Michael Martin

Interview


Herr Martin, Sie kehren nach sechs Jahren und hunderttausenden Kilometern von Ihren weltweiten Reisen für Ihr Projekt »Planet Wüste« zurück. Mit welchen Gefühlen kommen Sie nach Deutschland zurück?

Ich habe es als großes Privileg empfunden, die Extremzonen unseres Planeten und ihre Menschen so intensiv kennenlernen zu dürfen. Ich habe die faszinierensten Landschaften der Erde gesehen, habe charismatische Menschen getroffen und spannende Abenteuer erlebt. Nun freue ich mich aber auf das Leben hierzulande, das ja auch recht aufregend ist. Vor mir liegen hunderte Veranstaltungen und hunderttausende Autobahnkilometer.


Ihr Projekt setzt sich aus 40 verschiedenen Expeditionen zusammen, auf denen Sie von unterschiedlichen Teams durch zahlreiche Regionen unserer Erde begleitet wurden. Ihre Impressionen und Forschungsergebnisse fassen Sie in Ihrem Gesamtwerk »Planet Wüste« zusammen. Was darf man von diesem Projekt erwarten?

Zum ersten Mal in der Geographie werden Trockenwüsten und Polarregionen so umfassend gegenübergestellt. Das Ergebnis zeigt, dass dieser Ansatz nicht nur wissenschaftlich spannend, sondern fotografisch und filmisch höchst attraktiv ist. Wo das Leben an seine Grenzen gerät, muss man zwar manchmal genauer hinsehen, ist aber umso faszinierter von den Anpassungsleistungen der Tieren, Pflanzen und Menschen.


Sie bereisen und erforschen bereits seit über 30 Jahren Wüstengebiete auf der ganzen Erde. Warum musste es noch ein Mammut-Projekt wie dieses sein?

Das liegt wohl in meiner Persönlichkeit begründet. Ich bin immer einen Schritt weitergegangen. Nur dann bin ich bereit, meine ganze Kraft und Zeit auf das neue Projekt hin zu fokussieren und manchmal auch ein Risiko einzugehen. Ich kann die Zuschauer und Leser nur begeistern, wenn ich selbst begeistert bin.


Was und wen möchten Sie mit dem Projekt erreichen?

Ich möchte erreichen, dass sich mehr Menschen für Wüsten und Polargebiete interessieren und verstehen, dass sie geschützt werden müssen. Der Schutz der Regenwälder oder der Ozeane ist anerkannt, die Wüsten und Polargebiete aber werden als marginale Räume gesehen, aus denen die Rohstoffe kommen, in denen Waffen getestet werden können, wo man ausrangierte Flugzeuge parken und Autorallyes durchführen kann. Dabei sind sowohl die Wüsten als auch die Polargebiete Teil unserer Natur. Sie sind in weiten Teilen immer noch unberührt und müssen bewahrt werden vor unserem Hunger nach Rohstoffen, zumal diese Regionen ökologisch höchst sensibel sind.

Ich würde mir wünschen, dass »Planet Wüste« dazu beiträgt, eine Lobby für Wüsten und Polargebiete zu schaffen, denn sie haben es verdient. Dabei gehe ich nicht dogmatisch und mit erhobenen Zeigefinger vor. Ich konzentriere mich auf geographische Fakten und zeige Bilder, welche die Einzigartigkeit und Schönheit der Wüsten und Polarregionen wiedergeben.


Mit Ihren Teams haben Sie die unterschiedlichsten Gebiete erkundet, zahlreiche Menschen und fremde Völker kennengelernt. Welche neuen Erkenntnisse bringen Sie dieses Mal mit?

Unser Blick auf die Welt ist doch sehr auf unser Europa fokussiert. Griechenland, Rente, Autobahnmaut. Es tut gut, auf Reisen weltweit zu erfahren, dass es auch ganz andere Lebenswelten gibt. Ich bin immer wieder beeindruckt von der Kraft, Würde und Warmherzigkeit, die mir bei Wüstenbewohnern begegnet. Obwohl die äußeren Bedingungen oft viel schwieriger und härter als in Europa sind, führen viele Menschen ein durchaus erfülltes Leben als Nomaden oder Oasenbewohner. Beeindruckend finde ich das Festhalten an Wertvorstellungen und Tugenden, die bei uns längst gelitten haben. Dazu zähle ich den Zusammenhalt der Familien, den Umgang mit älteren Menschen, die Gastfreundschaft und den Schutz der Natur.


Hat diese Expeditionen Ihre Sicht auf die Erde beeinflusst?

Ja, sicher. Ich empfinde tiefen Respekt für andere Kulturen und Sichtweisen, habe aber auch viel Elend und Ungerechtigkeit erlebt. Die Welt ist so ungeheuer vielfältig und ich bin dankbar, dass ich sie so facettenreich kennenlernen durfte. Und ich sehe unser Leben in Europa sicher realistischer. Ich schätze hierzulande Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit, soziale Sicherheit und Frieden. Gleichzeitig haben wir in Europa einen großen Nachholbedarf in Sachen Menschlichkeit.


Welche »andere« Seite unseres Planeten haben Sie auf Ihrer Reise kennenlernen dürfen?

Ich habe im Rahmen von »Planet Wüste« die Extremzonen der Erde erlebt, also die beiden Wüstengürtel sowie Arktis und Antarktis. Es sind Gebiete, die an sich lebensfeindlich sind und doch haben es Tiere, Pflanzen und Menschen geschafft, dort zu überleben. Während Tiere und Pflanzen erstaunliche Anpassungsleistungen vollbracht haben, hat sich der Mensch nur kulturell adaptiert, in dem er mit bestimmten Kulturtechniken den extremen Verhältnissen trotz. Auf jeden Fall stellen die Extremzonen der Erde den absoluten Kontrast zu den Landschaften und Lebenswelten Mitteleuropas dar.


Interview: Christin Nase, Leitung Presse, Knesebeck Verlag