Jeep in den hohen Dünen der Badain Jaran Wüste  in der Inneren Mongolei in China
Kloster Badan Jilin in der Badain Jaran Wüste  in der Inneren Mongolei in China
Novize im Kloster Lamayuru in Ladakh im indischen Himalaya

Die Wüsten Asiens

Lage und Größe der Wüsten Asiens

Als größter unter den Kontinenten verzeichnet Asien mit 15.675.050 Quadratkilometer die zweitgrößte Fläche von Wüsten und Halbwüsten. Der Flächenanteil erreicht mit 37 Prozent aber nicht die Werte Afrikas oder Australiens, und nur drei Prozent der Fläche Asiens gelten als hyperarid. Asien ist nicht nur von gewaltiger Größe, sondern auch von außerordentlicher landschaftlicher und klimatischer Vielfalt. Die Trockengebiete reichen von der Sinai-Halbinsel im Westen bis zu den Wüstensteppen der Gobi im Osten, so dass ihre Einteilung oft Schwierigkeiten bereitet. Auf den folgenden Seiten habe ich die Wüsten Asiens gemäß dem regionalen Gliederungsprinzip zu Großregionen zusammengefasst: Die Rub al-Khali und die Große Nafud gehören zu den Wüsten Arabiens, die Wüsten Irans und Afghanistans umfassen die Große Kavir, die Lut und die Wüstengebiete Afghanistans. Nördlich und nordwestlich davon liegen die Wüsten Mittelasiens, darunter die Karakum und Kysilkum.

Auch der indische Subkontinent weist in seinem Nordwesten ein großes Trockengebiet auf, dessen östlicher Teil unter dem Namen Thar bekannt ist. Die zahlreichen Wüsten in China und der Mongolei, deren bekannteste die Gobi darstellt, sind in diesem Buch zu den zentralasiatischen Wüsten zusammengefasst. Auch die Wüstengebiete Ladakhs, die klimatisch und kulturell zu Tibet gehören, werden ihnen zugerechnet, wenngleich sie in Indien liegen. Die Wüsten Asiens gehen auf höchst unterschiedliche Ursachen zurück und reichen von der Lage am Wendekreis über Leelagen im Regenschatten gewaltiger Gebirgszüge bis hin zur Binnenlage inmitten einer riesigen Landmasse. Küstenwüsten – die durch kalte Meeresströmungen hervorgerufen werden – gibt es in Asien nicht. Zahlreiche Wüsten Asiens gehören zum Altweltlichen Trockengürtel, der im Westen mit der Sahara beginnt und sich als Wüstenband über die Arabische Halbinsel, die Wüsten Irans und Afghanistans bis in die zentralasiatischen Wüsten zieht.

Die Wüsten Arabiens

Geologisch ist die Arabische Halbinsel Teil der alten afrikanischen Kontinentalmasse, von dieser aber bis auf die Landenge von Suez durch den Grabenbruch des Roten Meeres getrennt. Sie ist 2700 Kilometer lang, 1400 bis 2400 Kilometer breit und hat eine Fläche von 3,5 Millionen Quadratkilometer. Klimatisch gesehen sind die Wüsten Arabiens – wie die Sahara – typische Wendekreiswüsten, gehören sie doch zum Gebiet der Passatwinde. Der Norden hingegen steht in Form von Winterregen unter mediterranem Einfluss, und im Süden liegt der omanische Dofar im Bereich des Monsuns. Darüber hinaus fehlt auch den Gebirgsregionen in Oman, Jemen und im Südwesten Saudi-Arabiens der Wüstencharakter. Im Norden verläuft die Grenze zwischen Wüste und Steppe von Gaza aus nördlich des Toten Meeres, dann weiter entlang der jordanischen Hochebene bis zum Euphrat südöstlich von Aleppo. Von dort führt sie in südöstliche Richtung, erreicht bei Tikrit den Tigris und geht über Bagdad am Fuß des Zagrosgebirges entlang bis zum Persischen Golf.

Während die Große Nafud im Norden und die Rub al-Khali im Südosten durch Beckenstrukturen eindeutig abgegrenzt sind, erscheinen die Benennungen und Grenzen vieler anderer Wüsten Arabiens oft willkürlich. So gibt es für die nördlichsten Wüstengebiete zahlreiche lokale Namen, die auf manchen Karten als »Syrische Wüste« zusammengefasst werden. Abgrenzbar ist auch die Sinai-Halbinsel. Vom Roten Meer – genauer gesagt, vom Golf von Suez und Golf von Akaba – eingeschlossen, lässt sie sich in Nordsinai, die Wüste Et Thi und in das Gebirge Südsinais gliedern. Dabei gehört das Schichttafelland Et Thi mit einer jährlichen Niederschlagsmenge von 20 bis 50 Millimeter zu den unwirtlichsten Gebieten der Halbinsel. Günstiger sind die Lebens- und Wirtschaftsbedingungen in der Hochgebirgsregion des Südsinai, die 150 bis 200 Millimeter pro Jahr Niederschlag erhalten, so dass die Nomaden in den Wadis und an Hängen günstige Weidebedingungen vorfinden.

Die Negev-Wüste stellt die Fortsetzung der Wüsten des Sinai dar. Mit einer Fläche von nur 12.000 Quadratkilometer macht sie 60 Prozent des israelischen Staatsgebiets aus. Der Negev gliedert sich in den flachen, teilweise mit Löß bedeckten Nordnegev und den gebirgigen Zentral- und Südnegev. Die Transformation von Teilen der Negev-Wüste in ein Gebiet intensiver landwirtschaftlicher Nutzung gehört zu den größten Erfolgen israelischer Agrartechnologie.

Die Arabische Halbinsel gehört zum überwiegenden Teil zu Saudi-Arabien, das 71 Prozent ihrer Fläche einnimmt. Betrachtet man Klimakarten von Saudi-Arabien, fällt zunächst der Kontrast zwischen den Gebirgs- und Hochlandklimate im Westen und den Wüstenklimate im Landesinnern und am Küstenstreifen auf. Wir beginnen am Roten Meer mit der naturräumlichen Gliederung Saudi-Arabiens und der angrenzenden Länder: Zwischen der Küstenlinie und dem östlich aufragenden Randgebirge erstreckt sich bis in den Jemen die Küstenwüste Tihama. Sie weist ein schwülheißes Klima auf mit Niederschlägen unter 100 Millimeter pro Jahr. Östlich des schmalen Küstenstreifens steigen die westlichen Randgebirge steil empor, die den Rand des Ostafrikanischen Grabenbruchs bilden. Dort herrscht ein semiarides Hochlandklima bei gemäßigten, jahreszeitlich stark schwankenden Temperaturen. An diese Grabenrandgebirge schließen sich nach Osten die inneren Hochländer an. Hier dominieren Fels und Steinwüste, Sanddünengebiete fehlen gänzlich. Östlich davon erstreckt sich das zentralarabische Schichtstufenland mit seiner wechselnden Abfolge steil aufragender Landschaftsstufen und weiter Flächen.

Im Südosten liegt jene Wüste, die wie kaum eine andere die Phantasie der Entdecker angeregt hat – die Rub al-Khali, das »Leere Viertel«. 1930/1931 erstmals durchquert, gehört sie bis heute zu den unzugänglichsten Gebieten der Erde. Sie liegt in einem geologischen Becken und reicht bis in die Länder Jemen und Oman hinein. Mit einer Fläche von 780.000 Quadratkilometer ist sie die größte Sandwüste der Erde. Ihre bis zu 300 Meter hohen Dünen erstrecken sich von Norden nach Süden über 500 Kilometer, von Osten nach Westen gar über 1300 Kilometer. Weite Teile der Rub al-Khali sind gänzlich wasserlos und vollkommen ohne Vegetation, nur im Nordosten finden sich vereinzelte Brunnen. Dem trocken-heißen Klima entsprechend, liegen die Niederschläge weit unter 50 Millimeter pro Jahr.

Das nördliche, kleinere Pendant zur Rub al-Khali stellt die Große Nafud dar. Auch hier handelt es sich um eine Beckenzone, deren Grenzen eindeutig festlegbar sind. Die Große Nafud erreicht eine Ausdehnung von 78.000 Quadratkilometer, ihre Oberflächenformen werden wie bei der Rub al-Khali von einem sehr unruhigen Dünenrelief bestimmt. Oberflächenwasser gibt es in der Großen Nafud nicht, gelegentliche, von Winterzyklonen aus dem Mittelmeerraum hervorgerufene Niederschläge versickern nahezu vollständig in den Dünensanden.

Die Küstenwüste am Arabisch-Persischen Golf und die Schotterflächen des Dibdibah bilden die Golfregion. Diesem Teil der Arabischen Halbinsel verdanken die Golf-Anrainerstaaten ihren wirtschaftlichen Aufstieg. Die Struktur der Gesteinsschichten im Untergrund hat zur Folge, dass eine Reihe stehender Falten auftritt, deren Undurchlässigkeit ideale »Erdölfallen« ergibt. Die wichtigsten Trägergesteine werden in 1500 bis 3000 Meter Tiefe erreicht und von zahlreichen Bohrfeldern erschlossen. Die Golfregion besitzt nach Venezuela die reichsten Erdölvorräte der Erde. Nirgendwo auf der Erde werden Erdöl und Erdgas schneller und billiger gefördert als auf der Arabischen Halbinsel.

Die Erdölförderung setzte auf Bahrain bereits 1934, in Saudi-Arabien 1938 ein. Aus traditionellen Beduinengesellschaften wurden binnen kurzer Zeit moderne Staaten, die das Beduinentum als Anachronismus und Element der Unsicherheit betrachten. Wenn aber die Verteilung von Geld und Ämtern auf der Tagesordnung steht, spielt es nach wie vor eine große Rolle, zu welchem Beduinenstamm jemand gehört und welche Stellung er in ihm hat.

Die Viehhaltung, sofern sie überhaupt noch betrieben wird, ist Sache ausländischer Lohnhirten. Zum Einsatz kommen Trockenfutter sowie auch Luzerne, die kostspielig auf Bewässerungsland produziert wird. Die Zucht der Dromedare stellt oft nur noch eine Art Hobby dar. Die Menschen leben in komfortablen, klimatisierten Häusern, und nur zu besonderen Anlässen versammeln sich die Familien in modernen Segeltuchzelten, die mit allem erdenklichen Komfort ausgestattet sind.

Die Ölstaaten versuchen mit leidlichem Erfolg, ihre Wirtschaft zu diversifizieren. Energie und Kapital hierfür sind reichlich vorhanden; Know-how, Arbeitskräfte und selbst Rohstoffe werden importiert. Insbesondere Saudi-Arabien setzt auf den Ausbau einer im großen Stil betriebenen Agrarwirtschaft und produziert Weizen über den Eigenbedarf hinaus.

Bodenversalzung, Grundwasserabsenkung – aufgrund zu großer Entnahme – und Sandverwehungen sind nur einige der Probleme, vor denen die industriell betriebene Landwirtschaft steht. Hinzu kommen Produktionskosten, die so hoch sind, dass Importe billiger wären.

Die kleinen Golfstaaten Bahrain, Kuwait, Katar und Vereinigte Arabische Emirate setzen auf ihre Funktion als Handels- und Finanzplatz, um ihre Abhängigkeit von Erdöl- bzw. Erdgasexporten zu verringern. Die Vereinigten Arabischen Emirate vermarkten die weiten Dünenlandschaften der Wüste wie kaum ein anderer Staat als attraktives Touristenziel.

Die Wüsten Irans und Afghanistans

In der Mitte des Altweltlichen Trockengürtels – und damit im Bereich des subtropischen Passatgürtels – liegt das Iranische Hochland, das sich weit nach Afghanistan hinein erstreckt. Die iranischen Wüsten Große Kavir und Lut sind gut erforscht, die afghanischen Wüsten wie die Registan und Gebiete Belutschistans sind hingegen seit längerer Zeit nur schwer zugänglich.

Die Große Kavir und die Lut liegen in zwei Hochbecken. Das Zagrosgebirge im Westen und das Alborzgebirge im Norden schirmen sie von den feuchten Luftmassen ab. Die Große Kavir stellt als Salzwüste eine der sterilsten und lebensfeindlichsten Gebiete der Erde dar, und infolgedessen fehlt es an Besiedlungen jeglicher Art.

Die Lut hat eine Größe von 166.000 Quadratkilometer und zerfällt ähnlich wie die Kavir in eine Reihe Teilbecken. Dem Abtragungsrelief im Südwesten steht im Südosten ein Aufschüttungsrelief mit bis zu 200 Meter hohen Dünen gegenüber. Die potenzielle Verdunstung beträgt 5000 Millimeter pro Jahr, der Niederschlag liegt unter 50 Millimeter. Die Temperaturen erreichen im Sommer die 50-ºC-Grenze. Damit gehört die Lut zu den trockensten und heißesten Wüsten der Erde. Bislang hat man dort keine Spuren früheren Lebens wie etwa subfossile Muscheln oder versteinerte Kieselalgen gefunden, und es gibt auch keinerlei Hinweise auf eine frühere menschliche Besiedlung. Die Lut stellt bis heute eine Barriere für den Verkehr zwischen dem Südosten des Irans und den restlichen Landesteilen dar. Einzig die Kamele und Lastwagen der Drogenhändler sind hier Nacht für Nacht unterwegs und schaffen Rauschgift von Afghanistan nach Europa.

Die Nomadenvölker des Irans leben in den Sommermonaten in den Bergen südlich der Lut. In ihren geräumigen Zelten entstehen an großen Webstühlen die in Europa so begehrten Perserteppiche. Rechtzeitig vor Einbruch des Winters werden Ziegen, Zelte und Hausrat auf Lastwagen verladen, um in den Gebirgen am Persischen Golf das Lager aufzuschlagen.

Die Oasen an den Beckenrändern von Lut und Kavir verdanken ihre Existenz dem Bau von Qanaten. Diese Technik, welche die Oasen mit Grundwasser aus den Randgebirgen versorgt, wurde vor der Zeitenwende im Iran entwickelt und verbreitete sich bis nach China. Noch im 18. Jahrhundert gruben Arbeiter aus dem Iran in der chinesischen Turfansenke Qanate. Auch im Maghreb fand die iranische Technik Anwendung; die Qanate heißen dort Foggaras. Qanate sind horizontale Brunnen. Am Fuß des Gebirges zapfen sie unterirdisch das Grundwasser an und leiten es unter Ausnutzung des natürlichen Gefälles an die Oberfläche. Der Stollen, der das Grundwasser befördert, wird durch zahlreiche vertikale Schächte mit der Oberfläche verbunden. Die Länge der Qanate beträgt bis zu 70 Kilometer, die Stollen befinden sich in einer Tiefe von bis zu 400 Meter. Mitte der 1960er-Jahre waren im Iran noch 22.000 Qanate in Betrieb. Bei einer Gesamtlänge von 270.000 Kilometer förderten sie 750 Kubikmeter pro Sekunde – mehr, als die Elbe bei Hamburg Wasser führt! Während moderne Tiefbrunnen die fossilen, nicht erneuerbaren Grundwasservorräte ausbeuten, nutzen Qanate nur Grundwasser, das auf aktuelle Niederschläge in den Bergen zurückgeht.

Die Wüstengebiete des südlichen Afghanistans werden durch den Hilmand-Fluss in eine östliche und westliche Hälfte geteilt. Östlich liegt Registan, eine 25.000 Quadratkilometer große Sandfläche, die den im Hilmand-Tal lebenden Belutschen als wertvolle Ergänzungsweide dient. Dauerhafte Siedlungen gibt es in dieser Wüste nicht, nur Saxaulsträucher, die etwas Schatten bieten.

Der lokale Name für die Wüstengebiete westlich des Hilmand lautet Dasht-Margo. Hier herrschen Aufschüttungsflächen vor, die mit Schotter bedeckt sind. Vereinzelt sind tiefer gelegene Salztonebenen zu finden und auch Sandfelder, bei denen es sich um Wanderdünenfelder handelt. Der im Hindukusch entspringende Hilmand speist in der Sistan-Senke drei Salzseen.

In den afghanischen Teil des iranischen Hochlands greift das junge asiatische Faltengebirgssystem hinein, das im Nordosten Afghanistans mit dem Pamir seinen Anfang nimmt und dann über den Hindukusch zu den zentralafghanischen Gebirgsketten führt, die sich nach Westen und Südwesten auffächern. Wenn hier die Niederschlagswerte auch deutlich höher liegen als in der Registan oder in Belutschistan, herrschen doch insbesondere im Regenschatten der Gebirgszüge wüstenhafte Bedingungen vor. In den Sommermonaten bieten die Hochlagen der Gebirge den Nomaden Zuflucht, denn der Winter hat dort in Form von Schnee Feuchtigkeitsreserven geschaffen, die auch den Sommer über vorhalten. In den kalten Wintermonaten ziehen sich die Nomaden in die nördlichen und südlichen Ebenen Afghanistans zurück.

Die mittelasiatischen Wüsten

Die mittelasiatischen Wüsten liegen in einem gewaltigen Becken, das entstanden ist, als die vor 60 Millionen Jahren aufgefaltete Gebirgskette von Himalaja, Tienshan und Pamir das vorhandene Meer einschlossen und in ein Binnenseebecken verwandelten. In den nächsten 25 Millionen Jahren setzte sich das Zusammenwachsen Indiens und Asiens fort, wobei das Becken von der Landmasse Indiens wie ein Keil gehoben und nach Westen in das heutige Schwarze Meer und Mittelmeer entleert wurde. In Mittelasien blieben nur wenige Reste des Binnenmeeres übrig, unter ihnen das Kaspische Meer und der Aralsee.

Die ozeanferne Lage dieses gewaltigen Beckens hat geringen Niederschlag zur Folge, so dass sich zwischen dem Kaspischen Meer im Westen und dem Altai im Osten Wüsten, Halbwüsten und Steppen ausbreiten. Ihnen ist gemeinsam, dass sie größtenteils mit Sand bedeckt sind und eine mehr oder minder dichte Vegetation aufweisen. Hohe Dünen wird man hier vergeblich suchen, es handelt sich vielmehr um gewellte Sanddecken, die man mit den toten Dünen der Sahelzone vergleichen kann. Der bekannteste Strauch der mittelasiatischen Trockenregionen ist der Saxaul. Er kann zu einem Baum von mehreren Metern Größe heranwachsen, bietet dem Kamel Futter und liefert den Menschen Brennholz.

Russische Geografen teilen die mittelasiatischen Trockenregionen aus klimatischen Gründen in einen Nord- und einen Südtyp auf. Zum Nordtyp rechnen sie das im Süden Kasachstans gelegene Ustjurt-Plateau, die Bet-Pak-Dala-Steppe (»Hungersteppe«), die Myjumkum-Halbwüste und die südlich des Balkasch-Sees gelegene Sandzone Sary-Ischikotrau. Die geringen Niederschläge verteilen sich hier über das ganze Jahr; die Sommer sind heiß, die Winter sehr kalt, das Jahresmittel der Temperatur liegt unter 10 ºC. Liegt das langjährige Mittel des jährlichen Niederschlags zwischen 200 und 300 Millimeter, herrscht Grassteppe vor; liegt er unter diesem Wert, geht die Steppe in Halbwüste über. Da Werte von 150 Millimeter pro Jahr nirgendwo unterschritten werden, fehlen »echte« Wüsten.

Dem Südtyp der mittelasiatischen Trockenregionen sind die Karakum-Wüste, die Kysilkum-Wüste und die Golodnaya-Steppe zuzurechnen. Hier fallen die Niederschläge meist im Winter und Frühjahr, die Sommer sind trocken und sehr heiß, die Winter nicht sehr kalt. Das Jahresmittel der Temperatur liegt mit 13 bis 18 °C deutlich höher als beim Nordtyp. Auch hier erreicht die Trockenheit nirgendwo Werte wie etwa in der Sahara, so dass die Dünen von Karakum und Kysilkum mit Gräsern und Büschen bewachsen sind.

Die Kysilkum liegt zwischen den Flüssen Amu-Darya und Syr-Darya im heutigen Usbekistan und ist mit 200.000 Quadratkilometer deutlich kleiner als die Karakum. Ihr Landschaftsbild ist hingegen abwechslungsreicher, da manche Gebirgsgegenden früher einmal Inseln im mittelasiatischen Binnenmeer waren. Auf diversen Plateaus der Vorberge ist Sand mit Schotter vermischt, und in den Ebenen findet sich der rote Sand, dem die Kysilkum-Wüste ihren Namen verdankt, denn kysil bedeutet »rot«, Kum »Sand«.

Die Karakum liegt westlich des Amu-Darya in Turkmenistan und breitet sich auf einer Fläche von 490.000 Quadratkilometer bis zum südlichen Kaspischen Meer aus. Weite Teile der Karakum-Wüste sind von Sand bedeckt. Dieser ist allerdings keineswegs schwarz, wie der Name der Wüste (»Schwarzer Sand«) es suggeriert.

Der Amu-Darya und seine Seitenarme waren für die Menschen in der Karakum- und Kysilkum-Wüste immer schon von fundamentaler Bedeutung. In der Geschichtsschreibung des Altertums wird er unter dem Namen Arax oder Oxus als Strom von gigantischen Ausmaßen geschildert. Aus dem Hindukusch kommend, speiste der Amu-Darya entlang seines Laufs früher 20.000 Brunnen und mündete bis vor wenigen Jahrzehnten in den Aralsee, einst der viertgrößte See der Erde. Im Jahr 1960 besaß der See noch eine Ausdehnung von 70.000 Quadratkilometer, und die Fischerei beschäftigte 60.000 Menschen. Zu Zeiten der Sowjetunion wurde mit dem Anbau von Baumwolle begonnen und das Flusswasser für die Bewässerung der Felder verwandt. Die Folgen für den Aralsee waren katastrophal: Von 1960 bis 1990 verringerte sich die Wasserfläche um über 50 Prozent, und der Salzgehalt stieg um das Sechsfache. Heute beträgt das Wasservolumen nur noch ein Fünftel des ursprünglichen. Die Fischerei ist zum Erliegen gekommen, und auf den einstigen Inseln des Aralsees gelagerte Chemieabfälle verpesten Luft, Wasser und Boden. Die Menschen in der usbekischen Provinz Karakalpakstan haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von nur 40 Jahren; darüber hinaus sind die hohe Säuglingssterblichkeit und Missbildungsrate Ausdruck der ökologischen Katastrophe.

Die Wüsten des indischen Subkontinents

Im Nordwesten des indischen Subkontinents liegt ein ausgedehntes Trockengebiet, das westlich der Arawalli-Berge große Teile Rajasthans einnimmt und jenseits der indisch-pakistanischen Grenze bis an den Indus heranreicht. Wenn auch nirgendwo die Niederschlagswerte unter 150 Millimeter pro Jahr liegen – der Regen fällt zu 90 Prozent in der Saison des Südwestmonsuns von Juli bis September – und praktisch keine vegetationsfreien Gebiete existieren, hat nicht zuletzt der Mensch zu wüstenhaften Bedingungen beigetragen.

Die größte Wüste des indischen Subkontinents ist mit 200.000 Quadratkilometer die Sandwüste Thar, die sich bis nach Pakistan zieht und dort im Nordteil Cholistan und im Südteil Nara heißt. Die pakistanische Wüste Thal, auch Sindh-Sagar-Doab genannt, wird vom Jhelum, einem Nebenfluss des Indus, und vom Indus selbst umschlossen. Eine zweite pakistanische Wüste, die Sindh, liegt in der gleichnamigen Provinz dieses Landes am unteren Indus. Das gesamte Gebiet ist Teil der indo-iranischen Trockenregion, die sich westlich des Indus über Belutschistan in den Iran fortsetzt. Der Einfluss des äquatorialen Monsuns reicht bis zum Suleiman- und Kirthargebirge, das Belutschistan zur Indusebene hin abgrenzt. Trockene Winter und geringe Regenfälle während des Sommermonsuns bestimmen östlich dieser Gebirgsketten den Jahreslauf. Belutschistan hat dagegen ein trockenes, subtropisches Wüstenklima mit Niederschlägen im Winter.

In der Sandwüste Thar fehlen aufgrund der geringen, salzverunreinigten und kaum zu erreichenden Grundwasservorräte die sonst typischen Oasen. Während die Region westlich von Jaisalmer fast vollständig von dünn bewachsenen Dünen bedeckt wird, ist das Gebiet bei Bikaner und Cholistan nur knapp zur Hälfte eine Sandwüste. Die bis 150 Meter hohen Dünen, von Nordosten nach Südwesten verlaufende Ketten, haben sich parallel zu den in der trockenen Jahreszeit dominierenden Winden gebildet.

Die Wüste Thar wird in der Literatur immer wieder als »man made desert« bezeichnet. Zwar hat die Entstehung der Wüste auch klimatische Ursachen, doch ist der enorme Einfluss des Menschen auf die Ökologie der Thar nicht zu leugnen. Die Vernichtung des Baumbestandes – das Holz wurde als Brennmaterial und für den Hausbau verwendet – sowie die Zerstörung der Grasdecken durch Überweidung haben dazu geführt, dass die sommerlichen Niederschläge nicht mehr ausreichend in den Boden eindringen. Eine weitere Absenkung des Grundwasserspiegels ist die Folge. Seit der Fertigstellung des 470 Kilometer langen Rajasthan-Kanals im Jahr 1986, der Wasser aus dem Punjab heranführt und zusammen mit Nebenkanälen ein Verteilersystem über 3500 Kilometer Länge aufweist, ist die Bevölkerung in den Bewässerungsgebieten um das Zehnfache gestiegen. Mehrere Eisenbahnlinien verbinden die Wüstenstädte, so z. B. Jodhpur und Jaisalmer in Indien sowie Bahawalpur und Haiderabad in Pakistan. Die Thar gilt daher heute als die am dichtesten besiedelte und am meisten kultivierte Wüste der Erde.

Das Problem, dass eine stetig wachsende Bevölkerung konkurrierende Nutzansprüche auf immer knapper werdendes Land stellt, wird auch in Cholistan deutlich. Früher wurde die Rinderhaltung von sesshaften Bauern betrieben. In dem Maße, wie das Bewässerungsland des Punjab nach Süden vorrückte und siedlungsnahes Weideland somit als Ackerfläche verloren ging, wurden die Rinderhalter zu immer weiteren Wanderungen gezwungen. Sie haben schließlich eine nomadische Lebensweise angenommen und mit ihren riesigen Rinderherden unfreiwillig dazu beigetragen, dass die Desertifikation in Cholistan ein extremes Ausmaß erreicht hat.

Wenngleich der indische Subkontinent in der Indusebene an seine westliche Grenze stößt, gehen wir an dieser Stelle auch kurz auf Belutschistan ein, denn es liegt zum größten Teil in Pakistan.

Westlich vom Suleiman- und Kirthargebirge erhebt sich die ausgedehnte Belutschistan-Hochebene, die im Westen weit in den Iran hineinreicht und auch geologisch zum iranischen Hochland zählt. Zum Norden, nach Afghanistan hin, wird sie durch die Chagai-, Toba- und Kakar-Berge begrenzt und von kahlen Bergketten durchzogen. Die trockensten Gebiete liegen im Nordwesten, aber auch die zentralen Makran-Berge bieten nur geringe Lebensmöglichkeiten. In Belutschistan leben fünf Millionen Belutschen, die in zahlreiche rivalisierende Gruppen aufgespalten sind und sich als nomadisierende Viehzüchter im Sommer auf den Grasfluren der Gebirge und im Winter in den Tälern der Indusebene aufhalten.

Die zentralasiatischen Wüsten

Die zentralasiatischen Wüsten liegen im Nordwesten Chinas und im Süden der Mongolei. Es handelt sich größtenteils um Becken, die von Hochgebirgen umgeben sind. Ihre Trockenheit wird zum einen durch die Abschirmung seitens der sie umgebenden Gebirge, zum anderen durch ihre ozeanferne Lage verursacht. Die Zyklone (Tiefdruckgebiete) der Westwinddrift haben hier kaum noch einen Einfluss auf das Klima, weil der Atlantik zu weit entfernt ist. Und von Osten her nimmt der Feuchtegehalt des chinesischen Monsuns schnell ab. Eine weitere Ursache für die Trockenheit ist die Nähe zum winterlichen Kältehoch über Sibirien, dessen absinkende und damit trockene Luftmassen westliche Winde blockieren.

Eine Folge der Kontinentalität sind auch die extremen Temperaturdifferenzen zwischen Sommer und Winter. Im Sommer führen Bewölkungsarmut und starke Einstrahlung z. B. in der Turpansenke zu Spitzenwerten von nahezu 50 ºC, im Winter fallen die Temperaturen auf unter -25 ºC, in der Mongolei sogar auf unter -40 ºC.

Das riesige Trockengebiet Zentralasiens gliedern Théodore Monod und der russische Wüstenforscher Petrov in folgende Wüsten: Dsangurei, Sinkiang, Gobi, Bejashan, Alashan, Ordos, Qaidam und Tibet.

Die Dsangurei ist eine Senke zwischen dem Altaigebirge im Norden und dem Tienshangebirge im Süden. In den tiefen Lagen ist das Relief wenig ausgeprägt, Regs, Salz- und Tonflächen sind vorherrschend.

Wesentlich wüstenhafter stellt sich Sinkiang dar. Damit meinen Monod und Petrov nicht die heutige Autonome Provinz Sinkiang, sondern jenen 700.000 Quadratkilometer großen Wüstenraum, der sich zwischen Tienshan-, Pamir-, Kunlun- und Beishangebirge ausbreitet. Die dominierende geologische Struktur ist das Tarim-Becken, das zum Großteil von den Dünen der Taklamakan (320.000 Quadratkilometer Fläche) bedeckt wird. Die Dünen machten die Taklamakan zu einem lange Zeit unzugänglichen Gebiet. Die Karawanen der Seidenstraße umgingen diese Wüste im Norden oder im Süden. 1895 überlebte der schwedische Forscher Sven Hedin den Versuch, sie zu durchqueren, nur knapp. Heute verläuft durch die Taklamakan eine Teerstraße, die Ölgebiete erschließt. Selbst der legendäre Endsee Lop Nor in ihrem Osten, in den einst der Tarim mündete und der durch Sven Hedins Buch Der wandernde See Berühmtheit erlangte, ist nun schnell zu erreichen – sofern der Reisende nicht die Strahlenbelastung scheut, die auf chinesische Atomwaffenversuche am Lop Nor zurückgeht.

Oasenstädte wie Hotan, Kaschgar oder Aksu liegen am Rand des Tarimbeckens, wo die Schmelzwasser des Pamir sowie des Kunlun- und Tienshangebirges sie mit genügend Wasser versorgen. Dies gilt auch für die Turpan-Oase mit ihren extremen Sommertemperaturen. Hier bringt ein Netz unterirdischer Kanäle (Qanate), insgesamt 5000 Kilometer lang und ein Schutz vor Verdunstung, das Gebirgswasser vom nahen, schneebedeckten Tienshan auf die Felder, wo meist Weintrauben angebaut werden.

Auf manchen Karten nimmt die Gobi fast den gesamten ariden Raum Zentralasiens ein und ist die Taklamakan ein Teil der Gobi. Andere Geografen stellen beide Wüsten gleichwertig nebeneinander. Théodore Monod beschränkte die Gobi auf die eher steppenartigen Gebiete im Süden der Volksrepublik Mongolei und im Norden der zu China gehörenden Autonomen Provinz Innere Mongolei. Sie grenzt hier an die südlich gelegene Alashan-Wüste. Die Verwirrung um den Namen Gobi ist sicher auch darauf zurückzuführen, dass der Begriff im chinesisch-mongolischen Raum kein Regionalname ist, sondern eine Landschaftsform beschreibt. Die für Zentralasien typischen Fels- und Geröllwüsten werden als Gobis, die Sandwüsten hingegen als Shamos bezeichnet.

Die eigentliche Gobi stellt mehr eine Wüstensteppe als eine echte Wüste dar. Allerdings sorgen die zahlreichen, räumlich meist scharf abgegrenzten Dünengebiete, die in der Mongolei Els heißen, in manchen Teilen für einen durchaus wüstenhaften Eindruck, wenngleich sie nur drei Prozent der Fläche ausmachen. Die Monotonie der Wüstensteppe wird durch zahlreiche Seen durchbrochen, die teilweise einen hohen Salzgehalt aufweisen. Die Gobi zeichnet sich durch extrem niedrige winterliche Temperaturen aus. An vielen Tagen steigt das Thermometer nicht über -40 °C. Immer wieder folgt auf einen Dürresommer ein extrem kalter Winter, was zu hohen Verlusten bei den Pferde-, Schaf- und Kamelherden führt. Die Mongolen sprechen dann von einem Dsud (auch Zud geschrieben).

Das Vorkommen bestimmter Pflanzen- und Tierarten wie auch die geologische Struktur haben Monod veranlasst, die Bejschan als eine weitere zentralasiatische Wüste zu klassifizieren. Dabei sah er die meist gebirgige Bejschan-Wüste als Bindeglied zwischen Sinkiang und Gobi. Ihre Westgrenze liegt östlich des Lop Nor, südlich wird sie vom Nanschangebirge, nördlich von der mongolischen Grenze und im Osten vom Flusslauf des Edsin Gol abgegrenzt. Die aride, unwirtliche Landschaft wird heute von einer Schnellstraße erschlossen, die das östliche China mit der Provinz Sinkiang verbindet.

Östlich der Bejschan schließt sich die Alashan an, die bis zum Gelben Fluss hinüberreicht. Im Norden geht sie bis zur mongolischen Grenze, im Süden bis zur Verlängerungslinie des Naschangebirges. Auch hier herrscht eine gewisse Begriffsverwirrung. Manche Wissenschaftler weisen die Alashan als Teil der Gobi aus und sprechen von der Alashan-Gobi. Andere lehnen den Namen Alashan ganz ab, da Shan Gebirge bedeutet, und teilen das Gebiet ein in Badain-Jaran- und Tengger-Wüste (mongolisch: »weiter Himmel«). Wir bleiben beim Begriff Alashan und blicken auf ihren Westteil. Dort wurde ein gewaltiges Dünenmassiv aufgeweht, dessen Megadünen mit bis zu 430 Meter Höhe zu den höchsten der Erde zählen. Inmitten dieser Dünen finden sich über 100 Seen unterschiedlichen Salzgehalts. Der tiefblaue, von gelben Dünen eingeschlossene Yinderitu gilt der mongolischen Bevölkerung als heilig. An den Ufern des benachbarten Sees liegt das lamaistische Kloster Badan Jilin.

Die Wüste Ordos gleicht eher einer Steppe und wird in einem gewaltigen Bogen vom Gelben Fluss umrahmt. Sie hat eine Fläche von 300.000 Quadratkilometer und weist von West nach Ost zunehmende Niederschläge auf, so dass die wirtschaftliche Nutzung von extensiver Viehhaltung zur Landwirtschaft übergeht.

Weitgehend unbekannt ist auch die Qaidam. Sie liegt nördlich des tibetischen Hochplateaus und ist auf Karten und Satellitenbildern deutlich als Becken zu erkennen. Die Beckenbasis liegt zwischen 2600 und 3300 Meter Höhe, die umliegenden Gebirge sind bis zu 6000 Meter hoch. Die Qaidam besitzt reiche Bodenschätze, unter anderem Erdöl und Erdgas, die China seit Jahrzehnten fördert. Typisch für die Qaidam sind ihre Salzseen. Der bedeutendste ist der Koko Nur, zum einen wegen seiner Größe und zum anderen, weil er den Tibetern heilig ist. In manchen Jahren sind Tausende Pilger unterwegs, um ihn zu umrunden. Dies hat die chinesische Regierung aber nicht daran gehindert, im See eine Basis für den Test von Unterwasserraketen zu errichten.

Eine jener Regionen, die zwar vielfältige Assoziationen hervorrufen, aber kaum mit dem Betriff Wüste in Verbindung gebracht werden, ist Tibet. Dabei weisen gerade dessen westliche und zentrale Teile alle Charakteristika einer Wüste auf. Wer von Nepal nach Tibet reist, erlebt, wie wirksam der indische Monsun durch den Himalaja abgeschirmt wird. Auf nepalesischer Seite sind die Hänge von dichtem Bergnebelwald bewachsen, und nördlich davon breitet sich das wüstenhafte Hochplateau Tibets aus. Den trockensten Teil Tibets stellt die Tschangtang-Wüste im Innern des Hochplateaus dar. In manchen Gebieten gibt es Dünen, auf einer Fläche von über einer Million Quadratkilometer steht aber kein einziger Baum.

Ein Begriff ist aufs engste mit den Wüsten Zentralasiens verbunden und hat Wissenschaftler und Reisende seit jeher elektrisiert: die Seidenstraße. Das Wort wurde im 19. Jahrhundert von dem deutschen Geografen Ferdinand von Richthofen geprägt und beschreibt die jahrtausendealten Handelsbeziehungen zwischen China und dem Abendland. Die Seidenstraße war ein Handelsweg, genauer gesagt ein ganzes Netz von Wegen, die über 1000 Jahre lang und je nach Bestimmungsort der Waren, Sicherheitslage und Wettersituation von den Karawanen benutzt wurden.

Die älteste Route führte nach Süden und verband China mit Indien und Südostasien. Die älteste nach Europa führende Route war die Nordroute. Sie ging von Gansu aus nördlich des Tienshangebirges in die Waldzone des südlichen asiatischen Russlands und weiter zur Mündung des Don am Schwarzen Meer.

Die südliche Karawanenstraße, der Richthofen den Namen Seidenstraße gab, war die jüngste. Sie teilte sich in Dunhunag in zwei Arme auf: Der südliche Zweig führte über den Yangyuan-Pass ins Tarimbecken, gelangte über Loulan und Kothan nach Kaschgar und von dort in den Pamir, wo dieser Handelsweg in einem Hochtal mit dem nördlichen Zweig zusammentraf. Der nördliche Zweig verließ chinesisches Gebiet am Jadetorpass, durchquerte die Turpan-Oase und gelangte über Kurla, Aksu und Kaschgar ins Pamir. Die vereinte Seidenstraße erreichte jenseits des Pamirs Baktra – das heutige Balkh in Afghanistan – und führte über Merw im heutigen Turkmenistan nach Palmyra im heutigen Syrien. Von hier wurden die Handelsgüter nach Alexandria, Attalaya (heute Antalya), Petra oder Rom gebracht. Dort schätzte man die chinesische Seide derart, dass das Tragen von Seidengewändern 16 n. Chr. vom römischen Senat verboten wurde, um den Devisenabfluss zu stoppen. Die Seidengewinnung blieb über Jahrtausende lang das Geheimnis der Chinesen und trug erheblich zur Stärke des chinesischen Reiches in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten bei. Die Seidenstraße erlebte ihre Blütezeit, als die Großreiche Rom, Persien und die Han- und Tangdynastien Chinas politisch so stabil waren, dass sie die Sicherheit von Händlern und Karawanen gewährleisten konnten.

Das heutige China reicht weit über die Grenzen des alten chinesischen Reiches hinaus. Die Innere Mongolei wurde 1947, Ostturkestan 1949 und Tibet 1950 besetzt und China angegliedert. Die Zugehörigkeit zu China hat die Entwicklung in den zentralasiatischen Wüsten entscheidend geprägt. Uiguren, Kirgisen, Usbeken, Kasachen, Tibeter und Mongolen – um nur einige der Völker zu nennen, die seit jeher in den zentralasiatischen Wüsten leben – sehen sich heute vielfältigen Repressionen vonseiten der chinesischen Regierung ausgesetzt. Wenn man sie auch nicht mit dem Terror zu Zeiten der Kulturrevolution vergleichen kann, ist die Wirkung doch unübersehbar. Die folgenreichste Maßnahme besteht in der massiven Ansiedlung von Han-Chinesen, die etwa im sogenannten Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang bereits die Hälfte der Bevölkerung stellen. Ehrgeizige Infrastrukturmaßnahmen wie der Ausbau von Schnellstraßen, Flughäfen und Eisenbahnstrecken unterstützen die Ansiedlung und erleichtern ebenso die Ausbeutung der Rohstoffe wie auch die militärische Kontrolle dieser Regionen.

In den zu China gehörenden zentralasiatischen Wüsten existieren gegenwärtig zwei Parallelwelten, und dies sowohl in wirtschaftlicher als auch in gesellschaftlicher Hinsicht. Da sind zum einen die Oasenbauern und Viehzüchter, die bis heute weitgehend traditionell leben und wirtschaften. Und da sind zum anderen die überwiegend chinesischen Bewohner schnell wachsender Städte wie Korla, Hotan oder Hohot, die aufgrund besserer Verdienstmöglichkeiten in den Westen des Landes umgezogen sind. Im Vergleich zu ihnen führt die einheimische Bevölkerung in den Städten ein Schattendasein. Ihre alten Wohnviertel sind niedergerissen und durch chinesische Einheitsarchitektur ersetzt worden. Vor den Toren der Stadt stehen die Jurten oder Zelte der Viehzüchter – oftmals in Sichtweite der Wohnsilos.

Eine völlig andere Entwicklung ist in der Volksrepublik Mongolei zu beobachten. Nach dem Ende der Sowjetunion brach die ganz auf die Bedürfnisse des großen Nachbarn ausgerichtete Planwirtschaft zusammen. Viele Mongolen kehrten gezwungenermaßen zur traditionellen, extensiven Viehhaltung zurück, so dass in den Sommermonaten heute wieder 70 Prozent der mongolischen Bevölkerung in Jurten leben. Wer nun die Mongolei bereist, fühlt sich oftmals in die Zeiten Dschingis Khans zurückversetzt. Das Pferd ist nach wie vor das wichtigste Transportmittel in den Wüstensteppen der Gobi, und im Altai wird noch mit Adlern gejagt.