. Zugvögel, die bei der Wüstenüberquerung wegen aufgebrauchter Fettreserven oder aus Wassermangel rasten müssen, gehen meist zugrunde. Die meisten Vögel sind tagsüber aktiv und halten sich in der heißen Tageszeit im Schatten von Pflanzen und Felsen verborgen.

Nagetiere sind die in Wüsten am stärksten vertretene Säugetierart. Da sie nur von kleiner Körpergröße sind, mit wenig, manchmal sogar ohne Wasser auskommen und nur wenig Nahrung benötigen, können sie auch sehr trockene Gebiete mit geringem Pflanzenwuchs besiedeln. Nagetiere, insbesondere die Renn- und Springmäuse, bilden eine wichtige Nahrungsgrundlage für Schlangen, Greifvögel und viele andere Raubtiere der Wüsten.

Huftiere leben vor allem in den Rand- und Gebirgsbereichen, die ausgedehnte, wenn auch spärlich bewachsene Weideflächen aufweisen. Gazellen sind mit zahlreichen Arten vertreten, aber auch bestimmte Antilopenarten wie die Mendesantilope oder Addaxantilope. Mufflons und Steinböcke leben nur in Gebirgsregionen, wo sie oftmals durch Bejagung stark dezimiert wurden. Die Gattung der Equiden ist fast ausschließlich auf asiatische Wüsten beschränkt, wo Przewalski-Pferde und wilde Esel leben.

Von den Fleischfressern sind in Wüsten zahlreiche wolfartige Tiere wie Schakale und Kojoten, ferner verschiedene Fuchsarten anzutreffen. Das bekannteste Wüstenraubtier ist sicherlich der Wüstenfuchs oder Fennek. Als reines Nachttier besitzt er große, dreieckige Ohren und große, dunkle Augen, seine Pfoten sind breit und dicht behaart. Er ernährt sich hauptsächlich von Insekten, Echsen und Nagern, die er dank seines hervorragenden Hör- und Sehvermögens aufspürt. Zu den Wüstenraubtieren zählen auch ein kleiner asiatischer Bär, der in den Wüsten Belutschistans lebt, zahlreiche Wiesel- und einige Katzenarten. Auch Affen sind in manchen Wüstengebirgen, z. B. im Air und Ennedi der Sahara, anzutreffen.

Seen, Gueltas oder Quellen stellen in Wüsten »umgekehrte« Inseln dar. Die dort lebenden Tiere sind ortsgebunden, einzelne Arten sind als Relikte früherer Feuchtzeiten anzusehen. In einer Guelta im Ennedi leben bis heute Krokodile! Neben Urtierchen, Mollusken und Krustentieren werden Wüstengewässer auch von Fischen besiedelt. In den Gueltas des Tibestigebirges wurden Muscheln gefunden, in den Seen von Badi Amir in Afghanistan leben Krabben, in den Seen der Badain Jaran Krebse, die von den einheimischen Mongolen gefangen und bis nach Japan exportiert werden. Auf den Seen von Ounianga Kebir zwischen dem Tibesti- und Ennedigebirge schwimmen gar Haubentaucher. Und wer nachts in der Nähe eines Wüstensees oder einer Guelta lagert, wird die Frösche und Kröten nicht überhören.

Anpassung und Verhaltensweisen von Wüstentieren

Folgende Anpassungen beim Körperbau und bei den Verhaltensweisen ermöglichen Tieren das Überleben in der Wüste: die Aufrechterhaltung des Wasserhaushalts, Temperaturregulation und Nahrung.

Was die Aufrechterhaltung des Wasserhaushalts angeht, so ist zwischen Wasserzufuhr und Wasserabgabe zu unterscheiden. Bei der Wasserzufuhr wiederum zwischen Tieren, die täglich, und solchen, die nur gelegentlich trinken müssen, Tieren, die wasserreiche Nahrung fressen, und Tieren, die ihrer Nahrung gebundenes Wasser entnehmen. Tiere, die täglich trinken müssen, leben entweder in der Nähe von Wasserstellen oder können weite Strecken überwinden. So fliegt die Palmtaube bis zu 70 Kilometer täglich zum Trinken.

Das Flughuhn (Nyctiperdix senegalla) fliegt weite Strecken zum Trinken. Als echtes Wüstentier brütet es weitab jeder Wasserstelle. Das männliche Flughuhn muss täglich Wasserstellen anfliegen. Dort tankt es sein speziell dafür entwickeltes Brustgefieder mit Wasser auf und transportiert es zum gut getarnten Nest, wo die Jungvögel das noch nicht verdunstete Wasser aus dem Gefieder saugen.

Zu den Tieren, die gelegentlich Wasser aufnehmen, gehören Großsäuger wie Kamel, Mähnenschaf, Gazelle und Esel. Sie versorgen sich in Gueltas, an Quellen oder Seen und können teilweise auch salzhaltiges Wasser vertragen. Die meisten Wüstentiere, darunter auch Raubtiere wie Fenneks, Schakale, Schlangen und Spinnen, kommen ohne flüssiges Wasser aus, indem sie wasserreiche Nahrung fressen. Während Samen, Stängel und alte Blätter zur Hälfte aus Wasser bestehen, enthalten frische grüne Pflanzen oder sukkulente Pflanzen bis zu 95 Prozent Wasser. Einige Tierarten leben von relativ trockener Nahrung, müssen aber trotzdem nicht trinken: Bei der Verdauung und Veratmung von fettreicher Nahrung wird an Cofaktoren gebundener Wasserstoff frei, der sich mit dem Sauerstoff der Atmung zu Wasser verbindet. Ein Kilogramm Fett liefert so dem Körper etwa einen Liter Wasser, 100 g Samen ergeben gut 50 g Wasser. Auf diese Art versorgen sich insbesondere Nagetiere und Schwarzkäfer mit Wasser. Manche Tiere legen sich daher in guten Jahren einen Fettvorrat an, der nicht nur als Nahrungsreserve, sondern auch als Wasserspeicher fungiert. Beispiele hierfür sind die Höcker des Dromedars, der dicke Schwanz der Dornschwanzagame und der Dickschwanzmaus.

Um den Wasserhaushalt stabil zu halten, ist eine verminderte Wasserabgabe genauso wichtig wie die Wasseraufnahme. Auch hierbei haben Wüstentiere ganz unterschiedliche Strategien entwickelt. Die Verdunstung kann durch die Isolierung der Außenschicht, sei es durch Fell, Federn oder Schuppen, erheblich vermindert werden, manchmal kommt als innere Isolierung noch eine Fettschicht hinzu. Möglich ist auch, die Verdunstung bei der Atmung einzuschränken. So sind bei den Schwarzkäfern die Außenöffnungen der Tracheen unter den Flügeldecken verborgen. Unter ihnen liegt ein Hohlraum, der als Stauraum für Wasserdampf dient. Da er auch einen Vorratsraum für Luftsauerstoff darstellt, geht erst dann Wasserdampf verloren, wenn der Luftvorrat aufgebraucht ist und frischer aufgenommen werden muss.

Wasserverlust kann zudem durch die Anpassung der Lebensweise drastisch verringert werden. So verlieren nachtaktive Tiere weniger Wasser, da die relative Feuchte nachts stark ansteigt. Auch im Boden liegt die Feuchtigkeit höher, in den unterirdischen Bauten der Wüstenspringmaus herrscht z. B. eine relative Feuchte von 30 bis 40 Prozent.

Die hohen Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht und zwischen Sommer und Winter zwingen die Wüstentiere zu einer wirksamen Regelung ihrer Körpertemperatur. Dies wird durch die Anpassung der Lebensweise an die extremen Bedingungen am effektivsten erreicht. Viele Tierarten sind nachtaktiv, dazu gehören Wüstenspringmaus, Fennek, Geckos, Skorpione sowie viele Schwarzkäferarten. Bei manchen Tieren hängt der Aktivitätsrhythmus von der Jahreszeit ab. So sind Ameisen im heißen Sommer nur nachts unterwegs, während sie sonst tagaktiv sind. Eidechsen und Agamen, beides wechselwarme Tiere, heizen sich nach kalten Nächten in der Sonne auf. Hierzu drehen sie ihre Flanke zur Sonne, damit diese eine möglichst große Körperfläche bestrahlen kann. Tagsüber drehen sie dann ihren Körper längs zur Richtung der Sonnenstrahlen. Ihr Temperaturgefühl wird über ein sogenanntes Scheitelauge gesteuert.

Einige Tierarten begegnen den extremen Temperaturunterschieden, indem sie unterirdisch leben. Obwohl sich die Sandoberfläche tagsüber bis auf 80 °C aufheizen kann, liegt die Temperatur bereits in 30 cm Tiefe ziemlich konstant bei 25 °C. Darauf sind solche Nagetiere angewiesen, deren Junge nackt zur Welt kommen und als Nesthocker empfindlich auf Temperaturschwankungen reagieren. Jene Tiere, die in Felsregionen leben und sich daher nicht unter die Erde zurückziehen können, werden folglich mit Fell geboren und sind Nestflüchter, so z. B. die Stachelmaus (Acomys) der Sahara. Andere Tierarten wie der Apothekerskink sind an das Leben in den oberen Sandschichten angepasst. Seine keilförmige Schnauze und sein spiegelglatter, stromlinienförmiger Körper mit eng anliegenden Schuppen ermöglichen ihm eine schnelle Fortbewegung in Tunneln unter der Sandoberfläche.

Agamen regeln die Körpertemperatur, indem sie ihre Farbe ändern. Die Dornschwanzagame (Uromastix) ist am Morgen schwarz gefärbt, so dass die Sonnenstrahlung optimal absorbiert wird. Im Lauf des Vormittags wird die Färbung gelb bis rötlich, weil sich das schwarze Pigment zurückzieht und die jeweilige Grundfärbung hervortritt.

Viele Wüstenbewohner besitzen in ihrer Körperoberfläche reflektierende Elemente: Skinke glatte, spiegelnde Schuppen, die Prachtkäfer in den Akazien einen metallisch glänzenden Panzer und Wüstenraben glänzende Federn. Die Schwarzfärbung fast aller Wüstenkäfer dient besserem Schutz vor UV-Strahlung. Auch die Anatomie kann zur Temperaturregelung beitragen. Viele Käfer und auch das Kamel heben sich mit langen Beinen über die heiße Erdoberfläche.

Transpiration ist ebenfalls eine geeignete Maßnahme, die Körpertemperatur niedrig zu halten. Viele Säugetiere haben Schweißdrüsen entwickelt, manche verdunsten Wasser, indem sie hecheln. Da damit ein Wasserverlust einhergeht, wird diese Art der Wärmeabgabe nur im Notfall eingesetzt. Bleibt noch zu erwähnen, dass Vögel ihre Eier möglichst auf porösem Gestein oder in Erdhöhlen und verlassene Mäusebauten legen, um sie vor der Bodenhitze zu schützen.

Auf das notorisch geringe Nahrungsangebot in der Wüste stellen sich Wüstentiere mit einer ganzen Reihe Maßnahmen wie Migration, Sommerschlaf, Hungern und Vorratshaltung ein.

Migration ist charakteristisch für Gras fressende Säugetiere wie Gazellen, die den Regenwolken folgen, um das frisch sprießende Grün zu weiden. Auch Vögel können Dürregebiete verlassen. Einen Sonderfall stellen sogenannte Reliktvorkommen dar. Als sich die Sahara in der letzten Pluvialzeit des Pleistozäns weiter ausbreitete, hat sich das Mähnenschaf in höhere Bergregionen zurückgezogen. Dort findet es noch ausreichend Nahrung, kann diese Regionen jedoch nicht mehr verlassen. Gleiches gilt für die Krokodile im tschadischen und der mauretanischen Sahara.

Der Sommerschlaf ist das Gegenstück zum Winterschlaf. Meist verkriechen sich die Tiere hierzu unter die Erdoberfläche, Stoffwechsel und Atmung werden dann stark herabgesetzt. Bei Tieren mit Temperaturregulation wird das Regulierungssystem »abgeschaltet«, ihre Körpertemperatur richtet sich während des Sommerschlafs nach der Temperatur der Umgebung. Viele Nagetiere wie die Wüstenspringmaus und die Dickschwanzmaus übersommern. Käfer und Skorpione sind im Sommer kaum auf Nahrungssuche zu unterwegs.

Die Fähigkeit zu hungern hilft ebenfalls, in der Wüste zu überleben. Schlangen, Skorpione und Walzenspinnen können bis zu einem Jahr ohne Nahrung auskommen, Schwarzkäfer können mehrere Monate fasten. Auch Vorratshaltung erlaubt es Tieren, mit einem zeitweise geringen Nahrungsangebot zurechtzukommen. Manche Arten legen regelrechte Vorratskammern an, in denen sie unterirdisch Nahrung speichern. Die Nester von Ernteameisen führen metertief in den Untergrund und besitzen einen Durchmesser von 50 m.

Schließlich erlaubt auch die Anpassung an die Lebensweise anderer Tiere das Überleben. Greifvögel in der Sahara nutzen beispielweise den halbjährlichen Vogelzug zwischen Europa und Zentralafrika. Der Lannerfalke (Falco biarmicus) brütet im Frühjahr und füttert seine Jungen mit den nach Europa zurückkehrenden Zugvögeln. Der Schieferfalke (Falco concolor) brütet im Herbst und fängt die Zugvögel auf ihrem Weg in die Winterquartiere.

Bei der Art der Nachkommen ist ebenfalls eine Anpassung an die Wüstenbedingungen zu beobachten. Tiere, die lebende Junge zur Welt bringen, sind im Vorteil, da Eier unter hohen Temperaturen leiden, vom Sand zugeweht oder leicht von Feinden gefressen werden können. So bringen eine Reihe Wüstentiere, deren Verwandte andernorts Eier legen, lebende Junge zur Welt. Hierzu gehören die Skorpione, welche die Jungen anfangs auf dem Rücken tragen und füttern. Auch die Skinke gebären lebende Junge, die sich sofort verstecken und schon imstande sind, Beutetiere zu fangen. Bei sogenannten ephemeren Tieren liegt der Fall anders. Hier sind die Eier extrem widerstandsfähig, sie vertragen Hitze, hohe Salzkonzentrationen und weitgehende Austrocknung. So können sie bis zum Eintreten günstigerer Umweltbedingungen überdauern. Zwischen den Erscheinungsperioden mancher ephemerer Tiere können bis zu 50 Jahre liegen.

Das Kamel als Wüstentier

Von Ulrich Wernery

Im Laufe langer Zeiträume hat das Kamel wie kein anderes Säugetier eine Fülle außerordentlicher physiologischer und morphologischer Anpassungen an seinen extremen Lebensraum entwickelt und ist für die Wüstenbewohner zum wichtigsten domestizierten Tier geworden.

Das Kamel stellt nicht nur Milch, Fleisch und Wolle zur Verfügung, es sichert auch den Handel über tausende von Kilometern, und seine Resistenz gegenüber tödlichen Tierkrankheiten macht es unentbehrlich für die Wüstenstämme. Nicht verwunderlich ist es deshalb, dass die Beduinen das Kamel Ata Allah nennen: Gottesgabe.

Die Kamelidenfamilie gehört zur Ordnung Artiodactyla (Paarhufer) und zur Unterordnung Tylopoda (Schwielensohler). Kameliden besitzen zwei Zehen mit Nagel, und eines ihrer wichtigsten Erkennungsmerkmale ist die Struktur ihrer Füße. Sie haben keine Hufe, sondern bewegen sich auf Schwielen – Hautverdickungen, die aus Fett und elastischem Bindegewebe bestehen. Diese anatomische Besonderheit, die schützt und polstert, verhindert, dass die Tiere zu tief in den Sand einsinken und dass die Hitze des Sandes bis in die Beine dringt. Kameliden wirken eigentümlich hochbeinig, weil sie keine richtige Kniefalte besitzen. Die Kniescheibe ist unter der Haut sichtbar, wobei der Oberschenkel nicht in seiner ganzen Länge mit dem Rumpf verbunden ist. Kamele bewegen sich meist im Passgang, bei dem Vorder- und Hinterbeine gleichmäßig nach vorn und hinten bewegt werden, eine Bewegungsart, die am wenigsten Energie verbraucht.

Die ältesten Fossilienfunde von Kamelen stammen aus dem frühen Tertiär (50 bis 60 Millionen Jahre vor heute) aus Nordamerika. Nur hasengroß, verzweigten sie sich in acht Familien. Vor fünf Millionen Jahren existierten zwei Hauptzweige, die Camelinä und die Laminä. Zu dieser Zeit zogen die Camelinä über die Landbrücke, die heutige Beringstraße, nach Nordostasien. Von ihnen stammen die Altweltkamele ab. Sie verbreiteten sich weiter nach Westen, während des Pleistozäns sogar bis nach Europa, Nord- und Ostafrika sowie Ostasien. Es gibt die beiden Spezies Dromedar (Camelus dromedarius)und Trampeltier (Camelus bactrianus).

Als die Altweltkamele nach Nordosten wanderten, zogen die Laminä nach Süden über die Panamalandbrücke und besiedelten die südamerikanischen Länder. Heute sind sie als Neuweltkamele, höckerlose Kamele oder südamerikanische Kameliden bekannt. Man unterscheidet vier verschiedene Spezies: Lama (Lama glama) und Alpaka (Lama pacos), beide zahm, Guanako (Lama guanacoe) und Vikunja (Lama vicugna), beide wild.

In Nordamerika sind die Kamele vor 10.000 Jahren ausgestorben, wahrscheinlich aufgrund intensiver Bejagung. In Südamerika gibt es hingegen zwischen sieben und acht Millionen Neuweltkamele. Lamas und Guanakos sind seit 7000 Jahren domestiziert, eine einzigartige Leistung der dortigen Bevölkerung.

Alle Kameliden besitzen die gleiche Anzahl an Chromosomen (2 x 36 = 72 Autosome und ein Paar Sexchromosome). Sie sind phylogenetisch miteinander verwandt und können daher auch untereinander gekreuzt werden (Hybridisation). Berühmt sind die Kreuzungen zwischen Trampeltier (m) und Dromedar (w) – die Tulu –, zwischen Dromedar (m) und Guanako (w) sowie Dromedar (m) und Lama (w). Kreuzungsprodukte zwischen Dromedar und Trampeltier sind größer und stärker als ihre Elterntiere. Es entstanden unzählige Hybriden; die Altweltkamelkreuzungen Bertuar und Kospak gelangten sowohl bei den Nomaden als auch bei der sesshaften Bevölkerung des ariden Südostens der ehemaligen Sowjetunion zu volkswirtschaftlicher Bedeutung.

DNA-Analysen haben ergeben, dass das Lama die domestizierte Art des wilden Guanakos ist und das Alpaka die domestizierte Form des wilden Vikunjas. Lebensraum der Vikunjas ist das Altiplano (3700 bis 5000 m). Vor der eisigen Kälte bewahrt es ihr dichtes Fell, dessen Nutzung als natürliche Textilfaser es vor dem Aussterben bewahrt hat. In der extrem dünnen Luft hat sich im Laufe der Evolution das Herz des Vikunjas stark vergrößert, sodass das relative Gewicht fast 50 Prozent über der Norm gleichgroßer anderer Säugetiere liegt. Darüber hinaus besitzen die ovalen Erythrozyten der Neuweltkameliden eine sehr hohe Sauerstoffaffinität. Selbst in der äußerst dünnen Andenatmosphäre in 4500 Meter ü. NN ist der Blutfarbstoff (Hämoglobin) imstande, Sauerstoff effizient in den Lungen zu binden und in die Gewebe zu befördern.

Neueste osteologische Untersuchungen an Dromedar- und Trampeltierskeletten haben ergeben, dass es sich bei den Altweltkamelen um zwei verschiedene Arten handelt und nicht, wie lange Zeit angenommen, um eine Spezies. Während der Wildvorfahre des Trampeltiers durch die prähistorische Felskunst in Kasachstan und der Mongolei bestätigt zu sein scheint, stammt das Dromedar neuesten Forschungen zufolge wahrscheinlich vom Thomasschen Riesenkamel (Camelus thomasi, benannt nach dem französischen Paläontologen Thomas) ab, das während der letzten Eiszeit in Nordafrika und der Wüste Negev zu Hause war und dann ausstarb.

Gegenwärtig existieren 20 Millionen Altweltkamele, davon sind zwei Millionen Trampeltiere. Alle vorkommenden Dromedare sind domestiziert. In der Wüste Gobi sowie in Chinas westlichster Provinz Sinkiang (heutzutage meist Xinjiang geschrieben) gibt es noch ungefähr 600 bis 800 wilde Trampeltiere, die vom Aussterben bedroht sind. Diese Kamele sind kleiner und schlanker als die Haustierform, besitzen zwei kleine spitze Höcker und leben ausschließlich von Salzwasser. In Sinkiang sind sie seit mehreren Jahren im Arjin Shan Lop Nature Reserve unter Schutz gestellt, das so groß ist wie Polen.

Altweltkamele wurden immer wieder exportiert. Vor 100 Jahren wurden Dromedare nach Australien gebracht und als Last- und Arbeitstiere eingesetzt. Auch ins südliche Afrika (Namibia), nach Europa und Nordamerika wurden Dromedare eingeführt.

Mit dem Aufkommen des Lastwagens überließ man die Dromedare der Wildnis des australischen Outbacks, wo sie heute zum Ärgernis der Rinderfarmer ein »verwildertes« Dasein führen.

Kamele sind Tiere der baumarmen, ariden Zonen. Ihre Nahrung besteht aus der harten, trockenen Steppenflora. Neben dem spärlichen, nur in der feuchteren Jahreszeit zur Verfügung stehenden Steppengras fressen sie Binsen, Rinde, Kraut- und Stachelpflanzen. Dabei ist erstaunlich, wie die Tiere mit den langen Stacheln der Akazien fertig werden, offensichtlich bevorzugen sie gerade solche Zweige. Oftmals müssen Kamelbesitzer ihre mattenverhängten Hütten vor dem Appetit der Kamele schützen, die – unbeaufsichtigt – Flechtkörbe und Palmenzäune verzehren. Im Gegensatz zu Schaf und Ziege verüben die Kameliden keinen Kahlfraß und erhalten ihren Lebensraum. Sie sind echte Äser (browser) und hervorragende Futterverwerter. Mit ihren langen Wimpern und Haaren rund um das Maul bestäuben sie außerdem Büsche, Gras und Bäume.

Die vielseitige Verwendung der Kameliden durch den Menschen hat verschiedene Rassen hervorgebracht. Die Araber unterscheiden z. B. rund 20 Dromedarrassen, die in ihrem Wert und ihrer Nutzbarkeit ungemein unterschiedlich sind. Die plumpen, niedriger und klobiger gebauten Formen stellen die eigentlichen Lasttiere dar; die schlanken, leichter gebauten, eleganten und hochbeinigen Geschöpfe sind ideale Reittiere. Sie allein meistern die großen Wüstendurchquerungen. Besonders schnelle und wendige Dromedare sind die Meharis, Edeldromedare, durchaus vergleichbar mit edelsten Rennpferden und fähig, Tagesdistanzen von 110 bis 120 Kilometer am Tag mühelos zu bewältigen. In den Legenden der Nomaden werden die Leichtfüßigkeit und Durstfähigkeit der sudanesischen Bischarins gepriesen. Die Schnelligkeit der Rennkamele auf der Arabischen Halbinsel ist ihren Besitzern mehrere Millionen US-Dollar wert.

Viele Irrtümer kreisen um den Wasserhaushalt der Kamele: Höcker und Magensystem speichern angeblich geheimnisvolle Wasservorräte. Richtig ist vielmehr: Auch Kamele können kein Wasser bevorraten, besitzen aber wie kein anderes Lebewesen wirksame Mechanismen, Körperflüssigkeiten nicht durch Transpiration und über die Ausscheidung von Kot und Urin abzugeben, sondern im Organismus zurückzuhalten.

Energiespeicher für schlechtere Zeiten sind die Höcker, die hauptsächlich aus Fett bestehen, das bei Futtermittelknappheit umgewandelt wird. Geschrumpfte Höcker stellen ein Indiz für einen schlechten Ernährungszustand dar.

In der Regenzeit können Kamele ihren gesamten Flüssigkeitsbedarf über den Wasserhaushalt der aufgenommenen Grünpflanzen decken und monatelang ohne Frischwasser überleben. Sie überstehen extreme Durststrecken und kommen drei Wochen ohne Wasser aus. Kamele ertragen einen Wasserverlust von 40 Prozent, ohne Schaden zu nehmen, und gleichen ihn durch einmaliges Trinken in kürzester Zeit voll aus. So wird berichtet, dass Kamele in 15 Minuten 200 Liter Wasser aufnehmen können. Bei jedem anderen Säugetier käme es zu einer Wasserintoxikation, welche die roten Blutkörperchen zum Platzen bringt, was den Tod nach sich zöge.

Eine weitere Besonderheit ist das Vermögen des Kamels, die aufgenommene große Flüssigkeitsmenge innerhalb kürzester Zeit zu absorbieren und damit die ausgetrockneten Körperzellen wieder aufzufüllen. Entscheidend hierfür ist das Kompartment 1 (entspricht dem Pansen; die drei Vormägen der Kameliden werden Kompartments bezeichnet), das in der Lage ist, große Mengen Flüssigkeit aufzunehmen, bevor sie in den Darm gelangen. Bei den echten Wiederkäuern ist das nicht möglich, da die Pansenschleimhaut aus Zotten besteht und nicht aus einer Drüsenschleimhaut.

Bei den meisten Säugetieren, auch dem Menschen, wird das Wasser beim Transpirieren zu einem erheblichen Teil dem Blut, genauer dem Blutplasma, entzogen, das dadurch stark eindickt, beim Kamel dagegen hauptsächlich dem alimentären Trakt. Dadurch bleiben das Blut dünnflüssig und der Kreislauf funktionstüchtig. Um Flüssigkeitsverluste durch Transpirieren gering zu halten, können dehydrierte Kamele die Temperatur ihres Bluts der Außentemperatur angleichen. Zur Stabilisierung der Körpertemperatur auf 37 °C benutzen fast alle Säugetiere inklusive Mensch die bei der Verdunstung des Schweißes entstehende Verdunstungskälte. Beim dehydrierten Kamel beginnt der Kühlmechanismus jedoch erst bei einer Temperatur von 40 bis 42 °C zu wirken, was Flüssigkeit und Energie spart. Zusätzlich kann das Kamel seine Körpertemperatur bis auf 34 °C absenken, in kühleren Nächten somit Wärme abgeben, einen »Kältevorrat« für den nächsten heißen Tag anlegen und zusätzlich Energie sparen. Wie kein anderes Säugetier besitzt das Kamel also eine Körpertemperaturschwankungsbreite von 6 bis 8 °C.

Die hohe Körpertemperatur würde auch beim Kamel auf die Dauer lebensbedrohliche Folgen nach sich ziehen, insbesondere die Gehirnzellen und die Retina der Augen wären gefährdet. Doch auch dagegen hat es die Natur speziell ausgerüstet und in seiner langen Nase einen außerordentlichen Kühlmechanismus eingebaut. Untersuchungen, die der norwegische Physiologe Schmidt-Nielsen in Kenia durchführte, ergaben, dass Kamele heiße Wüstenluft einatmen, welche die Nasenschleimhaut austrocknet. Große Flächen der Nasenbeläge werden dadurch hygroskopisch. Während des Ausatmens streicht wasserdampfgefüllte Luft von den Lungen über diese trockenen Oberflächen, die das Wasser absorbieren, und die Ausatmungsluft, normalerweise wasserdampfgeschwängert, ist trocken. Das von der Nasenoberfläche aufgenommene Wasser kühlt nun ein Geflecht von Gefäßen, das Halsschlagadergeflecht (carotid rete), welches sich in der Nähe der langen Nasenmuscheln befindet. Das in diesem Geflecht gekühlte Blut reduziert wiederum die Temperatur des Bluts der parallel verlaufenden Halsvene (Jugularisvene), das von der Nase zum Herzen fließt. Während dieses venösen Rückflusses wird das heiße arterielle – vom Herzen kommende – Blut, das die hitzeempfindlichen Gehirn- und Augenzellen versorgt, vom Halsvenenblut gekühlt (counter-current). Dieser einzigartige, einfache Kühlmechanismus schützt die gefährdeten Zellen vor Überhitzung. Gehirn und Augen sind um 4 bis 6 °C kühler als der Gesamtorganismus.

Des Weiteren haben Kameliden die Fähigkeit, Flüssigkeit über die Exkremente zu konservieren. Kühe verlieren beispielsweise über den Kot 20 bis 40 Liter Flüssigkeit pro Tag, Dromedare hingegen nur 1,3 Liter. Kamele setzen kleine, trockene Kotballen ab, weil im Enddarm besondere Zellen dem Kot Flüssigkeit entziehen. Wichtig für den Wasserhaushalt sind auch die Funktion und Struktur der Kamelnieren. Die Henlischen Schleifen der Niere sind vier- bis sechsmal länger als die des Rindes, wodurch sowohl der Urin konzentriert als auch der Urinfluss verlangsamt wird. Dehydrierte Kamele setzen Urin nur in Tropfen ab, sichtbar an den weißen Kristallstreifen an Schwanz und Beinen. Der Urin ist stark eingedickt. Die Art ihrer Nieren ist auch der Grund dafür, dass Kamele Meerwasser (NaCl-Gehalt über drei Prozent) aufnehmen und sich von salzhaltigen Pflanzen ernähren können, was das Überleben der Wildtrampeltiere in China ermöglicht.

Das Kamel liefert Fleisch, Milch, Wolle, außerdem Dung als Brennmaterial, ist somit für die Entwicklungsländer ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor. In Somalia und Sudan leben Millionen Nomaden von Kamelmilch, die einen unschätzbaren Nährwert hat und oft die wichtigste Vitamin-C-Quelle für die Menschen darstellt. Ihr Vitamin-C-Gehalt ist vier- bis sechsmal so hoch wie der von Kuhmilch, und auch die Milchleistung von 10 bis 20 Litern pro Tag macht das Kamel zum wichtigsten Begleiter der Wüstenbewohner, deren Überleben in der Wüste seit ewigen Zeiten von der Fähigkeit des »Wüstenschiffes« abhängig war, den harschen Bedingungen durch eine adaptierte Physiologie zu begegnen.

Der Mensch in der Wüste

Die Lebensbedingungen in den Wüsten stellen den Menschen vor gewaltige Herausforderungen. Nahrungsmangel, das Fehlen von Trinkwasser, hohe Temperaturschwankungen und extreme Lufttrockenheit, starke Sonnenexposition, Wegelosigkeit, die Weite des Raumes, Einsamkeit und schwierige Rettungsbedingungen im Unglücksfall machen Wüsten für Menschen zu an sich lebensfeindlichen Räumen. Anders als Tiere und Pflanzen besitzt der Mensch keine spezifischen physiologischen und morphologischen Anpassungen an die extremen Verhältnisse, sieht man einmal von der dunklen Hautfarbe der meisten Wüstenbewohner ab. Durch entsprechendes Verhalten, Hilfsmittel und Techniken gelingt es dem Menschen dennoch, in Wüsten zu leben bzw. sie zu durchqueren: Er kann sich während der Mittagshitze in seine Behausung zurückziehen, er kann Brunnen graben, um die Grundwasservorräte zu nutzen, er kann mit Kamelen oder Fahrzeugen, einem geschulten Orientierungssinn oder aber mit Landkarten und Satellitennavigation Hunderte von Kilometern in lebensfeindlichem Räumen zurücklegen, und er kann sich durch Kleidung vor Austrocknung und Sonnenstrahlung schützen. Angepasstes Verhalten und die Kenntnis bestimmter Techniken sind also unabdingbare Voraussetzungen für das Überleben in der Wüste.

Als warmblütiges Lebewesen hält der Mensch seine Körpertemperatur zwischen 36,5 und 37,5 ºC konstant. Zwischen 33 und 42 °C ist eine Temperaturregulation möglich, außerhalb dieser Grenzen gibt es aber keine normale Zellfunktion mehr, die Stoffwechselenzyme werden inaktiv, und es erfolgt der Zelltod. Ein unbekleideter Mensch wird den Abend eines heißen Sommertags in der Zentralsahara kaum mehr erleben, wenn er weder Schatten noch Wasser hat.

Drei Lebensformen ermöglichen dem Menschen seit Jahrtausenden das Leben und Überleben in der Wüste: die Oasenwirtschaft, das Sammeln und Jagen sowie der Nomadismus. Man weiß heute, dass das Bild vom wirtschaftenden Menschen, der sich vom Sammler und Jäger zum Nomaden und später zum sesshaften Bauern entwickelt hat, so nicht generell zutrifft. Wenn auch die ersten Menschen sicher Jäger und Sammler waren, existierten bis vor wenigen Jahrzehnten alle drei Lebensformen in der Wüste nebeneinander.

Oasen

Die Oase stellt eine Enklave dar, ein Fragment des Lebens in der Wüste. Sie ist wie eine Insel in lebensfeindlicher Umgebung, gewährleistet aber Verbindungen zur Außenwelt. Oasen sind an Quellen, Grundwasser oder Flussläufe gebunden. Sie können unbewohnt oder intensiv bewirtschaftet sein, ihre Anbaufläche wird meist durch Bewässerung vergrößert. Sie sind nicht nur Stützpunkte für Verkehr und Handelsplätze, sondern blicken oftmals auf eine große Vergangenheit zurück. Oasen wie Chinguetti in Mauretanien oder Kaschgar an der Seidenstraße wurden Zentren des Glaubens, der Wissenschaft, Kunst oder Literatur. Ähnliches gilt für Flussoasen. Die pharaonische Hochkultur im Niltal oder die Kulturen an Euphrat und Tigris sind Beispiele hierfür.

Die Mehrzahl der Oasen findet sich im Altweltlichen Trockengürtel, aber es gibt sie auch in der Neuen Welt, man denke nur an die Flussoasen in Peru. Im Altweltlichen Trockengürtel ist die Dattelpalme die dominierende Anbaukultur, wenngleich sie durch ein breites Spektrum anderer Kulturpflanzen ergänzt wird. In vielen mittel- und zentralasiatischen Oasen gedeihen aufgrund der niedrigen Wintertemperaturen keine Dattelpalmen, dafür Pappeln, Pfirsich-, Aprikosen- und Feigenbäume.

Das fast mythische Bild der Oase in Literatur und Film geht auf die Berichte der europäischen Entdecker zurück, die nach mühevoller Wüstendurchquerung die Oase als erholsamen Ort erlebten. Im krassen Gegensatz dazu steht das Sterben der Oasen, das in Arabien und in der Sahara durch den Ölboom und in Mittel- und Zentralasien durch die politischen Strukturen der ehemaligen Sowjetunion und Chinas verursacht worden ist. Jahrhundertealte Strukturen und Traditionen wurden in wenigen Jahren für immer zerstört, einstmals gepflegte Palmenhaine verwildern, und alte Ortsteile oder ganze Orte sind verlassen.

Der Ölboom hat quasi als Abfallprodukt eine neue Form von Oasen entstehen lassen: Hightech-Oasen. Bei der Suche nach Erdöl wurden in teilweise mehr als 2000 Meter Tiefe lagernde Grundwasserkörper gefunden. Gewaltige Pumpen fördern diese Wasservorkommen, große Anlagen zur Berieselung und Tröpfchenbewässerung lassen mitten in der Wüste Getreide- und Luzernefelder entstehen. Dabei steht der Ertrag oftmals in keinem Verhältnis zum finanziellen Aufwand. Hingegen ist die moderne Oasenbewirtschaftung in Peru von Erfolg gekrönt, wo in den Flussoasen der Küstenwüste diverse Fruchtsorten für den Export angebaut werden.

Sammler und Jäger

Als der Mensch die warmen, trockenen Gebiete der Erde zu besiedeln begann, geschah dies durch Jäger und Sammler. Es waren aber keine »echten« Wüsten, in denen die Nachfahren der Primaten auf ihren Hinterbeinen zu gehen lernten, um besser und weiter sehen zu können, sondern halbwüstenartige Steppen.

Stärker noch als Nomaden- und Bauernvölker wurden die Sammler-und-Jäger-Kulturen von der Ausbreitung der sogenannten Zivilisation betroffen. Die letzten Kulturen dieser Art stellen die Aborigines in den Wüsten Australiens, die Buschleute der Kalahari und indianische Kulturen in den nordamerikanischen Wüsten dar. Doch Aborigines, Buschleute oder Indianer, die noch traditionell als Sammler und Jäger leben, gibt es praktisch nicht mehr. Gruppen, welche die teilweise systematische Ausrottung überlebten, wurden spätestens durch die Zerstörung oder Einengung ihrer Streif- und Jagdgebiete ihrer Lebensgrundlage beraubt und ihre Zivilisation unwiederbringlich zerstört, oft bevor wir Näheres über ihre Vorstellungen und Kenntnisse erfahren konnten. Die reiche Flora und das reiche Vorkommen von Wildtieren bot ihnen jahrtausendelang eine Lebensgrundlage. Alte Buschleute wissen noch 100 essbare Pflanzen der Kalahari aufzuzählen, und sie sammelten Pflanzen für Getränke, Heilmittel und Behausungen. Große Herden Gazellen und Antilopen lieferten den Jägern ausreichend Fleisch. Das Leben der Jäger und Sammler war naturbedingt ein Wanderleben. Sobald an einem Lager die Quellen versiegten, sich das Wild entfernte, keine Pflanzen mehr zu finden waren, zogen die Menschen weiter. Sie hatten nicht viel mitzunehmen: Wühlstöcke und Wurfhölzer, Behälter aus Baumrinde und Fell. Alles wurde zu Fuß transportiert.

Nomadismus

In der Entwicklungsgeschichte menschlicher Kultur ist der Nomadismus keine primitive Zwischenstufe. Vielmehr handelt es sich um eine Lebens- und Wirtschaftsform, die als einzige in der Lage ist, die weiten, kargen Weiten des Altweltlichen Trockengürtels zu nutzen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist der klassische Hirtennomadismus auf diesen Wüstengürtel begrenzt, der sich von Mauretanien im Westen bis nach China zieht. In Australien fehlte das geeignete Tier, in Amerika wurde nie die Zucht von Lamas forciert, die sich dafür geeignet hätten.

Die Nomadenkultur ist ungemein facettenreich. Es gibt Vollnomaden und Halbnomaden. Erstere leben ausschließlich von der Tierhaltung, Zweitere gehen auch anderen Tätigkeiten nach wie Ackerbau, Handel und Transport. Transhumanz zählt nicht zum Nomadismus, da die Hirtenfamilien feste Behausungen nutzen, zwischen festen Sommer- und Winterweiden pendeln und oft nicht Eigner der Herden sind. Nomadismus lässt sich auch nach Art des Viehs gliedern. Entsprechend den naturräumlichen Voraussetzungen bilden Kamele, Dromedare, Pferde, Rinder, Yaks, Schafe oder Ziegen die Lebensgrundlage der Nomadenvölker. Auch die Art der Wanderung, sei es vertikal oder horizontal, fern oder nah, episodisch oder periodisch, gerichtet oder ungerichtet, sowie die Art der Behausung – Zelte, Jurten, Schutzschirme, Höhlen – unterscheiden Nomaden voneinander.

So leben im Altweltlichen Trockengürtel die unterschiedlichsten nomadischen Kulturen: die Pferdehalter der Mongolei, die Yakzüchter des tibetischen Hochlands, die Kamelnomaden Zentralasiens, die Dromedarzüchter zwischen Rajasthan und Mauretanien sowie die Rinderhalter des Sahel und Ostafrikas. Ihnen allen ist ein Wertesystem gemeinsam, wonach die Kopfzahl und die äußere Erscheinung der Tiere Glück und Wohlstand des Besitzers und sein öffentliches Ansehen ausmachen. Tiere wurden früher nur für den eigenen Bedarf und nur bei besonderen Anlässen geschlachtet, marktorientierte Viehzucht war den Nomaden fremd. Heute zwingt die wirtschaftliche Lage viele Nomaden, regelmäßig Tiere an Viehhändler zu verkaufen, ferner werden tierische Produkte wie Milch, Wolle und Tierhäute über den Eigenbedarf hinaus produziert, um Geld für Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs zu erhalten.

Das Nomadentum spielt in der Geschichte eine wichtige Rolle. Skythen, Parther, Beduinen, Hunnen und Mongolen gründeten und zerstörten Reiche, traten in Konflikt oder in Symbiose mit den Sesshaften. Seine heutige desolate Situation ist das Resultat ganz unterschiedlicher Entwicklungen. Zunächst verschlechterten sich mit der europäischen Kolonialisierung Afrikas, Arabiens und Asiens die politischen Rahmenbedingungen, und auch in der UdSSR und China engten die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen den Spielraum der Nomaden immer mehr ein. In Afrika schränkten willkürliche Grenzziehungen bei der Gründung der Nationalstaaten die Freizügigkeit ein und führten zu militärischen Konflikten, bei denen die Nomadenvölker stets unterlagen. Im Einflussbereich der UdSSR zerstörte die Kollektivierung den Nomadismus. Daneben verringerte sich der Lebensraum der Nomaden dadurch, dass ihre traditionellen Weidegebiete in Ackerland umgewandelt und militärische Sperrgebiete sowie Nationalparks angelegt wurden. Straßen und moderne Transportmittel entzogen den Karawanen die ökonomische Basis und öffneten nomadische Räume dem überregionalen Marktgeschehen. Hinzu kommt der ökologische Niedergang übernutzter nomadischer Lebensräume, die sogenannte Desertifikation.

Wie stellt sich die Lage des Nomadismus in den einzelnen Ländern des Altweltlichen Trockengürtels heute dar? Die Reguibat in der Sahara sind in einer dramatischen Situation. Als Folge des Konflikts um die Westsahara lebt dieses Nomadenvolk seit Jahrzehnten in Lagern und hofft immer noch auf eine Rückkehr auf die spärlichen Weiden. Die Tuareg sehen sich in ihrer Mobilität dadurch eingeschränkt, dass ihr traditionelles Gebiet heute auf Algerien, Libyen, Mali und Niger verteilt ist und freie Herdenwanderungen nicht nur durch Grenzen, sondern auch durch Landnutzungskonflikte mit sesshaften Bauern behindert werden. Dürren haben viele Tuareg in die Elendsviertel der Städte und in Lager getrieben. Die von 1991 bis 1996 anhaltende Rebellion der Tuareg in Niger und Mali kostete viele zivile Opfer. Auf der Arabischen Halbinsel war es die wirtschaftliche Entwicklung infolge der Ölfunde, die das traditionelle Beduinentum auslöschte: Futter und Wasser werden mit Fahrzeugen zu den Pferchen transportiert, und die Herden, die für ihre Besitzer nur noch ein Hobby darstellen, von Gastarbeitern beaufsichtigt. Der Nomadismus im Iran und in Afghanistan konnte sich trotz schwieriger politischer Rahmenbedingungen bis heute halten. Die wirtschaftliche Lage der afghanischen Nomaden ist aber oftmals existenzbedrohend.

In Mittelasien war der Nomadismus schon in zaristischer Zeit durch die Bauernkolonisation gefährdet, sein völliger Niedergang wurde durch die sozialistische Kollektivierung unter Stalin bewirkt. Nomaden wurden in Hirtenbrigaden eingebunden, die Hirten wechselten in ein Angestelltenverhältnis, die Herden gehörten den Kolchosen. Nach dem Zerfall der UdSSR kam es zu einer gewissen Rückbesinnung auf nomadische Werte. Eine ähnliche Entwicklung erfolgte in der Mongolei. Die Renomadisierung war dort erfolgreicher als in Mittelasien, denn das Verständnis für die ökologischen Zusammenhänge auf den Weiden hatte die sozialistische Zeit überdauert. Die Reprivatisierung des Tierbestandes hat die Tierhaltung zur landesweit wichtigsten Existenzgrundlage gemacht. In China drangen seit den 1950er-Jahren Han-Chinesen in nomadische Lebensräume vor, und den Nomaden blieb nur die Mitarbeit in Kooperativen oder der Rückzug in entlegenste Gebiete. Durch die Liberalisierung der Landwirtschaft Ende der 1970er-Jahre verbesserten sich ihre Lebensbedingungen. Sie erhielten Tiere und Weideland, weil die chinesischen Behörden erkannt hatten, dass die Weidegebiete sonst brachliegen würden. Es bleibt abzuwarten, wie sich die rasante Modernisierung Chinas auf die Lebensverhältnisse seiner Nomaden auswirkt.

Hat der Nomadismus noch eine Zukunft? Die angesprochenen Entwicklungen lassen Zweifel aufkommen. Dabei umfassen die Flächen, die nach einer FAO-Statistik als potenzielles Weideland einzustufen sind, nicht weniger als 3,5 Milliarden Hektar! Weder die einzelnen Länder noch die Menschheit insgesamt können es sich angesichts der Bevölkerungsexplosion leisten, dass diese Flächen mit dem Verschwinden des Nomadismus ungenutzt bleiben. Andererseits darf es zu keiner regionalen Übernutzung kommen, die verheerende Folgen hätte. Die Amtsträger der betreffenden Staaten und eine fehlgeleitete Entwicklungshilfe taten in den letzten 50 Jahren alles, um auch noch die letzten Nomaden sesshaft zu machen. Die ökonomischen, ökologischen und psychologischen Folgen sind verheerend, wie die Verhältnisse in den Elendsvierteln Nouakchotts, Teherans oder Urumquis zeigen.

Kaum jemals wurden die Nomaden selbst gefragt, welche Lebensart sie sich wünschen. Sie wollen nicht sesshaft werden, sondern eine Verbesserung ihrer nomadischen Lebensbedingungen erreichen. Die Regierungen und die Entwicklungshilfe sollten sie darin unterstützen, denn Nomadismus ist und bleibt die einzig ökologisch angepasste Nutzung der Weidegebiete in den Wüsten und Halbwüsten der Erde.

Desertifikation

Weltweit zu einem Schlagwort geworden, wird Desertifikation fälschlicherweise oft auch dann benutzt, wenn es um eine klimatisch bedingte Ausbreitung von Wüstengebieten geht. Der bekannte Experte Horst Mensching definiert Desertifikation so: »Vorgänge in Trockengebieten und ihren oft dicht besiedelten Randzonen, die durch menschliche Tätigkeit (human impact) zur ökologischen Degradation und Zerstörung der natürlichen Ressourcen geführt haben.« Dürrezeiten spielen eine wichtige Rolle bei der Verstärkung der anthropogenen Degradierung und lassen die Folgen besonders deutlich werden, sind aber nicht die Ursachen.

Ausschlaggebend für die Ausbreitung der Desertifikation sind Brennholzeinschlag, die Ausweitung des Ackerbaus in niederschlagsarme Gebiete und die Überstockung der natürlichen Weidepotenziale. Der Bevölkerungsdruck verschärft die Problematik. Von den Folgen sind zahlreiche Bereiche des Ökosystems betroffen, unter anderem der Boden und der gesamte Wasserhaushalt, sowohl der Oberflächenabfluss als auch die Infiltration in den Boden selbst. Es bilden sich Verkrustungen bis zur Rindenbildung der Bodenoberfläche, die wiederum bei Oberflächenabfluss die Bodenerosion verstärken. Die feineren Bodenbestandteile werden verschwemmt und abgetragen, was die Fruchtbarkeit des Bodens stark mindert und weite vegetationsfreie Flächen schafft. Der Boden ist nun der Ausblasung durch den Wind schutzlos ausgeliefert. Die zerstörte Vegetationsdecke erhöht die Verdunstung, so dass dem Boden weniger Niederschlag zugeführt wird und er langfristig austrocknet. Endzustand eines Desertifikationsprozesses ist die menschengemachte Wüste, die »man made desert«.

Diese Prozesse verlaufen inselhaft ab, beispielsweise um einen Brunnen oder ein Dorf herum, können sich aber untereinander verbinden und zur Degradierung ganzer Landstriche führen. Quantitative Angaben sind schwierig, doch sind allein in der Sahelzone in den letzten 50 Jahren rund 650.000 Quadratkilometer durch Desertifikation verwüstet oder zumindest in ihrer Regenerationsfähigkeit und Fruchtbarkeit stark gestört worden. Weltweit gehen pro Jahr 50.000 bis 60.000 Quadratkilometer als landwirtschaftliche Nutzfläche verloren, die größten Flächen in Afrika, weil über die Hälfte dieses Kontinents zu den Trockengebieten zählen. Man schätzt, dass weltweit über eine Milliarde Menschen von den Folgen der Desertifikation betroffen sind. Die sozialen Folgen sind enorm. Die Zerstörung der natürlichen Ressourcen macht es Bauern wie Nomaden zunehmend unmöglich, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Abwanderung einzelner Familienmitglieder oder ganzer Familienverbände in Städte ist eine der sozialen Langzeitfolgen. Langsam erkennen sowohl Regierungen wie auch Entwicklungshilfeorganisationen die Brisanz und ergreifen Gegenmaßnahmen, die von der Einführung neuer Agrartechniken bis zum Verbot des Holzeinschlags reichen. Diese Maßnahmen haben nur dann langfristig Erfolg, wenn sie von den Betroffenen mitgetragen werden.