Traumberuf Abenteurer?
»Die Leistungen der Sponsoren machten zu der Zeit maximal fünf Prozent meines Reiseetats aus. Und dabei ist es bis heute geblieben! Mit den Jahren wurden die Sachleistungen zwar umfangreicher, der finanzielle Aufwand meiner Reiseprojekte stieg aber in vergleichbarem Maße, sodass Sponsoring nach wie vor keine große Rolle für mich spielt – wenn man es aus rein finanzieller Sicht betrachtet.«

In Gesprächen habe ich oft den Eindruck gewonnen, dass viele denken, ich säße zu Hause stets auf gepackten Koffern und mein einziger Wunsch sei es, schnellstens wieder eine Wüste zu durchqueren. Diese Vorstellung entspricht so gar nicht meinem Leben.

Ich bin zwar leidenschaftlich gern mit meiner Kamera in den Wüsten unterwegs, als genauso spannend empfinde ich aber auch das Tourneeleben, das mich kreuz und quer durch den deutschsprachigen Raum führt und mich immer wieder in Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen bringt. Und ich bin gern in München, genieße die Ruhe zu Hause und arbeite vormittags gemeinsam mit meiner langjährigen Mitarbeiterin Tine im Büro. Meine Freizeit verbringe ich in der Natur, meist am Ammer- und Wörthsee oder in den Alpen. In Oberbayern fühle ich mich zu Hause, dort bin ich geboren, und dort möchte ich auch immer leben. In den Wüsten bin ich Gast, wenn auch ein Gast, der sich dort gut auskennt und sehr wohl fühlt. Ich denke, meine Verwurzelung zu Hause und meine gleichzeitige Lust am Reisen hat viel mit meinen Eltern zu tun. Mein Vater ist ein sehr heimatbezogener Mensch, meine Mutter reist leidenschaftlich gern.

Ich habe die letzten drei Jahrzehnte als eine Zeit voller Kontraste zwischen ganz unterschiedlichen Lebenswelten wahrgenommen. Fortwährend zwischen Timbuktu und Oberbayern, zwischen Büro und Tournee, zwischen Elternsprechtagen und Salzkarawanen zu wechseln, finde ich faszinierend. So manch einer würde das Hin- und Herspringen zwischen den Welten als aufreibend empfinden, ich hingegen habe aus dieser Art zu leben immer viel Motivation und Ideen bezogen.

Wichtig in meinem Leben sind meine beiden Kinder Gina und David. 1987 war ich mit meiner damaligen Freundin Steffi vom Nil zum Niger gereist und hatte gerade eine neue Tournee begonnen, als wir im Januar 1988 Eltern wurden. Unsere Tochter Gina wurde in der 26. Schwangerschaftswoche geboren, ihre Überlebenschancen waren minimal. Sofort sagte ich eine geplante Reise nach Mali ab. Die Sorge um unsere Tochter stand nun an erster Stelle. Sie prägte in den nächsten Monaten unseren Alltag und hielt auch an, als Gina viele Monate später die Klinik als gesundes, aber noch sehr empfindliches Baby verlassen konnte. Dass ich Vater war, kostete viel Kraft und Zeit, was durch die Freude, die das Leben mit Kind bietet, und die vielen neuen Erfahrungen mehr als aufgewogen wurde. Eine Herausforderung bestand für mich darin, mein Reise- und Tourneeleben mit meinem Vatersein zu verein-baren. Nun lernte ich meine Freiheit als Selbstständiger schätzen, denn ich konnte mir meine Zeit gemäß den Bedürfnissen unserer jungen Familie frei einteilen und Gina auch während meiner Arbeit betreuen. Bei Vorträgen nahm ich meine Tochter einfach mit. Ginas Schlafplatz war oft eine kleine Matratze hinter der Leinwand, wo sie seelenruhig schlief, während ich meine Dias zeigte. Am Schluss war Gina das letzte »Gepäckstück«, das ich ins Auto hob. Auch meine Geschäftspartner nahmen nie Anstoß daran, wenn ich mit meiner kleinen Tochter zu Besprechungen kam.

Ein Jahr nach ihrer Geburt nahmen wir Gina zum ersten Mal mit nach Afrika, was ich heute nicht mehr tun würde. Keiner von uns dreien hatte etwas von dieser Ostafrikareise. Erst als sie vier war, machte Gina das Reisen durch Afrika Spaß. Kay Maeritz, ein Freund und Kollege, und ich nahmen Gina mit auf eine sechswöchige Reise durch Namibia und Botsuana. Nie wieder wurde ich so unkompliziert und so oft von den Einheimischen angesprochen – aus der Begegnung mit dem kleinen europäischen Kind ergaben sich immer herzliche Kontakte. Später nahm ich Gina nach Algerien, in den Niger, die Mongolei, die Emirate, nach Australien und in die USA mit. Die Reisen waren dann für uns beide angenehm, wenn wir die heißen Monate und schwierige Länder mieden. Da ich das Fotografieren im Reisealltag auf wenige kurze Situationen beschränkte, blieb uns genug Zeit für gemeinsame Erlebnisse.

In den letzten Jahren war ich auch viel mit meinem Sohn David unterwegs, der 1996 geboren wurde. So reiste ich mit ihm und Gina in die Sahara, nach Westafrika und durch das südliche Afrika. Auch für ihn waren das freie Campen, das tägliche Weiterziehen und die vielen Begegnungen mit einheimischen Kindern prägende Erlebnisse. Dass ich meinen Kindern etwas von »meinen« Wüsten zeigen kann, macht mich froh. Oft fällt mir auf, dass sie das Gesehene viel mehr beschäftigt, als es ihnen selbst bewusst ist, und ich bin sicher, dass der Blick über den Tellerrand sie sensibel gemacht hat für die Vielfalt unserer Welt.

Als ich im Alter von 17 Jahren den ersten Diavortrag über meine Reisen hielt, hätte wohl niemand und am allerwenigsten ich selbst gedacht, dass ich daraus einmal einen Beruf machen würde. Spätestens seit meiner Studienzeit war mir aber klar, dass ich nichts lieber tat, als reisen, fotografieren und darüber berichten, und dass ich das keinesfalls nur in meiner Freizeit betreiben wollte. Diesen beruflichen Weg eingeschlagen zu haben, habe ich nicht eine Minute bereut. Seit nunmehr fast 30 Jahren bin ich noch genauso begeistert wie damals, als alles angefangen hat.

Begeisterung ist sicher ein wichtiger Motor, aber sie läuft ins Leere, wenn man nicht selbstkritisch prüft, wo die eigenen Talente liegen. Ich hatte das Glück, dass ich dies schon als Jugendlicher herausgefunden habe. Ich sehe meine Talente im Fotografieren, Präsentieren und Organisieren. Das Talent zu fotografieren habe ich wohl von meinem Vater geerbt, der wie ich als Jugendlicher fotografierte und mit seiner Agfa Box Fotowettbewerbe gewann. Als leidenschaftlicher Anhänger des Bauhausstils und der modernen Malerei prägte er mein ästhetisches Empfinden. Meine Mutter legte mir das rednerische Talent in die Wiege. Die Lehrerin und spätere Gymnasialdirektorin verstand es, ihre Schüler sogar für Latein zu faszinieren, und ermutigte mich immer, meine Gedanken in klare, überzeugende Worte zu fassen. Grafische und rhetorische Begabung allein hätte nicht gereicht, um in meinem Beruf erfolgreich zu sein. Organisationstalent und unternehmerische Risikobereitschaft sind ebenso Voraussetzung. Hier hatte ich in meiner Familie keine Vorbilder. Geholfen hat mir aber, dass ich erste geschäftliche Erfahrungen mit der Vermarktung meiner Fotos schon früh sammeln konnte. Steigt man später in den Beruf »Abenteurer« ein, ist es ungleich schwerer.

Nach meinen Diavorträgen sprechen mich des Öfteren Leute aus dem Publikum an und sagen mir, dass sie von einem so abenteuerlichen Leben träu­men und viel lieber nur reisen würden, als ihr Arbeits­leben beispielsweise am Schreibtisch zu verbringen. Es stimmt, dass ich in den drei Jahr­zehnten meiner Reisen viel Abenteuerliches erlebt habe, doch bin ich deswegen Abenteurer von Beruf? Bin ich nicht eher Reisender, Fotograf, Diareferent, Buchautor, Projektmanager, Fundraiser? Eigentlich alles zusammen. Wer mich fragt, wie er sich mit Reisen, Fotografieren und Vorträgen eine berufliche Existenz aufbauen kann, weil er den Alltagstrott hinter sich lassen möchte, dem versuche ich also zu erklären, dass mein Beruf nicht nur aus Reisen und Fotografieren besteht. Ich muss planen, organisieren, Sponsoren suchen, mit Vortragsveranstaltern, Verlagen und Druckereien verhandeln, täglich jede Menge E-Mails schreiben und viel telefonieren. Und bis man sich in dem Beruf einen Namen gemacht hat, ist es ein sehr langer Weg.

Vor dem Antritt der ersten Reise steht erst einmal die Anschaffung einer professionellen Foto- und Reiseausrüstung; unterwegs fallen dann Kosten für das Fahrzeug und den eigenen Lebensunterhalt an. Dieser Finanzierungsaufwand amortisiert sich vielleicht erst Jahre später, denn es dauert sicherlich einige Zeit, bis die Vermarktung des Reiseprojekts finanzielle Früchte trägt. Mit anderen Worten: Wer Reisen zu seinem Beruf machen möchte, braucht ein gewisses Geldpolster. Und da die Wenigsten auf eine reiche Erbschaft zurückgreifen können, ist es üblich geworden, nach Sponsoren Ausschau zu halten. Um unrealistischen Vorstellungen von den Möglichkeiten, die sich aus der Zusammenarbeit mit Firmen ergeben, gleich entgegenzutreten, möchte ich hier betonen, dass Sponsoring zwar zur Verminderung der Reisekosten beitragen kann, niemals aber kostendeckend erfolgt. Auch meine Reisen werden, im Gegensatz zu dem, was manche glauben, keinesfalls komplett von Sponsoren finanziert.

Firmen handeln in aller Regel rational und haben nichts zu verschenken. Sie wägen das Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen genau ab und beantworten die meisten Bitten um Sponsoring daher mit einem Negativbescheid. Aufgrund der Vielzahl der Anfragen erhält man, wenn überhaupt eine Antwort, meist einen Standardbrief mit einer höflich formulierten Absage.

Mehrere solcher Briefe waren mir bereits ins Haus geflattert, als ich 1985 bei Minolta anfragte, mit deren Kameras ich schon zehn Jahre lang fotografierte, ob sie sich vorstellen könnten, meine Arbeit zu sponsern. Zu meiner großen Überraschung erhielt ich von der zuständigen Abteilung das Angebot, mir ihr Spitzenmodell, die Minolta 9000, samt Objektiven zur Verfügung zu stellen. Im Gegenzug sollte ich bei meinen Diavorträgen durch Logos und Prospekte für Minolta werben. So prangte fortan das blaue Minolta-Logo auf meinen Plakaten – und blieb dort bis 1989 auch das einzige Logo. Erst bei der Vorbereitung meiner Reise durch die Ténéré gelang es mir, weitere Firmen wie Climb High, Spezialist für Outdoor-Artikel, und Mariner, den Hersteller der bekannten Außenbordmotoren, zu bewegen, mich mit Sachaufwendungen zu unterstützen.

Die Leistungen der Sponsoren machten zu der Zeit maximal fünf Prozent meines Reiseetats aus. Und dabei ist es bis heute geblieben! Mit den Jahren wurden die Sachleistungen zwar umfangreicher, der finanzielle Aufwand meiner Reiseprojekte stieg aber in vergleichbarem Maße, sodass Sponsoring nach wie vor keine große Rolle für mich spielt – wenn man es aus rein finanzieller Sicht betrachtet. Von größter Bedeutung ist das Sponsoring allerdings bei der Planung und Durchführung meiner Reisen: So unterstützt mich die Firma BMW, mein langjähriger Partner, nicht nur, indem sie mir die Motorräder zur Verfügung stellt, sondern auch dadurch, dass meine Maschinen überall in der Welt von den BMW-Werkstätten vor Ort gewartet werden. Brauche ich ein Ersatzteil, reicht ein Anruf in München, und das Teil wird per Kurierdienst weltweit verschickt. Selbst bei meinen Bemühungen zur Beschaffung eines Einreisevisums für Saudi-Arabien erhielt ich von der BMW-Niederlassung in Riad Unterstützung. Leider ohne Erfolg, obwohl die Ölscheichs gern BMW fahren.

Und wertvoll sind für mich auch die Kontakte, die sich durch meine Partnerfirmen ergeben. So zeigte ich dank der Vermittlung von Leica, des bekannten Kameraherstellers, meine Diavorträge in Katar, und BMW Japan lud mich zum BMW-Motorradtreffen in die japanischen Berge ein, wo ich auch Gelegenheit hatte, meine Diashows vorzuführen.

Viele Sponsoren zeigen sich erstaunlich großzügig, was Gegenleistungen angeht, und fordern kaum welche ein. Andererseits stößt man gelegentlich auch auf Firmen, die es am liebsten sähen, dass man sich als Litfaßsäule präsentiert – da fällt es mir leicht, auf die Zusammenarbeit zu verzichten, denn ein Übermaß an Werbung wirkt genauso kontraproduktiv wie ein Sponsor, der den Ruf, den ich mir mit meiner Arbeit erworben habe, in einem fragwürdigen Licht erscheinen ließe.

Wer jetzt davor zurückschreckt, meinen beruflichen Fußstapfen zu folgen, dem möchte ich sagen: Reisen und Fotografieren kann man auch als Amateur – nomen est omen – mit Begeisterung betreiben, und Abenteuer gibt es überall.

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