| Blende 16 | |
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| »Seit ich die Fotos gleich nach dem Aufnehmen auf dem Monitor überprüfen kann, bin ich viel experimentierfreudiger geworden.« Meine erste Kamera bekam ich zum zehnten Geburtstag. Es war eine Kodak Instamatic, in die nicht herkömmliche Kleinbildfilme, sondern Filmkassetten eingelegt wurden. Die belichteten Kassetten brachte ich regelmäßig zur Drogerie Liebscher in meinem Heimatort Gersthofen. Es dauerte meist eine Woche, bis der entwickelte Negativfilm und die Abzüge vom Labor zurückkamen. Im Beisein von Herrn Liebscher, auch mit 80 noch ein begeisterter Fotograf, öffnete ich erwartungsvoll die Tüte, und gemeinsam beurteilten wir die einzelnen Bilder. Die Kosten für Entwicklung und Abzüge waren mit 20 DM ziemlich hoch, doch nie verließ ich die Drogerie ohne eine neue Filmkassette. Die Kamera hatte nur wenige Einstellmöglichkeiten. Das Fixfokus-Objektiv sorgte für eine gewisse Schärfentiefe. Die Belichtung ließ sich lediglich anhand der Symbole Sonne, Schatten und Blitz beeinflussen. Zum Blitzen wurden Blitzwürfel aufgeschoben, die vier Blitze zuließen. Die Möglichkeiten der Kamera waren mir bald zu wenig, und ich träumte von einer Spiegelreflexkamera, mit der ich Schärfe, Blende und Belichtungszeit einstellen und so die Bilder kreativ gestalten könnte. Groß daher war meine Freude, als Weihnachten 1975 ein Kosmos-Optikbaukasten für mich auf dem Gabentisch lag. Er enthielt den Bausatz für eine einfache Spiegelreflexkamera. Gespannt baute ich alles zusammen, machte ein paar Aufnahmen und war enttäuscht – die Qualität der Bilder reichte nicht einmal an die meiner Kodak Instamatic heran. Mit 14 hatte ich endlich genug Geld gespart und kaufte mir eine manuelle Kleinbild-Spiegelreflexkamera. Ich entschied mich für die Minolta SRT 101b, mit einem 50-mm-Normalobjektiv sowie einem lichtstarken 200-mm-Soligor-Teleobjektiv. Die Kamera ließ sich durch Adapter mit einem Fernrohr verbinden, das damit zu einem gewaltigen Teleobjektiv wurde. 30 Jahre lang bestimmten nun drei Konstanten mein Leben als Fotograf – die analoge Spiegelreflexkamera, lichtstarke Objektive und Diafilme. Dafür war zunächst meine Leidenschaft für Astronomie verantwortlich, denn die Astrofotografie erfordert lichtstarke Wechselobjektive, nutzt die überlegene Schärfe und Farbbrillanz von Diafilmen und erzielt die besten Resultate, wenn das Kameragehäuse direkt an das Fernrohr angeschlossen werden kann. In der ersten Hälfte dieser drei Jahrzehnte waren meine Bilder eher einfach gestaltet. Bald fotografierte ich nicht mehr nur die Sterne. Mehr und mehr wurde ich zum Reisefotografen und richtete die Kamera auf die Motive, die mir unterwegs begegneten. Diesen Bildern sah man an, dass sie im Vorübergehen entstanden waren. Das hing vor allem mit meinem Reisestil jener Jahre zusammen. Ob mit Mofa, Rucksack oder Auto unterwegs, es ging jeden Tag weiter. Kilometer zurücklegen, das zählte für mich mehr als exzellente Fotos machen. Und wenn man die Wüste mit alten Autos durchquert, dreht sich alles um die Fahrzeuge und das Bemühen, sie fahrtüchtig zu halten. Ölverschmiert, erschöpft, mit den alltäglichen Herausforderungen des Reisens beschäftigt, blieb mir nicht so viel Zeit und Energie fürs Fotografieren. Der Umstieg vom Auto auf das Motorrad änderte daran kaum etwas. Die gesponserten nagelneuen Motorräder mussten zwar nicht dauernd gewartet werden, aber Motorradfahren erfordert so viel Kraft, dass es schwierig ist, sich dabei aufs Fotografieren zu konzentrieren. Mit meiner ersten Minolta-Spiegelreflexkamera, der SRT 101b, fotografierte ich einige Jahre lang, hatte mir zu meinem Normal- und dem Teleobjektiv aber auch ein 17-mm-Tokina-Weitwinkelobjektiv gekauft. In die Kamera war ein Belichtungsmesser eingebaut, der im Sucher den korrekten Wert anzeigte. Belichtungszeit, Blende und Schärfe musste ich dann manuell einstellen, was mich lehrte, diese Faktoren und ihr Zusammenwirken bei der Bildgestaltung bewusst einzusetzen. Später ersetzte ich die manuelle durch eine automatische Minolta-Spiegelreflexkamera, bei der ich nur noch die Schärfe einstellen musste – was die Erfolgsquote bei Motiven, die schnelles Auslösen erforderten, beträchtlich erhöhte. Minolta stellte mir 1986 die Minolta 9000 zur Verfügung, damals eine technische Neuerung mit Autofokusobjektiven, die eine automatische Einstellung der Bildschärfe gewährleisteten. Meine Fotos wurden aber nicht sehr viel besser. Der Autofokus jener Kamerageneration war laut und langsam. Bei schwachem Licht und diffusen Objekten funktionierte er gar nicht. Auch die automatische Einstellung von Blende und Belichtung erwies sich bei den oft extremen Lichtsituationen als unzureichend, und nicht selten wünschte ich mir die manuelle Belichtungsmessung meiner ersten Spiegelreflexkamera zurück. Als ich die entwickelten Filme meiner Motorradreise von Kenia nach Kapstadt auf dem Leuchtpult betrachtete, überzeugte mich das Ergebnis nicht hundertprozentig. Ich musste mich fotografisch verbessern. Schon lange bewunderte ich die Fotos des Reise- und Landschaftsfotografen Karl Johaentges. Sein Buch Bilder einer Weltreise hatte mich so fasziniert, dass ich ihn unbedingt kennen lernen wollte. Wir verabredeten uns in einer Münchner Eisdiele. Dort wartete ich eine Stunde auf ihn. Ihm ging es genauso, auch er wartete eine Stunde auf mich. Bis wir beide endlich merkten, dass wir an zwei Nachbartischen saßen, ohne uns erkannt zu haben. Karl Johaentges machte den Pressechef von Leica auf mich aufmerksam. Und tatsächlich erhielt ich von dem legendären Kamera- und Objektivhersteller, wenn auch nur leihweise, eine Leica R 7 mit einem 28-mm-Weitwinkel- und einem 180-mm-Teleobjektiv.
Meine erste Reise mit neuer Kamera und neuem Film ging nach Ägypten, ich fuhr in Überlandtaxis das Niltal hinauf. Von dieser Reise brachte ich Bilder nach Hause, die mich glücklich machten. Sie zeigten Menschen und Alltagssituationen in großer Eindrücklichkeit. Eines dieser Fotos, ein Mädchen mit einer weißen Taube, wird bis heute immer wieder veröffentlicht. Was hatte sich verändert? Sicherlich spielten die neue Fotoausrüstung und der neue Film eine Rolle, bestimmt auch der Motivreichtum Ägyptens. Entscheidend aber war, dass es mir zum ersten Mal gelang, Menschen zu fotografieren. Ich hatte begriffen, dass ich mit den Leuten ins Gespräch kommen, dass ich ein Vertrauensverhältnis aufbauen musste, bevor ich die Kamera hervorholen konnte. Dies ist in Ägypten einfacher als zum Beispiel bei den Tubu im tschadschen Tibesti-Gebirge, die gegen ihre Regierung rebellieren und jedem Fremden daher zunächst mit Misstrauen begegnen. Trotzdem war ich überrascht und ein bisschen gerührt, als ich erlebte, wie offen die Menschen auf mich zugingen, als ich endlich meine Scheu überwunden hatte, Einheimische anzusprechen oder mich auf eine Unterhaltung mit ihnen einzulassen, wenn sie mich ansprachen. So saß ich bald inmitten von Großfamilien, wurde mit Fragen bestürmt und versuchte selbst möglichst viel zu erfahren. Sprach niemand Englisch und war kein Dolmetscher zur Hand, zog ich ein Fotoalbum aus dem Rucksack, das ich von zu Hause mitgebracht hatte. Ich zeigte den Fragenden meine Familie und meine Welt, und der Funke sprang über. Erstmals hatte ich auch eine Sofortbildkamera dabei. Ich fragte die Leute, ob sie sich nicht fotografieren lassen wollten, ich würde ihnen das Foto schenken, und viele ließen sich daraufhin gern porträtieren. Die Sofortbildkamera sollte mich jahrelang auf allen meinen Reisen begleiten. Immer wieder traf ich Menschen, die noch nie ein Foto von sich besessen hatten. Eltern ließen ihre Kinder, Enkel ihre betagten Großeltern von mir ablichten – natürlich erst, wenn sich alle in ihre feinste Kleidung gehüllt hatten. Selbst turkmenische Sicherheitsbeamte und chinesische Geheimdienstler, die hartgesottensten ihrer Zunft, vergaßen das strenge Fotografierverbot, wenn ich ihnen sagte, dass ich sie, oft auf meinem Motorrad sitzend, in Uniform ablichten würde. Immer habe ich zuerst meine Bilder aufgenommen, danach das Sofortbild für die Einheimischen, denn sobald es aus der Polaroidkamera kam, starrten alle gebannt auf das entstehende Bild. Viele wünschten sich auch ein Foto mit mir oder meinen Reisepartnern, vorzugsweise meinen weiblichen. In den Jahren von 1993 bis 2004 habe ich 15 Sofortbildkameras verschlissen und Tausende Sofortbilder verschenkt. Inzwischen hatte ich auch begriffen, wie wichtig die Lichtverhältnisse beim Fotografieren sind. Sie sind in erster Linie von der Wahl der richtigen Jahreszeit und Tageszeit abhängig. Da ich klares Wetter bevorzuge, reiste ich fortan nur noch während der Wintermonate durch die Wüste. Dann ist der Himmel dort meist tiefblau, die Sicht glasklar, die Sonne steht tief und die Konturen der Landschaften treten besser hervor. Was die Tageszeit angeht, so entstehen inzwischen fast alle meine Bilder in den Tagesrandzeiten, also in den zwei Stunden nach Sonnenaufgang und zwei Stunden vor Sonnenuntergang. Das ist auch genau die Zeit, wenn die Menschen die Straßen bevölkern, ihren vielfältigen Beschäftigungen nachgehen, sich treffen und miteinander reden. Wer einmal mittags durch eine Sahara-Oase läuft, wird einen scheinbar menschenleeren Ort vorfinden. Richtete sich in den ersten 15 Jahren der Reiserhythmus nach der Art und dem Zustand der Fahrzeuge, mit denen ich unterwegs war, beeinflusste nun das Fotografieren die Tagesplanung. Ich stehe lange vor Sonnenaufgang auf, esse in der Dunkelheit schnell eine Kleinigkeit, und sobald sich das erste Morgenlicht zeigt, nehme ich die Kamera zur Hand. Spätestens zwei Stunden nach Sonnenaufgang ist das von mir zum Fotografieren bevorzugte Licht verschwunden, dann frühstücke ich ausgiebig, packe zusammen und breche so schnell wie möglich auf. Tagsüber versuche ich so viel Strecke wie möglich hinter mich zu bringen, denn spätestens zwei Stunden vor Sonnenuntergang muss die Tagesetappe geschafft und genügend Zeit fürs Fotografieren sein. Nach dem Verschwinden des letzten Tageslichts wird gekocht, der Schlafplatz eingerichtet, und ich kümmere mich um Fotoequipment oder Fahrzeug. Das erste Projekt, das ich konsequent als Fotoprojekt umgesetzt habe, war »Die Wüsten Afrikas«. Erstmals war ich mit einer professionellen Fotografin unterwegs, meiner damaligen Freundin Katja. Wir teilten die gleiche Begeisterung für Afrika, Reisen und Fotografieren und waren uns einig, dass wir lieber ein Objektiv mehr als eine Ersatzhose mitnehmen wollten. So glich unser Motorrad beim Start in Kapstadt einem rollenden Fotostudio. Neben unseren Spiegelreflexausrüstungen hatten wir noch zwei Sofortbildkameras, eine Mittelformatkamera – die Mamiya 7 mit dem Bildformat von 6 x 7 cm – und zwei schwere Stative an Bord. Die Mittelformatkamera brauchte ich für Motive, die sich für große Kalenderbilder und doppelseitige Abbildungen eignen. Jeden Tag standen wir um vier Uhr morgens auf und fotografierten um die Wette. In den sechs Monaten dieser Reise legten wir mehr als 20.000 Kilometer quer durch Afrika zurück, blieben an kaum einem Ort länger als eine Nacht und fanden täglich neue faszinierende Fotomotive. Bei der Ankunft in Mauretanien hatten wir fast 1.000 Rollen Fuji Velvia belichtet.
Allein meine Kameraausrüstung wog mehr als Elke, die für das Filmen zuständig war. Ich hatte mir vorgenommen, von der Reise einen Film zu produzieren, und dazu eine Videokamera, die Sony PD 150, samt einem schweren Filmstativ angeschafft. Wenn ich die Sofortbildkamera, die Polaroidfilme, die Hunderte Kleinbild- und Mittelformatfilme und die große Anzahl Videokassetten hinzurechne, belief sich das Gewicht der Foto- und Filmausrüstung auf weit über 100 Kilogramm – und das auf einem Motorrad. Schließlich fand alles auf der Maschine Platz, Elke saß eingeklemmt zwischen den Kamerataschen auf dem Soziussitz, und wir fuhren los. Wenn ich nun ein interessantes Motiv oder wenn Elke eine filmenswerte Szene sah und wir unsere Ausrüstung hervorholen wollten, war das mit einem erheblichen Zeitaufwand verbunden, bedeutete es doch, dass wir das kunstvoll verschnürte Gepäck abpacken mussten. So brauchte es zunächst etwas Zeit, bis wir die Bilder im Kasten hatten. Kompliziert wurde es auch, wenn wir Fahrszenen mit dem Motorrad aufnehmen wollten. Abpacken, mehrfaches Hin- und Herfahren, denn jede Fahrszene musste ja mehrmals fotografiert und mehrmals gefilmt werden, alles wieder aufpacken – das dauerte, aber wir bekamen Übung darin und schafften es schließlich in wenigen Minuten. Und freuten uns darauf, die tagsüber entstandenen Filmaufnahmen uns abends am Feuer auf dem Monitor anzusehen. Fotografieren und Filmen erfordern unterschiedliche Arbeitsweisen, und nicht immer ist es möglich, beides gleichzeitig durchzuführen – so hätten Fotos mit der Sofortbildkamera, die ja sofort die Aufmerksamkeit der Einheimischen auf sich ziehen, das Filmen von Alltagsszenen gestört, und durch das Auslösegeräusch der Kamera wäre jede Tonaufnahme ruiniert worden. Bei den meisten Motiven mussten Elke und ich uns daher miteinander abstimmen. War es besser, zu fotografieren, zu filmen, oder bekamen wir vielleicht beides hin, und wenn ja, wie? Darüber gab es oft heftige Diskussionen, weil wir beide ehrgeizig sind. Genau genommen hätten wir uns in den jeweiligen Wüstenländern als Fotograf und als Kamerafrau akkreditieren lassen müssen, doch das wäre angesichts der Anzahl und Art der Staaten, in denen wir unterwegs waren, vollkommen aussichtslos gewesen, also reisten wir lieber mit einfachen Touristenvisa. Das Motorrad schützte uns vor dem Misstrauen der Behörden, denn niemand vermutete darauf einen Profifotografen oder eine Kamerafrau. Kein afrikanischer Polizist, ja nicht einmal die chinesischen Zöllner sahen sich unser Gepäck genauer an, sonst wäre ihnen schnell aufgefallen, dass die umfangreiche Kamera- und Filmausrüstung eher zu Journalisten als zu Touristen passte und offiziell gar nicht hätte eingeführt werden dürfen. Eine andere Sorge erwies sich als unbegründet, nämlich die Haltbarkeit der Filme. Da wir meist in den Wintermonaten reisten, war es selten heißer als 40 °C. Die Filme hatte ich in einer Thermotasche in einer Motorradbox verstaut. Weder in unbelichtetem, noch in belichtetem, aber unentwickeltem Zustand nahmen sie Schaden. Von den über 2.000 Filmen, die ich während der Reisen durch die Wüsten der Erde belichtete, büßte ich nur drei ein – nicht durch Hitze, sondern durch Kälte. Als ich die Filme auf dem Altiplano in Bolivien bei Temperaturen von minus 25 °C in der Kamera zurückspulte, zersplitterten sie. Dass extreme Hitze einen Film zerstört, habe ich nie erlebt. Auch die zahllosen Röntgenkontrollen des Handgepäcks haben die Filme nicht beschädigt. Um der Gefahr des Diebstahls vorzubeugen, ließ ich die belichteten Filme nie aus den Augen und trug sie immer bei mir, manchmal hatte ich sie sogar des Nachts mit im Schlafsack. So brachten wir von unseren Reisen in den Jahren von 2000 bis 2004 insgesamt 2.200 Rollen belichteten Film und 400 Videokassetten wohlbehalten mit zurück nach Hause. Auch beim Entwicklen der Diafilme ließ ich Vorsicht walten. Das fertige Dia kann man nicht mehr verändern, auf den Entwicklungsprozess kann man aber noch Einfluss nehmen. Wenn zum Beispiel der Belichtungsmesser defekt ist und eine Drittelblende zu dunkel gemessen hat, kann man den ganzen Film heller entwickeln lassen. Nach unserer Rückkehr brachte ich erst einen Film aus jeder Kamera zum Entwickeln, dann noch einen und noch einen. Wenn dann alles in Ordnung war, kamen die übrigen Filme an die Reihe. Im Sommer 2006 rief mich die Polizeiinspektion München-Pasing an meinem Urlaubsort in der Toskana an und setzte mich davon in Kenntnis, dass Polizeitaucher persönliche Unterlagen von mir bei München aus dem Fluss Würm gefischt hätten. Das konnte nur bedeuten, dass in mein Haus eingebrochen worden war. Ich bat die Polizei, nachzusehen. Per Handy dirigierte ich sie in den Keller, wo in einem Regal meine gesamte Kamera- und Filmausrüstung lagerte. Das Regal war leer – Kameras und Objektive im Wert von über 50.000 Euro waren gestohlen. Meine wichtigsten Dias liegen glücklicherweise in einem Bankschließfach.
Als aber Leica bei der Photokina 2008 stattdessen die schwere und teure Mittelformatkamera S 2 vorstellte, stand mein Entschluss fest, auf Nikon umzusteigen. Nikon hatte mit der D 3 eine digitale Spiegelreflexkamera auf den Markt gebracht, die hinsichtlich Ausstattung und Robustheit ideal für mich schien. Ich zögerte nicht länger und kaufte sie. Einschließlich der neu entwickelten Zoomobjektive wiegt meine Kameraausrüstung nun nur noch ein Viertel dessen, was die alte wog, und endlich passt sie wieder in den Tankrucksack des Motorrads oder in einen kleinen Fotorucksack. Im August 2008 reiste ich mit meinen Kindern nach Namibia und Botsuana. Im Gepäck hatte ich meine neue Nikon D 3 mit dem 14-24-mm-, dem 24-70-mm- und dem 70-200-mm-Nikon-Zoom. Gespannt, was die Kamera zu leisten vermochte, richtete ich gleich in der ersten Wüstennacht die D 3, das Zoom auf die Ultraweitwinkelbrennweite von 14mm eingestellt, auf die Milchstraße der südlichen Hemisphäre und belichtete bei einer Empfindlichkeit von 6.400 ASA 30 Sekunden lang. Wenige Sekunden nach der Belichtung leuchtete das Bild auf dem Monitor auf – ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Die Milchstraße erstrahlte vor einem dunklen Himmel, Tausende Sterne funkelten in allen Farben, und das Lagerfeuer in meiner Nähe ließ die Bäume im Vordergrund orange leuchten. Die Veränderbarkeit der Isozahl zählt für mich zu den größten Vorteilen der digitalen Fotografie, lässt sich die Empfindlichkeit des Sensors doch blitzschnell den jeweiligen Lichtverhältnissen anpassen. Günstige Kompaktkameras zeigen schon bei 400 ASA ein starkes Bildrauschen, die Topmodelle von Nikon, Sony oder Canon liefern hingegen selbst bei 6.400 ASA noch hervorragende Bilder. Damit ergaben sich mir wenige Monate später in Mali ganz neue Möglichkeiten. Wie düster und schummrig es in den Nomadenzelten auch war, mit der D 3 konnte ich ohne Stativ und Blitz fotografieren und mich an Farben erfreuen, die dem bloßen Auge verborgen blieben, aber trotzdem da waren und auf den Fotos natürlich wirkten. Auch die extremen äußeren Bedingungen in der Wüste, Hitze, Sand, Erschütterungen und der allgegenwärtige Staub, konnten der Digitalkamera nichts anhaben. Natürlich muss man darauf achten, dass die Kamera so wenig wie möglich mit Sand und Staub in Berührung kommt. Ein verschmutzter Sensor führt zu Flecken und Punkten auf den Bilddateien, die bei der Nachbearbeitung mit großem Zeitaufwand wieder entfernt werden müssen. Der Vorteil im Vergleich zur Analogkamera ist aber, dass man die Verschmutzung des Bildsensors unterwegs bemerkt und beheben kann. Durch Sand und Staub verursachte Kratzer auf einem Film merkt man dagegen erst, wenn es zu spät ist. Dadurch hatte ich früher schon viele Bilder verloren. Auch die Stromversorgung digitaler Kameras ist kein Problem. Steckdosen sind zwar unterwegs oft Mangelware. Da die Energie moderner Akkus für 1.000 Bilder und mehr reicht, findet sich aber meist rechtzeitig eine 220-V-Steckdose. Im Notfall hätte ich die Akkus an der Fahrzeugbatterie aufladen können. Es beruhigt mich außerordentlich, dass ich meine Bilder nun auf einer Festplatte zusätzlich sichern kann. Diese verstaue ich getrennt von der Kamera im Gepäck, was das Risiko eines Verlustes der Bilder durch Diebstahl deutlich mindert. Gegenüber den Wüstennächten, die ich mit Dutzenden belichteter Filme im Schlafsack verbracht habe, um sie vor Diebstahl zu schützen, ist das ein wahrer Fortschritt.
Bei allem Enthusiasmus über die neuesten Entwicklungen in der Fotografie – wenn ich die Bilder der großen Fotografen Robert Capa oder Henri Cartier Bresson, von Eric Valli oder Steve McCurry betrachte, wird mir immer wieder deutlich, dass nicht die Technik das Entscheidende ist, sondern der Mensch hinter der Kamera. |
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